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CHRONICON CARIONIS – PHILIPPICUM?

Ein Versuch, Carions Ehre zu retten

 

 Carions Umfeld.

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Inhalt

Kleine Einstimmung in den Zusammenhang. 2

Melanchthons Stellung zu Carion und seiner Chronik. 3

Carions Verachtung. 11

Erhard Ernst Hoch 1755. 11

Johann Christoph Adelung 1787. 12

Emil Menke-Glückert 1912. 16

Gotthard Münch 1925. 17

Aby Warburg 1920. 18

Hermann Roemer 1937. 18

Robert Stupperich 1961. 19

Wilhelm Maurer 1967. 20

Heinz Scheible 1997. 21

Barbara Bauer 1997, 1999, 2000. 21

Die Chronik im Leben Carions 23

Chronicon Carionis Carionis 35

Melanchthons Änderungswünsche. 35

Fassungsvergleich. 37

Astrologie in der Chronik. 46

Quellenfrage der Chronik. 49

Problemlage. 49

Problembehandlung in der Forschung. 57

Carions Eigenwert 62

Lebensbeschreibung des Carion, zweiter Versuch. 69

Schluss 72

Textanhang. 72

Johannes Reuchlins Vorwort zur Nauclerus-Chronik. 73

Melanchthon an Camerarius, Sonnwende 1531: negligentius scriptum   88

Melanchthon an Camerarius, 1531-07-26: Franken. 90

Melanchthon an Carion, 1531-08-17: opus tuum.. 96

Melanchthon an Camerarius, 1531-08-18: Komet 99

Melanchthon an Corvinus, 1532-01: Farrago  101

Carion an Herzog Albrecht, 1535-12-27: Rat an Melanchthon. 103

Carion an Herzog Albrecht, 1536-04-26: Reise nach Württemberg. 106

Melanchthon an Milichius, 1537-03-02: Carions Tod. 109

Melanchthon an Erzbischof Sigismund,1558-04: Widmung der Chronik I 110

Fassungsvergleich "Karl der Große" 138

Unterschiedliche Passagen in den beiden Chronik-Fassungen von 1532  148

3,12 Königreich Israel 148

3,19 Herakles 150

4,13 Rechnung der 70 Wochen Daniels 152

5,1 Vorstellung der dritten Monarchie und Alexander der Große. 158

6,4 Beginn des dritten Buchs: Geburt Christi 159

7,56 Karl V., der 39. deutsche Kaiser 161

Textende der Zweiten Chronik-Fassung  163

7,57 Ferdinand, der 40. deutsche Kaiser 163

8,1 Ferdinand, der 40. deutsche Kaiser 166

9 Schlussbetrachtung. 175

Peucer 1572. 181

Roemer 1937. 182

Roemer 1956. 189

Übersicht über die "astrologischen" Passagen der Chronik. 191

Literatur 197

 

Kleine Einstimmung in den Zusammenhang

"Den Namen 'Carion-Chronik' habe ich beibehalten, weil jenen mein Schwiegervater, Philipp Melanchthon, der erste Verfasser heiligen und glücklichen Gedenkens, nicht ändern wollte. Grund dieses Namens ist folgendes Geschehen: Vor 40 Jahren hatte der Mathematikus Johannes Carion angefangen, seine Chronik zu verfassen. Bevor sie zum Druck kam, schickte er sie Philipp Melanchthon zum Prüfen und Verbessern. Weil dieser nicht mit ihr einverstanden war, vernichtete er sie mit einem Strich und machte eine neue, der er trotzdem den Namen 'Carion' voranstellte; aber als er diese neu gemacht hatte, wollte er des Freundes Namen und die Erinnerung an ihn durch den Buchtitel für die Nachwelt bewahren, da von dessen Anfängen der erste Anlass, eine Chronik zu verfassen, ausgegangen war."

 

Schon diese Aussage von Melanchthons Schwiegersohn Caspar Peucer ist widersprüchlich: Man hält von einem Erzeugnis gar nichts, wirft es in den Papierkorb, macht ein neues, besseres Exemplar, will aber gleichzeitig den Verfasser dieses Schundes ehren? Bei Peucers Beschreibung könnte man meinen, es handle sich ja nur um ein Blatt Papier, aber die Carion-Chronik ist ein dickes Buch, kann zwar schnell im Ofen verschwinden, wird aber nicht "einfach so" neu gemacht. Solch eine Aussage wie die oben zitierte kann man nur machen, wenn man den einen, den Schwiegervater, über alles ehrt, den andern aber mindestens missachtet, wohl eher verachtet.

 

Peucers Sicht hat aber eine Vorgeschichte – und eine lange Folge.

 

Melanchthons Stellung zu Carion und seiner Chronik

War die Sicht des Schwiegersohns schon widersprüchlich, so zeigt sich, dass auch die Haltung des Schwiegervaters zwiespältig war.

 

Von einem Schlüsselerlebnis für sein Geschichtsbewusstsein erzählte Melanchthon immer wieder, wie Heinz Scheible feststellt, und zwar in unterschiedlichen Fassungen; hier folgt die Fassung von Melanchthons Einleitung zu seiner Chronik-Bearbeitung aus dem Jahr 1558 im Zitat nach Scheible (Dickdruck von mir):

"Oft hörte ich Reuchlin erzählen: Als bei Kurfürst Philipp von der Pfalz der Wormser Bischof Dalberg, Rudolf Agricola und er selbst nicht nur in privaten Gesprächen, sondern auch in politischen Beratungen oftmals ausgezeichnete Beispiele aus Persien, Griechenland oder Rom erzählten, entstand beim Fürsten der dringende Wunsch, die Geschichte kennenzulernen, weil er erkannte, daß eine klare Vorstellung der Zeiten, Völker und Staaten notwendig ist. Also bat er, ihm aus den hebräischen Quellen und den griechischen und lateinischen Schriften eine Geschichte der Monarchien zu verfassen, damit er sich die Weltalter und die wichtigen Veränderungen der Reiche merken könne. Damals gab es noch keine deutschen Bücher über die alten Reiche."

 

Melanchthon lässt also den alten Reuchlin ein Wunschbild eines Geschichtswerkes entwerfen, das in einer handlichen Kurzfassung der Geschichte Persiens, Griechenlands und Roms besteht, auf hebräischen, griechischen und lateinischen Quellen fußt – und dazu noch deutsch verfasst ist. Melanchthon vermutete in seiner Erzählung die entsprechende Handschrift in der Pfälzer Bibliothek; wichtig ist aber: Seine Person selbst steht mit dem gewünschten Kompendium nicht in Beziehung.

 

In Melanchthons Tübinger Zeit gab es einen Kommilitonen, ein Provinzbürschchen aus der Kleinstadt Bietigheim in Württemberg, damals noch "Johannes Nägelin" geheißen. Sie waren einander Mitschüler beim großen Alten der Uni Tübingen, bei Johannes Stöffler, dem damals bekannten Mathematikprofessor. 1518 trennten sich die Wege, der Melanchthons führte allseits bekannt nach Wittenberg, der Nägelins – der Welt verborgen – nach Berlin, wo er die Stelle als Hofmathematikus antrat.

1531 hatte dieser Nägelin, jetzt unter seinem neuen Namen "Carion", dem alten Schulfreund, der im Umfeld von Martin Luther zu einer Berühmtheit geworden war, seine Chronik, seine deutsche Chronik, so etwas, was ja Melanchthons oben angesprochenem Wunschbild entsprach, geschickt. Von Melanchthons Reaktion erfahren wir aus seinem Brief an seinen Freund Camerarius vom Sonnwendtag 1531:

1,1 Accepi tuam disputationem de praedictionibus Carionis.

2 Quanquam autem iste vehementer affirmat, se nihil praeter siderum positum in consilium adhibere, tamen multis non satis persuadet hoc.

3 Et ars meo quoque iudicio non potest tam diserte de singularibus eventibus pronunciare, sed vir est, quantum ego quidem cognovi, candidus et Suevicae simplicitatis plurimum referens.

4 Misit huc cronika excudenda, sed ea lege, ut ego emendarem.

 

5 Sunt multa scripta neglegentius.

6 Itaque ego totum opus retexo, et quidem germanice, et constitui complecti praecipuas mutationes maximorum imperiorum.

 

7 Ad eam rem tua mihi opera erit opus.

1,1 Deine Erörterung über die Vorhersagen Carions habe ich erhalten.

2 Obwohl dieser aber heftig versichert, er ziehe nur Gestirnspositionen zu Rate, kann er viele damit nicht hinlänglich überzeugen.

3 Und auch nach meinem Dafürhalten kann die <astrologische> Kunst Einzelereignisse nicht so präzis vorhersagen; aber der Mann ist, soweit ich wenigstens ihn kenne, in Ordnung und er zeigt sehr viel von schwäbischer Einfachheit.

4 Er hat seine Chronika hierher geschickt zum Druck; aber mit dem Auftrag, ich solle sie verbessern.

5 Es ist viel recht schlampig Geschriebenes.

6 Deshalb webe ich das ganze Werk von Neuem, und zwar auf Deutsch; und ich habe mir vorgenommen, die wichtigsten Veränderungen in den größten Reichen einzubeziehen.

7 Dazu werde ich Deine Mitarbeit brauchen.

 

Bis zu diesem Brief gibt es weder Briefstellen bei Carion noch bei Melanchthon, die auf die Entstehung einer Chronik hinweisen; er ist also gleichsam die Geburtsurkunde der Carion-Chronik.

Am Anfang teilt Melanchthon noch Camerarius seine Meinung über den Astrologen Carion mit, was in 3 auf den ersten Blick in ein Lob der Person mündet: ein Muster eines Schwaben! Wenn man die folgende Überlegung hier einbezieht, könnte Melanchthon auch geschrieben haben: "Er ist ein völliger Schwaben-Simpel!"

In 4 erfahren wir nämlich von der Existenz von Carions Chronik; der prominente ehemalige Kommilitone soll sie verbessern, denn – ja, was steht jetzt genau da? "Es ist viel recht schlampig Geschriebenes." Heißt das: "Es ist ein Riesenwerk, und dabei viel Schlampiges?" Oder gar: "Es ist ein Riesenwerk, und alles schlampig?"

Interessanterweise gibt es an dieser Stelle die andere Lesart, der auch die neue kritische Ausgabe folgt: "Nihil vidisti scriptum negligentius." Die Unterschiede der beiden Lesungen zeigen, dass es sich hier nicht um eine Falschlesung handeln kann, sondern dass es eine eine bewusste Manipulation sein muss. Der relativ neutralen Formulierung "Sunt multa scripta negligentius" steht eine ausgesprochen Carion-feindliche Aussage gegenüber, man hört förmlich noch den melanchthonischen Entsetzensschrei: "Du hast noch keine größere Schlamperei gesehen!" Nach Auskunft von Tobias Gilcher ist das eindeutig die melanchthonische Formulierung und Camerarius hat es zur Version "Sunt multa scripta negligentius" geglättet. Man müsste 4 bis 6 also überspitzt wohl so übersetzen:

"Stell dir vor, dieser Schwaben-Tolpatsch hat mir seine Chronik geschickt, und dazu noch mit dem Ansinnen, ich soll sie verbessern. Einen schlampigeren Dreck hast du noch nicht gesehen! Ich muss das Zeug wohl völlig neu machen, und dazu – ich Armer – auch noch auf Deutsch! Und es ist mein Beschluss, damit die wichtigsten Veränderungen der größten Reiche zu erfassen."

 

Am 17. August 1531 schreibt Melanchthon an Carion. Der gesamte Brief samt Nachweis befindet sich hier im Textanhang. Hier die für die Fragestellung wichtigen Passagen mit Warburgs Übersetzung:

Dictum Heliae extat non in Biblijs, sed apud Rabinos, et est celeberrimum. Burgensis allegat, et disputat ex eo contra Judaeos quod Messias apparuerit.

 

Receptissima apud Ebraeos sentencia est, et a me posita in principio tuae historiae, vt omnibus fieret notissima et afferret commendationem tuo operi.

Tales locos multos deinceps admiscebo. vides autem prorsus esse propheticam vocem. Tam concinna temporum distributio est.

Der Spruch des Elias kommt nicht in der Bibel vor, sondern bei den Rabbinen und ist sehr berühmt. Burgensis (Paulus) zitiert ihn und verficht unter Berufung auf ihn gegen die Juden (die Ansicht), daß der Messias schon erschienen sei.

Den Hebräern ist dieser Ausspruch sehr geläufig und von mir an den Anfang Deiner Historia gesetzt, um allgemeiner bekannt zu werden und Deinem Werke Empfehlung zu verschaffen.

Solche Zitate werde ich später noch viele hinzusetzen. Du siehst (aber), wie die prophetische Stimme vorausweist; so zutreffend (concinna; harmonisch?) ist die Verteilung der Zeitalter.

Historiam, vt spero, hac hyeme absoluemus

Nam hactenus fui impeditus recognitione meae Apologiae quam in certis locis feci meliorem.

sed vix credas quam tenui valetudine vtar, consumor enim curis, et laboribus.

Die Historia werden wir diesen Winter, wie ich hoffe, vollenden,

denn bis jetzt wurde ich durch die Überarbeitung meiner Apologie, die ich an einzelnen Stellen verbesserte, daran verhindert. Du glaubst kaum, wie schwach meine Gesundheit ist; ich werde auch durch Sorge und Arbeit aufgerieben.

... Cometen vidimus diebus plus octo. Tu quid iudicas.

videtur supra cancrum constitisse, occidit enim statim post solem, et paulo ante solem exoritur.

Quod si ruberet, magis me terreret. Haud dubie principum mortem significat.

Sed videtur caudam vertere versus poloniam.

Sed expecto tuum iudicium.

Amabo te significa mihi quid sencias.

Seit mehr als acht Tagen sehen wir einen Kometen. Wie urteilst Du darüber?

Er scheint über dem Krebs zu stehen, da er gleich nach der Sonne untergeht und kurz vor Sonnenaufgang aufgeht.

Wenn er eine rote Farbe hätte, würde er mich mehr erschrecken. Ohne Zweifel bedeutet er den Tod von Fürsten, er scheint aber den Schweif nach Polen zu wenden.

Aber ich erwarte Dein Urteil.

ich wäre Dir von ganzem Herzen dankbar, wenn Du mir mitteiltest, was Du meinst.

Nihil itaque certi audiui diu iam de vllo apparatu, preter suspiciones quas concipiunt nostri propter illum exiguum numerum peditum qui sunt in Frisia.

Fortasse pretextu belli Danici, nos quoque adoriri cogitant.

At Palatinus et Moguntinus iam agunt de pacificatione cum nostris, etsi ego spem pacis nullam habeo,

 

moueor enim non solum astrologicis predictionibus sed etiam vaticiniis tuis.

Ich habe nämlich schon lange nichts Sicheres über irgendwelche Vorbereitungen gehört, außer Befürchtungen, die die unsrigen hegen wegen jener <nicht?> kleinen Anzahl von Fußsoldaten, die in Friesland sind. Vielleicht denken sie daran, unter dem Vorwand des dänischen Krieges auch über uns herzufallen. Aber der Pfälzer und der Mainzer verhandeln mit den Unsrigen schon über friedliche Beilegung, obwohl ich keine Friedenhoffnungen habe.

Ich werde nämlich nicht allein durch astrologische Voraussagen beeindruckt, sondern auch durch deine Weissagungen.

 

Am Anfang informiert Melanchthon Carion über den Hintergrund des "Spruches des Hauses Elia", der nach Melanchthons Meinung das Geschichtswerk strukturieren soll.

Wichtig ist, dass Melanchthon hier die Chronik als "tua historia", also "dein Geschichtswerk" anspricht; und der genannte Spruch solle als Empfehlung dienen "tuo operi", "deinem Werk" – also keine Rede von einem Gemeinschaftswerk!

Bis zum Winterende soll die Arbeit an der Chronik abgeschlossen sein; wir sind im August 1531, im Frühjahr 1532 erfolgte der erste Druck. Da kann Melanchthon, wenn er so, wie er sagt, eingespannt ist und sich schwach fühlt, beim besten Willen höchstens Einzelheiten verbessern, aber keinesfalls die gesamte Chronik.

Der im Text folgende Abschnitt zeigt Melanchthons Beschäftigung mit dem Kometen von 1531; der hat die Gebildeten seiner Zeit interessiert – und Carion ist hier auch von Melanchthon anerkannter Experte.

 

 

Interessant ist auch der Schluss des oben angeführten Briefauszugs, er findet sich hier beim Auszug aus dem Autographen in der zweiten Zeile. Warburg bestreitet in seinem kritischen Apparat, dass das letzte Wort "tuis" von Melanchthon stammt, er hält es für einen Zusatz von anderer Hand. Es ist aber dieselbe Handschrift, lediglich wurde hier die Feder neu eingetunkt. Melanchthon korrigiert also seinen Text mit einem ausgesprochenen Schmeichelwort für Carion.

 

Dieser Brief zeigt also einen Melanchthon, der Carion gegenüber sehr respektvoll ist, vor allem aber die Chronik als das Werk seines Kollegen anspricht.

 

Im Januar 1532 schreibt Melanchthon an Anton Corvinus folgendes:

3,1 Mitto tibi cronikon , in quo etsi sunt mei quidam loci, tamen ipsa operis sylva non est mea.

2 Misit enim Carion ad me farraginem quandam negligentius coacervatam, quae a me disposita est, quantum quidem in compendio fieri potuit.

3 In fine adieci tabellam annorum mundi utilem et veram, quam spero tibi et aliis doctis placituram esse.

 

4 Et si recudent opus nostri calkografoi, addam ex Ptolemaeo testimonia.

3,1 Ich schicke Dir das Chronikon; auch wenn manche Hauptstellen von mir stammen, so stammt doch die Substanz des Werkes nicht von mir.

2 Carion hat mir nämlich eine Art Stoffsammlung geschickt, recht schlampig zusammengesammelt, die ich geordnet habe, soweit sich das bei einem Handbuch machen ließ.

3 Am Ende habe ich eine nützliche und stimmende Tabelle der Weltjahre angefügt, die Dir und anderen Fachleuten hoffentlich gefallen wird.

4 Und wenn unsere Drucker das Werk neu auflegen, füge ich noch Zeugnisse aus Ptolemäus hinzu.

 

Offensichtlich ist die Chronik im Wesentlichen fertig. Melanchthon hat zwar einen Teil, also einige "Bäumchen", dazu beigetragen, aber "der Wald" ist nicht seine Leistung. Aber zufrieden war Melanchthon nicht; er bewertet Carions Werk als "farrago". Dazu gibt Georges an:

farrago, inis, f. (far), I) das Mengelkorn, Mengfutter, gemischte Futterkorn fürs Vieh, Varro u. Vergil.: ordeacea, Columella. - II) übtr.: a) = vermischter Inhalt, das Mancherlei, nostri libelli, Iuvenal 1, 86. - b) = geringfügige Sache, Bagatelle, in tenui farragine mendax, Persius 5, 77.

Melanchthon sieht also auch hier wieder den disparaten Haufen, dem er seine ordnende Hand zukommen lassen muss; allerdings seien ihm in einem "Kompendium", also einem kurz gefassten Handbuch, die Hände gebunden. Interessant ist hier, dass Hermann Bonnus, der Übersetzer der Carion-Chronik ins Lateinische, ein eigenes Werk "farrago" nennt – und das offensichtlich positiv versteht.

Auf eine besondere eigene Leistung weist hier Melanchthon hin, auf die Tabelle der Jahreszahlen am Ende der Chronik.

 

Eine letzte Briefstelle, diesmal von Carion selbst vom 27. Dezember 1535, soll noch angefügt werden, um die Beziehung von Melanchthon zu Carion zu beleuchten, diesmal aus einem Brief Carions an Herzog Albrecht von Preußen, für den er in einem Vertragsverhältnis stand, um ihn über wichtige Ereignisse zu informieren, auch um zahlreiche andere Dienste zu verrichten:

2,1 Gnedigster herr.

2 Jch weiß gentzlichs nichtz newes e f g zu schreiben, 3 Dann allein das Jch mich einer emporung mit der Zeyt Jm landt zu würtenberg forchte, wie mir denn Meine freundt Mehrmals geschriben, 4 dann es weicht vil ansehenlichs volks vom adel vnd burgern Auß dem landt, 5 Vnd seyhen vil Zwinglische vnd widertauffer allenthalben Jm landt, 6 got welle sein gnad verleyhen das nicht ein pluotbad darauff werd. 7 Doctor Schnepff vnd doctor plärer predigen hefftig wider sie. 8 Aber es hilfft nicht, wie wol es gelarter menner Zwen seyhen.

2,1 Gnädigster Herr!

2 Ich weiß Eurer fürstlichen Gnade gar nichts Neues zu schreiben, 3 außer dass ich im Laufe der Zeit einen Aufstand im Land Württemberg befürchte, wie mir meine Freunde mehrmals geschrieben haben, 4 denn viele angesehene Leute vom Adel und Bürgertum wandern aus; 5 es gibt auch überall viele Zwinglianer und Wiedertäufer im Land. 6 Gott gebe seine Gnade, dass daraus kein Blutbad entstehe! 7 Doktor Schnepf und Doktor Blarer predigen heftig gegen sie; 8 aber es hilft nichts, obwohl es zwei gelehrte Männer sind.

3,1 Es hat vor acht tagen Magister philip melancton mir geschriben vnd meinen Rat gebeten, wie Jchs vor gut ansehe, 2 Ob ich Jm rathe (dhweil der hertzog Jm geschriben) Ehr soll sich j Jar oder ij hinauß wenden vnd die vniuersitet zu tibingen restituiern, so lang bis sie Jn ein schwanck khomm. 3 Als dann wolle Ehr Jm wider erlauben, gen wittenberg zu Ziehen etc. 4 Aber magister philippus hat kein lust darzu. 5 So will Jme auch der Churfurst von sachßen nicht erleuben.

3,1 Vor acht Tagen hat mir Magister Philipp Melanchthon geschrieben und meinen Rat erbeten, ob es mir gut erscheint, 2 ob ich ihm rate (weil der Herzog ihm geschrieben hat), für ein oder zwei Jahre fortzugehen und die Universität Tübingen zu restituieren, bis sie wieder in die Gänge kommt. 3  Danach wolle er ihm wieder erlauben, nach Wittenberg zu ziehen. 4 Aber Magister Philippus hat keine Lust dazu, 5 außerdem will es ihm der Kurfürst von Sachsen nicht erlauben.

 

Carion berichtet Herzog Albrecht von Preußen zunächst von den Geschehnissen in Württemberg nach der Rückkehr Herzog Ulrichs. Die Erzählung über Melanchthon zeigt, dass dieser bei wichtigen Entscheidungen auch Carions Rat eingeholt hat; ob er den Freund oder den kundigen Astrologen befragt hat, wird hier nicht deutlich. Offensichtlich konnte sich Carion sein Gutachten sparen, da Melanchthon von seinem Landesherrn keine Erlaubnis erhalten hat, nach Tübingen zu gehen.

 

Zwei Äußerungen, die nach Carions Lebenszeit abgegeben wurden, gehören noch zum Thema, Melanchthons Nachricht über Carions Tod und der Beginn seiner Widmung seiner eigenen Chronik von 1558:

 

Im Brief Melanchthons an Milichius vom 2. März 1537folgt auf die Schlussformel noch diese Nachschrift:

2,1 Saluta D. D. Augustinum et D. Crucigerum.
2 De Carionis morte cito huc allata est fama.

2,1 Grüße Herrn Doktor Augustinus und Herrn Cruciger
2 Von Carions Tod kam schnell Nachricht hierher.

Im Brief selbst kamen ganz verschiedene Themen zur Sprache – aber Carions Tod schafft es nur in das P.S., und es fehlt jegliche Äußerung einer Anteilnahme.

 

Ein wichtiges Indiz ist der folgende Beginn von Melanchthons Widmung:

1,1 Excelluit ingenio, eruditione, consilio et virtute Hermannus Bonnus, qui in inclyta urbe Lubeca et doctrinae studia rexit, et Evangelium docuit.

2 Is ante annos viginti Germanicum Libellum, cui titulus est Chronicon Carionis, ut adolescentia invitaretur ad historiarum lectionem, et illo Compendio nonnihil adiuvaretur, in quo Monarchiarum seriem, et temporum collationem in praecipuis Ecclesiae, veteris Graeciae, et Romae negotiis probavit, latine interpretatus est.

3 Eam interpretationem cum postea viderem non solum in manibus esse adolescentum, sed etiam vagari per exteras nationes, retexendum esse iudicavi, non tam ut augerem, (etsi enim quaedam addidi, tamen compendii modus servandus est), quam ut phrasin Germanicam, quam interpres suo quodam consilio studiosius retinuerat, cum quidem facundus et disertus esset, propter adolescentes et exteros mutarem.

 

4 Nec alia causa fuit, cur hunc laborem susceperim.

5 Ut enim lectio ametur, intelligi orationem oportet.

1,1 An Begabung, Bildung, Rat und Tatkraft ragte hervor Hermann Bonnus, der in der berühmten Stadt Lübeck die Bemühungen um die Lehre leitete und das Evangelium lehrte. 2 Der hat vor zwanzig Jahren ein deutsches Büchlein mit dem Titel "Chronicon Carionis" ins Lateinische übersetzt, damit die Jugend eingeladen werde zur Lektüre der Geschichte und von diesem Handbuch ein wenig unterstützt werde, in dem er die Reihe der Monarchien und den Vergleich der Zeiten bei den zentralen Ereignissen der Kirche, des alten Griechenlands und Roms überprüfte.

3 Als ich später sah, dass diese Übersetzung nicht nur in den Händen der jungen Leute war, sondern sogar im Ausland im Schwange war, da glaubte ich, sie noch einmal durchgehen zu müssen, weniger um sie zu erweitern (auch wenn ich manches hinzugefügt habe, muss doch das Maß eines Handbuchs eingehalten werden), sondern vielmehr um die Germanismen wegen der jungen Leute und der Ausländer zu ändern, die der Übersetzer absichtlich allzu eifrig beibehalten hatte, obwohl er eigentlich wortgewaltig und beredt war.

4 Das war der einzige Grund, diese Mühe auf mich zu nehmen.

5 Damit nämlich das Lesen Anklang findet, muss man den Inhalt verstehen.

Man beachte: Melanchthon schreibt die Widmung der Carion-Chronik. Dabei erwähnt er den Verfasser mit keinem Wort, nur der Übersetzer wird gewürdigt, nur die Übersetzung sei seiner Überarbeitung würdig gewesen und Melanchthons einziges Ziel sei die Verbesserung des Stils.

 

Was ergibt sich daraus?

Melanchthon hält zwar Kontakt mit seinem alten Schulfreund, der im Laufe seiner ersten zehn Jahre in Berlin zur astrologischen Autorität herangewachsen war, aber er kann ihm im Grunde nicht verzeihen, dass das Geschichts-Kompendium dessen Werk ist. Wenn Luther 1541 vom "Chronicon Carionis Philippicum" spricht und Peucer 1572 behauptet, sein Schwiegervater habe mit einem Strich den Krust des Carion erledigt, kann das nur darauf zurückzuführen sein, dass Melanchthon in seinem Umfeld immer von "seiner" Chronik gesprochen hat. Und dass er 1558 seine Umarbeitung unter Carions Namen laufen lässt, ist weniger Pietät – dafür hätte er den wahren Autor in seiner Widmung ansprechen müssen -, sondern schlichtweg das Ausnutzen einer eingeführten Marke: "Carions Chronik" war als solche bekannt; wenn jetzt noch der Name "Melanchthon" dazu kommt, muss das ja ein Verkaufsschlager werden. Man betrachte für den Erfolg der Chronik nur ihre Druckdaten, die bei Trauner aufgelistet sind.

 

Carions Verachtung

Erhard Ernst Hoch 1755

In seinem 1755 erschienenen Aufsatz " Disquisitio de Chronici, quod extat sub nomine Ioannis Carionis, vera et genuina origine" stellt Erhard Ernst Hoch den Mainstream seiner Zeit dar, wobei er seinen Aufsatz mit einem Zitat des Flacius beginnt, das die historische Zunft kritisiert: Wenn ein führender Mann irre, liefen ihm die anderen hinterher und würden nicht mehr nach der Wahrheit fragen. Diesen Zustand sieht Hoch bei der Urheberschaft der Carion-Chronik gegeben:

 

"Nam duo ferme secula sunt elapsa, ex quo tempore patrocinari coeptum est opinioni, postmodum & calamo & ore in hunc usque diem propagatae, & a compluribus, vel rei literariae peritissimis, tenaciter defensae, Chronicon illud, praeter PHIL. MELANCHTHONEM, communem Germaniae nostrae praeceptorem, qui nomen CARIONIS honoris tantum & amoris causa libro praefixerit, auctorem & conditorem habere neminem."

Fast zwei Jahrhunderte sind verstrichen, seit man anfing, die Meinung zu stützen, die später in Wort und Schrift bis zum heutigen Tag verbreitet und von einigen, der Literatur wohl sehr Kundigen, hartnäckig verteidigt wird, jene Chronik habe keinen Geschichtsschreiber als Autor außer Philipp Melanchthon, den anerkannten Lehrer unseres Deutschlands, der den Namen "Carion" nur ehrenhalber und aus Pietät als Buchtitel vorangestellt habe.

 

Treibende Kraft für diesen Irrtum aus Hochs Sicht war Caspar Peucer mit seiner hier an den Anfang meines Aufsatzes gestellten Beschreibung der Entstehung der Carion- Chronik, wie Hoch ausführt:

 

"Sane, nisi omnia me fallunt, re quoquo modo circumspecta, non possum, quin colligam, ducem & antesignanum agminis errantis esse jam supra salutatum CASP. PEUCERUM, Polyhistorem illum & virum exquisite doctum Seculi XVI."

Wenn mich nicht alles täuscht und man den Sachverhalt in jeder Hinsicht betrachtet, komme ich um den Schluss nicht herum, Führer und Vorkämpfer der irrenden Schar war der schon oben genannte Caspar Peucer, jener Polyhistor und Spitzengelehrte des 16. Jahrhunderts.

 

Hoch kennt die späte Fassung von 1532 nicht und argumentiert deshalb stark mit der niederdeutschen Fassung. Allerdings landet Hoch schließlich beim anderen Extrem:

 

"Et sic fateri omnino oportet, ad hocce CARIONIS Chronicon MELANCHTHONEM plane nihil contulisse."

Und so muss man voll und ganz bekennen, dass zu diesem Chronikon des Carion Melanchthon rein gar nichts beigetragen hat.

 

Peucers Aussage hatte also, und das zeigt Hochs Aufsatz, gewichtige Folgen; als Hausgenosse und Schwiegersohn Melanchthons – meinte man - musste er ja Bescheid wissen und somit musste sein Urteil gelten: Die Carion-Chronik kann nur von Melanchthon stammen!

Johann Christoph Adelung 1787

Carions "Pech" war es, dass damals in Bietigheim seine mathematische Begabung gesehen wurde und er deshalb zum Mathematikstudium nach Tübingen geschickt wurde. Mathematik umfasste damals automatisch auch die Astrologie, als eigentlich wichtigere Anwendung der Astronomie. Dass seine – für ihn ehrenwerte – Wissenschaft 200 Jahre später in Verruf geraten sein würde, konnte er ja nicht ahnen – so wenig, wie wir heute wissen, welche heute gültige Meinung in 200 Jahren zerrissen sein wird. Seine Un-Wertschätzung rührt sehr von seinem Astrologen-Sein.

 

Aufschlussreich für die Missachtung, ja teilweise Verachtung Carions ist die Stellungnahme des Aufklärers Johann Christoph Adelung von 1787; schon der Titel seines Werkes verrät, was ihm an Carion wichtig sein könnte: "Geschichte der menschlichen Narrheit oder Lebensbeschreibungen berühmter Schwartzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner, Zeichen- und Liniendeuter, Schwaermer, Wahrsager und anderer philosophischer Unholden"; in dessen 3. Kapitel behandelt, besser misshandelt, er Carion. Die Auswahl seiner Aussagen über Carion möge reichen, der Dickdruck stammt von mir:

Schon der erste Satz besagt eigentlich alles: "Ist je ein Mann ohne, ja selbst wider sein Verdienst berühmt geworden, so ist es gewiß Cario, denn aus dem folgenden wird erhellen, daß er weiter nichts als ein elender Sterndeuter gewesen, der dabey dem Trunke ergeben war, welcher auch seinen Tod beschleunigte, daher er die rühmlichen Beywörter nicht verdienet, welche ihm noch so oft beygeleget werden."

Adelung hält Carion noch für einen Studenten in Wittenberg, über den er meint: "Hier ward er ohne Zweifel dem Melanchthon bekannt, welche Bekanntschaft ihm in der Folge so nützlich war; allein daß sein Studieren von keiner Bedeutung gewesen, und sich bloß auf die Astrologie erstreckt habe, wird aus dem folgenden erhellen."

Auch von Carions Tätigkeit hält Adelung wenig: " Cario war also weiter nichts als Kalendermacher in Berlin und dabey des Churfürsten Joachim I. Astronom oder vielmehr Astrologe."

Bei der Behandlung von Carions Aussagen übers Jahr 1524 meint Adelung: "Ungeachtet nun der Unhold nichts von dem errathen konnte, was zwey Jahr darauf erfolgen würde, so wollte er doch wissen, was in hundert und zweyhundert Jahren geschehen würde." Und gleich danach: "Noch unbarmherziger sollte es in dem Jahre 1789 ergehen; das sollte das schrecklichste unter allen seyn, indem in demselben große und wunderbare Geschichte, Veränderungen und Zerstörungen vorfallen würden. Allein, so sehr sich der Narr in Ansehung des 1693sten Jahres betrogen hat, so sehr wird er vermuthlich auch 1789 zum Lügner werden." Adelung schrieb übrigens 1787!

Und in Carions Versuch, 20 Jahre in die Zukunft zu blicken, sieht Adelung nur trickreiche Täuschung: "Unbegreiflich ist, was den Narren bewogen haben mag, den größten Theil dieser sogenannten Prophezeihung mit vergangenen Begebenheiten anzufüllen, wenn es nicht in der schon gedachten Absicht geschehen, dadurch den Leser zu täuschen, und ihn zu verleiten, das Vergangene und Zukünftige mit einerley Augen anzusehen."

Und obwohl Carions Chronik sogar Adelungs Beifall findet, kann der Autor nicht gut sein: "Dem gemeinen Rufe zu folgen, würde man ihm den Nahmen eines wo nicht grossen, doch wenigstens nützlichen Geschichtschreibers nicht versagen können, denn wer kennet nicht das unter seinem Nahmen bekannte Chronicon, welches beynahe zweyhundert Jahr lang, wo nicht das einzige, doch das vornehmste Handbuch der Universal=Geschichte war, und noch jetzt nicht ohne Werth ist, ob es gleich in den neuern Zeiten durch andere mehr zweckmäßige Bücher dieser Art überflüßig gemacht worden. Allein bey einer genauern Untersuchung wird sich zeigen, daß er auch hier ohne alles Verdienst ist, indem seine Kenntniß der Geschichte eben so seicht und unbedeutend war, als seine mathematische Gelehrsamkeit und seine Wissenschaft künftiger Dinge. Sein ganzes Verdienst um dieses Buch bestehet darin, daß er durch seine Sudelarbeit die erste Veranlassung zu einer unendlich bessern Arbeit war, welche ein unendlich besserer Kopf als er, ausführte, ihm aber aus einer beynahe Beyspiellosen Bescheidenheit und Nachsicht den Nahmen des ersten Stümpers erhielt." Man sieht, Adelung akzepiert Melanchthons Bewertung voll und ganz.

Und nur eine mögliche Fehleinschätzung lässt Adelung Carions Person überhaupt beachten: "Was einen solchen Skribler zu seinem Geschreibe veranlasset, könnte auf alle Fälle sehr gleichgültig seyn, allein da die vorgegebene Veranlassung zu einer Mißdeutung Gelegenheit gegeben, so muß ich sie anführen." Die Missdeutung sieht Adelung darin, dass Melchior Adam davon spricht, dass sich Carion von Reuchlin habe anregen lassen, die Chronik zu verfassen. Das bestreitet Adelung, da liege eine Verwechslung von "Cario" mit "Capnio" (= Reuchlin) vor.

Auch die Gesamtbewertung der Chronik ist wieder für Carion negativ; der Kern, in dem Adelung im Grunde Carions tatsächliche Leistung anspricht, bleibt völlig unbeleuchtet: "Seine Veranlassung mochte nun gewesen seyn, welche sie wollte, so schrieb er ein solches Ding von einer Chronik zusammen, hatte aber doch noch so viel Verstand, daß er sie nicht gleich so drucken ließ, sondern seine Arbeit in der Handschrift um das Jahr 1530 an den Melanchthon, dem damahligen Orakel in allen Wissenschaften, schickte, mit Bitte, sie ein wenig durchzusehen und sie zu Wittenberg drucken zu lassen. Bey der grossen Armuth der damahligen Zeiten an vernünftigen Geschichtsbüchern, besonders an solchen, welche den um diese Zeit dringend gewordenen Bedürfnissen der ungelehrten Stände angemessen waren, hielt Melanchthon ein solches Buch allerdings für nothwendig und nützlich; weil er aber sehr bald fand, daß Cario's Arbeit sehr nachlässig und fehlerhaft war, so verbesserte er sie, so gut es seine damahligen Geschäfte erlaubten, und gab sie zu Wittenberg 1532 in 4. heraus.

Da das Buch Beyfall fand, weil es den Bedürfnissen der Zeit angemessen war, so übersetzte Hermann Boneus, ein Geistlicher zu Lübeck, dasselbe 1538 in das Lateinische, wodurch es denn auch den Ausländern bekannt ward, und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Allein da des Cario Arbeit so viele und grosse Fehler hatte, und dessen ungeachtet so wohl aufgenommen wurde, so reitzte das den Melanchthon noch in seinem hohen Alter ein neues Werk dieser Art zu schreiben, welches 1558 erschien, und 1560 mit einem zweyten Theile vermehrt, wieder aufgelegt wurde, aber die Geschichte nur bis auf Carln den Grossen fortführte."

Nach der Besprechung einiger damals offener Fragen stellt Adelung die Entstehung der Chronik folgendermaßen dar: "Cario schickte seine Arbeit, welche bis auf die damahlige Zeit ging, an den Melanchthon zur Ausbesserung. Dieser hielt ein solches Buch für sehr nützlich, fand aber an des Cario Arbeit sehr viel auszusetzen, indessen that er daran, was er damahls konnte; er brachte den Wust des Compilators in eine bessere Ordnung, schnitt die gröbsten Auswüchse weg, und setzte manches hinzu, und ließ das Werk unter des Cario Nahmen drucken. Zugleich nahm er sich vor, einmahl bey mehrerer Muße selbst etwas besseres zu schreiben, welches er denn auch kurz vor seinem Ende in lateinischer Sprache bewerkstelligte, aber nur bis an Carln den Grossen damit kam. Er ließ auch dieser Arbeit den Nahmen des Cario, theils weil derselbe die erste Veranlassung dazu gegeben, und die ersten Materialien dazu gesammelt hatte, theils aber auch, weil die ähnliche ältere Arbeit schon unter dessen Nahmen bekannt und beliebt war." Bis auf die obligatorisch despektierlichen Äußerungen gegen Carion dürfte Adelung hier eine richtige Beschreibung des Sachverhalts gegeben haben.

Aber Adelung kann's nicht lassen: Die Carion-Chronik muss einfach schlecht sein: "Uebrigens ist das Buch, Melanchthons Feile ungeachtet, noch immer eine sehr dürftige und verstandlose Compilation, wo der prophetische und astrologische Sauerteig des Sammlers überall vorschmeckt." Diese Bewertung begründet Adelung mit Carions Beschreibung von Hesiod, wobei völlig unklar bleibt, was er Carion dabei eigentlich vorwirft.

Und als Adelung auf Carions Tod zu sprechen kommt, leitet er den Abschnitt so ein: "Wie lange der Unhold seinen astrologischen Unfug getrieben, ist so gar gewiß auch noch nicht bekannt." Und sein Leben habe Carion als arbeitsloser Säufer beschlossen: "Da nun Cario, wie es scheint, ein guter Katholik war, so ist es wahrscheinlich, daß er seinen Abschied bekommen hat, und da kann er denn nach Magdeburg gegangen seyn, und sich seinem alten Hange zum Trunke aus Mangel an Beschäftigung ganz überlassen haben."

Auch ein Distichon des Georg Sabinus über Carion lässt Adelung nur erkennen, "daß er sich durch einen fetten und grossen Wanst vor andern ausgezeichnet, welches denn eben nicht zu verwundern ist, da seine gelehrten Arbeiten ihm eben nicht viel Kopfbrechens verursachen können."

 

Und von diesen böswilligen Diffamierungen konnte sich Carion bis heute nicht erholen. Immer noch hält der Mainstream die Chronik fürs Werk Melanchthons – und Carion für ein unbedeutendes kleines Licht.

Emil Menke-Glückert 1912

Eine Station auf diesem Weg ist Emil Menke-Glückert mit seinem 1912 erschienenen Aufsatz "Die Geschichtsschreibung der Reformation und Gegenreformation", in dem er die Bedeutung Melanchthons für die deutsche Geschichtsforschung herausarbeiten will. Das Ziel dieses Aufsatzes ist nicht Gegenstand meiner hier vorgelegten Überlegungen, aber Menke-Glückert sieht sich gezwungen, sich in Verfolgung seiner Fragestellung auch mit der Urheberschaft der Chronik zu beschäftigen. Dazu analysiert er, wie er sagt, durch "eine sorgfältige Untersuchung" die Quellenarbeit der Chronik und kommt zu folgendem Ergebnis:

"Sollen wir nach einer sorgfältigen Vergleichung der deutschen und lateinischen Ausgabe der Chronik und nach der Zuhilfenahme der anderen Werke Melanchthons unserer Überzeugung Ausdruck geben, so kann sie nur lauten, daß die Chronik zum allergrößten Teil Melanchthon zuzuschreiben ist. Carions Arbeit kann nur eine Sammlung willkürlich zusammengeraffter Notizen gewesen sein, wie sie Melanchthon selbst treffend bezeichnet, eine 'farrago negligentius coacervata'. Den Rest seiner Sammlung bildet wahrscheinlich der unorganisch eingefügte Papstkatalog, der später in der lateinischen Bearbeitung von Melanchthon und Peucer gestrichen worden ist."

Und weiter unten:

"Der Schreiber von 1532 ist der gleiche wie der von 1558 und rein wissenschaftlich betrachtet, bedeutet die lateinische Bearbeitung in vieler Hinsicht einen Fortschritt."

Und Menke-Glückert bestätigt, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, meine oben geäußerte Vermutung, dass Melanchthon selbst in seinem Umfeld die carion-kritische Sicht verbreitet hat, mit seiner Feststellung: "Die näheren Freunde wußten freilich, wie wir sahen, trotz alledem Bescheid."

Gotthard Münch 1925

Mit Menke-Glückert setzt sich 1925 Gotthard Münch in seinem Aufsatz "Das Chronicon Carionis Philippicum. Ein Beitrag zur Würdigung Melanchthons als Historiker" auseinander. (Mit beider Umgang mit der Quellenfrage möchte ich mich hier im Kapitel "Quellenfrage der Chronik" beschäftigen.) Münch hält Menke-Glückerts Sicht nicht für berechtigt: "Carion erscheint uns keineswegs als der Charlatan, als den Menke-Glückert ihn aufgefaßt wissen möchte." Zwar wertet Münch Carion nicht so stark ab wie Menke-Glückert, aber auch er geht von dem Vorurteil: hohe Geistigkeit = Melanchthon, naives Erzählertum = Carion aus, wie seine Einleitung zu seinem 4. Kapitel, der Wesensbeschreibung der drei Teile der Chronik, wie er, Münch, sie ansetzt, verrät:

"Um nun genauer zu erkennen, wie in diesen drei Teilen die Grenzlinien zwischen Melanchthonschem und Carionschem Gut verläuft, suchen wir tiefer in die Anschauungswelt der Chronik einzudringen. Wir greifen auf unsere Ausführungen über Carions Dedikationsepistel und Melanchthons Einleitung zurück und erinnern uns alles dessen, was uns schon vor und außerhalb der Chronik über die naivere Geschichtsauffassung Carions, die differenziertere Melanchthons bekanntgeworden ist, um daraus einen Anhalt für die weiteren Überlegungen zu gewinnen. Wir fragen: Inwieweit bietet die Chronik all den Nutzen, all die religiöse moralische und politische Belehrung, die nach Melanchthon ein Geschichtswerk bieten soll? Andererseits: Inwieweit bleibt sie auf dem bescheidenen Stande eines bloßen Erinnerungsbuches stehen, wie Carion sie schildert?

Da ist es nicht zu verkennen, daß sich der 1. Teil der Chronik am innigsten von der Gedankenwelt Melanchthons durchdrungen zeigt. Melanchthons Geschichtsmetaphysik bildet das Band, das die Mannigfaltigkeit seines Inhalts zur wohlabgerundeten Einheit zusammenschließt. Im 2. Teil läßt diese Durchsättigung mit Melanchthonschen Anschauungen nach, der 3. ist seiner Grundstimmung nach eine Welt für sich, die einheitlich ist wie die des 1. Teiles, wenn auch in ihrer naiven, unmittelbaren Freude am Dargestellten und in ihrer Freiheit von jeder theologischen oder sonstwie lehrhaften Absicht ganz von ihr verschieden."

Diese "Freiheit von jeder theologischen ... Absicht" wird dann bei Barbara Bauer ein wichtiger Kritikpunkt an Carions Werk werden, s. unten S. 24.

Später kommt Münch noch einmal auf das mögliche Ergebnis seiner Forschungen zu sprechen, aber auch hier ist das Vorurteil der prinzipiellen Höherwertigkeit Melanchthons zu spüren:

" Wir möchten freilich in keinem der drei Teile der Chronik jeden einzelnen Absatz auf einen der beiden Verfasser festlegen. Wenn wir nur überhaupt klar zu machen vermögen, wie sich die beiden Elemente mischen, so scheint uns das genug und einer allzugroßen Genauigkeit vorzuziehen, da diese das Maß des Möglichen verkennen würde. So mag im 1. Teil manches aus dem Manuskript Carions Eingang gefunden haben; der Geist, der das Ganze durchdringt, und der auch jede Einzelheit erst zu dem macht, was sie ist, ist der Melanchthons. Ebenso mag unsere durch den 2. Teil gezogene Grenzlinie zu roh sein und manche wichtige Feinheiten unberücksichtigt lassen, wenn sie nur den unharmonischen Charakter dieses Teils einigermaßen deutlich macht.

Der schlichten Erzählung des 3. Teiles der Chronik fehlen alle die theologisierenden und moralisierenden Tendenzen, die wir aus dem 1. Teile kennen."

Münch hat wohl damit Recht, dass wir einen wortgenauen Nachweis des Inhalts von Carions Manuskript erst haben, wenn – was wohl unmöglich ist – das Manuskript vorliegt. Aber vielleicht ist der Nachweis nicht nötig – und: weht Carions Geist nicht?

Aby Warburg 1920

Mit völlig anderer Perspektive blickt 1920 Aby Warburg auf Carion; er verfolgt den Gedanken, wie einerseits Melanchthon dem antik-heidnischen Glauben an die Sterne, also der Astrologie, noch nachhängt, aber Luther den aufgeklärten Standpunkt vertritt. Wenn man den astrologischen Glaubenskampf im Detail verfolgen will, so ist Warburgs Darstellung des Kampfes um den richtigen Geburtszeitpunkt Luthers sehr aufschlussreich; der genaue Zeitpunkt ist für das jeweilige Horoskop wichtig, und darum ist ein Streit entbrannt, in den auch Carion und Melanchthon einbezogen sind.

Für die hier verfolgte Fragestellung, der Wertschätzung Carions, ist Warburg ein kleines, aber farbkräftiges Mosaiksteinchen: "Johann Carion ist bisher durchaus nicht nach Gebühr gewürdigt. ... und man begreift <aus dem Gesicht des Carionbildes der Cranach-Schule>, daß die Hohenzollern und die Reformatoren ihn gleichermaßen als diplomatischen Vermittler schätzten."

Das heißt, die Diffamierung des seichten Geistes (Adelung) wird doch in Frage gestellt.

Hermann Roemer 1937

Zum 400. Todestag Carions 1937 stellt dann Hermann Roemer Carion den Bietigheimern im Enz-und-Metter-Boten vor. Man spürt förmlich, wie sich Roemer im Grunde schämt, solch einen "Charlatan" als Bietigheimer behandeln zu müssen. Seine Haltung erklärt sich aber leicht, denn er schreibt vor allem Menke-Glückert aus:

"Man wird sich fragen, ob eine so fragwürdige Gestalt Aufnahme in eine Galerie berühmter Bietigheimer verdient, zumal heute feststeht, daß sein für die protestantische Geschichtsschreibung grundlegend gewordenes Werk im Wesentlichen eine Arbeit Melanchthons darstellt. ... Der wertvollste Ertrag der Beschäftigung mit Johannes Carion aber ist ein Einblick in die Anfänge der protestantischen Geschichtswissenschaft, wie Philipp Melanchthon sie in der Ausarbeitung von Carions "Chronica" begründet hat."

Höhe- (oder Tief-)punkt der Roemerschen "Würdigung" ist folgendes:

"Wenn Carion es geschehen ließ, daß das Geschichtsbuch Melanchthons unter seinem Namen in die Welt hinausging und ihn mehr als irgend eines seiner eigenen astrologischen Schriftchen weltberühmt macht, so verrät dies einen moralischen Mangel. Wie eifersüchtig hätte er sich ohne Zweifel gewehrt, wenn umgekehrt einmal sein geistiges Eigentum einem Fremden zugut gekommen wäre! Warum Melanchthon selbst diesen Weg wählte, sogar seinem noch weiter ausgearbeiteten lateinischen Geschichtswerk von 1558-60 den Namen Carions beließ, bleibt bei seinem eigenen Schweigen hierüber ungeklärt. Welches Interesse hatte er, 'den Namen seines 'Freundes' Carion der Nachwelt zu empfehlen'? Geschah es der gemeinsamen Tübinger Jugendzeit zuliebe und aus einer fast zu weit getriebenen Noblesse? Oder konnte er nur nicht zurück, weil er durch ein voreiliges Versprechen an Carions Namen gebunden war? Oder wollte er auf diesem Wege, wie Menke vermutet, dem Kurfürsten von Brandenburg eine Aufmerksamkeit erweisen, um ihn geneigter zu machen, die Reformation anzunehmen?"

Der Gedanke, dass sich Melanchthon eine eingeführte Marke zunutze machen wollte, kann einem Roemer natürlich nicht kommen.

Robert Stupperich 1961

1961 beschäftigt sich Robert Stupperich mit dem "unbekannten Melanchthon" und dort in einem eigenen Kapitel mit seiner "Geschichtliche(n) Arbeit und Geschichtsbetrachtung". In diesem Kapitel bespricht Stupperich zunächst die ab 1760 vorausgegangene Literatur. Das Weiterwirken des Mainstreams wird an seiner Besprechung von Hildegard Ziegler deutlich, die "allerdings Carions eigene Leistung erheblich überbewertete. ... H. Ziegler meinte, der brandenburgische Mathematiker und Astrologe, der aus der Schule des Tübinger Astrologen Stöffler kam und von dorther mit Melanchthon bekannt war, hätte ein eigenes Werk geschaffen." Und Zieglers Meinung glaubt Stupperich mit folgendem Argument widerlegen zu können: "Daß dieses aus wenig geordneten Zetteln bestand, die erst von Melanchthon zu einem Buch verarbeitet wurden, ist ihr nicht klar geworden."

Im Grunde folgt Stupperich dann ganz der Linie Münchs, wenn er die Entstehung der Chronik so darstellt:

"Während Melanchthon in all den Vorreden immer nur einige Leitgedanken hat anklingen lassen, hat er bei der Bearbeitung der Chronica Carionis seine Gesamtanschauung stärker hervortreten lassen. Cario, der württembergische Mathematiker und Astrologe, der am Hof des abergläubischen Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg wirkte und in jungen Jahren 1537 starb, hatte ihn 1531 gebeten, seinen Entwurf zu überprüfen und zum Druck zu bringen. In der Vorrede sagte er selbst dem Kurfürsten, als Ungeübter hätte er die Sache begonnen. Wie Melanchthon berichtete, bestand der Entwurf Carions aus einem Haufen zusammengeraffter, ungeordneter Notizen (farrago negligentius coacervata). Melanchthon hat ein bestimmtes Schema zugrunde gelegt, nämlich das des Buches Daniel von den vier Weltreichen (CR 16,438); er hat nicht mehr nach Weltaltern geordnet. Den gesamten Stoff hat er in seiner Weise verteilt, d. h. er bricht mit der annalistischen Anordnung und faßt Zusammengehöriges in größere Abschnitte zusammen. Aber nicht nur in methodischer Hinsicht, auch in sachlicher Beziehung ist Melanchthon der eigentliche Verfasser dieses Werkes."

Von der Melanchthon-Peucer-Legende ist also auch Stupperich noch völlig überzeugt.

Wilhelm Maurer 1967

Somit ist es nicht verwunderlich, wenn im 4. Kapitel des ersten Bandes von Wilhelm Maurers Buch "Der junge Melanchthon zwischen Humanismus und Reformation", der sich mit dem Humanisten Melanchthon beschäftigt, die bekannte Position wieder auftaucht:

"Das geschichtliche Lehrbuch des 16. Jahrhunderts, das auch Luther seiner Supputatio Annorum Mundi zugrunde legte, ist das Chronicon Carionis geworden, das Melanchthon deutsch 1532, lateinisch 1560 (bis zu Karl dem Großen) herausgegeben hat. Hier liegt sein Verdienst nicht in der Anregung, sondern in der Vollendung eines Geschichtswerkes. Aber auch hier reichen die Voraussetzungen bis in Melanchthons Tübinger Jahre zurück. Carion hat mit ihm zusammen zu Stöfflers Füßen gesessen und von da an astrologische Kenntnisse und Erfahrungen mit ihm ausgetauscht. Und das Urteil, das Melanchthon am 24. Juni 1531 Camerarius gegenüber dem Mann abgibt, ist von Freundschaft und intimer Kenntnis diktiert: Wahrhaftig ist Carion und von schwäbischer Einfalt, mag auch seine astrologische Methode unsystematisch-sprunghaft sein und zu viele Einzelheiten beweisen wollen.

Auch an der Urschrift des Chronicon hat Melanchthon die ungeordnete Fülle beklagt. Seine Editionsarbeit beschränkte sich aber für die deutsche Ausgabe nicht auf Kürzung und Gliederung des Stoffes, sondern war eine wirkliche Erneuerung; und wenn er dazu des Camerarius Hilfe in Anspruch nahm, wird sie besonders dem Altertum zugute gekommen sein. Dagegen bringt die lateinische Ausgabe bloß stilistische Korrekturen. Handschriftliche Funde machen es wahrscheinlich, daß Melanchthon das Druckmanuskript seinen Studenten im Kolleg diktiert und erläutert hat. So ist Carions Werk nach Form und Inhalt sein eigenes geworden und ein Zeugnis seiner rhetorisch-pädagogischen Würdigung der Vergangenheit."

Wie sagte Flacius im Zitat bei Hoch: "Usitatum est in historiis, ut, cum unus aliquis initio a vero aberravit, tunc & omnes sequentes caecum ducem caeci & ipsi, id est negligentes veritatis inquisitores, eum temere sequantur. Plane enim, veluti grues, sese mutuo Historici ducunt, & sequuntur."

Heinz Scheible 1997

In Heinz Scheibles Melanchthon-Biographie von 1997 spielen Carion und seine Chronik keine große Rolle. Er bespricht Carion ganz am Ende seines Buches, obwohl er die Heidelberger und Tübinger Jahre weit vorher in eigenen Kapiteln bedacht hat:

"Eine Tübinger Erbschaft war auch Johannes Negelin aus Bietigheim, der dank Melanchthons Gutmütigkeit unter seinem Humanistennamen Carion (Caryophyllus aromaticus heißt die Gewürznelke) bis heute bekannt geblieben ist."

Und über die Chronik heißt es: "Damals oder kurz danach war der Druck seiner Chronik vollendet. Die Darstellung reicht bis März 1532. Der Titel lautet: Chronica durch Magistrum Johan Carion vleissig zusamen gezogen, menigklich nützlich zu lesen. Melanchthons Mitwirkung wird mit keinem Wort erwähnt."

Und über Melanchthons Bearbeitung schreibt Scheible:

"Ab 1555 hielt er Vorlesungen über Weltgeschichte. Hieraus ist ein völlig neues Buch entstanden. Aber Melanchthon, der nun als Verfasser erscheint, ließ ihm den Namen des längst verstorbenen Carion: Chronicon Carionis latine expositum et auctum multis et veteribus et recentibus historiis, in narrationibus rerum Graecarum, Germanicarum et Ecclesiasticarum, a Philippo Melanthone."

Für Scheible ist die Urheberschaft der Chronik kein Problem; seine kurzen Ausführungen lassen aber den Schluss zu, dass er Carion letztlich für einen Trittbrettfahrer an Melanchthons Riesenfahrzeug hält: Die große Eiche Melanchthon hält es auch aus, wenn sich das Schwein Carion daran reibt – aber letztlich ist Carion (ihm) unwichtig.

Barbara Bauer 1997, 1999, 2000

Die letzte Person bei diesem Rückblick soll Barbara Bauer sein, die sich an mehreren Orten über das Chronicon ausgelassen hat.

Anlässlich der Rostocker Ausstellung schreibt sie:

"Melanchthon hatte 1532 den Überblick über die Weltgeschichte seines Kommilitonen aus der Tübinger Studienzeit Johannes Carion in deutscher Sprache herausgebracht. Aus Vorlesungen der Fünfziger Jahre über die Weltgeschichte ging seine lateinische Bearbeitung der Carion-Chronik 1558-1560 hervor. Die Behandlung des Stoffs ist durchaus traditionell. Melanchthon trieb keine eigenen Quellenstudien, um etwa die Entwicklung der protestantischen Kirche als Resultat früherer Konflikte zwischen dem Reich, Papsttum und den Territorien zu deuten oder die Taten einzelner großer Persönlichkeiten zu beschreiben. Vielmehr reizte es ihn, die amorphe Masse von Einzelbeobachtungen des Brandenburgischen Hofastrologen Carion in einen heilsgeschichtlichen Rahmen zu integrieren und die Weltgeschichte mit der biblischen und kirchlichen Geschichte in Zusammenhang zu bringen."

Und weiter unten:

"In den Initia  erläuterte Melanchthon an einigen Beispielen die Gesetzmäßigkeit des Wirkungszusammenhangs zwischen irregulären oder besonders spektakulären Himmelserscheinungen und irdischen Katastrophen. Im Chronicon Carionis bildete die Aufzählung derartiger Himmelsereignisse, denen irdische Katastrophen folgten, das Strukturprinzip einer providentiellen Geschichtsdeutung. Ihr Ziel war es, die göttliche Vorsorge für seine Kirche zu beleuchten, die in Himmelszeichen und anderen prodigia  zum Ausdruck kam. Wer die Gesetze der Planetenbewegungen kannte, besondere Aspekte zu deuten wußte und in den Meteora Boten des göttlichen Willens zu sehen, die in eine von Gott bis zu irdischen Ereignissen reichende Ursachenkette gehörten, für den offenbarte sich der Lauf der Welt- und Kirchengeschichte als globaler Kommunikationszusammenhang zwischen Gott und Menschen. Planetenaspekte, Finsternisse, Kometen und meteorologische Besonderheiten waren Zeichen einer Dingsprache, in der Gott seinen Gläubigen seinen Willen kundtat."

Hier erscheint die Chronica Carionis als amorphe Masse eines spinnigen Astrologen.

 

Im Begleitband der Bietigheimer Ausstellung von 1999 gesteht Barbara Bauer in Anmerkung 10: "Die sehr seltene Erstausgabe lag mir nicht vor, sondern nur die Ausgaben von 1546, 1555 und 1558."

Man glaubt es kaum: Da schreibt jemand ausdrücklich über die Chronik von 1532, kennt aber selbst weder die Frühfassung von 1532 noch die Spätfassung, nicht die niederdeutsche und auch keinen Bonnus, weder von 1537 noch von 1539.

 

Und im Katalogband der Marburger Ausstellung steht dann bei der Vorstellung des Objekts H 1, wobei man nicht weiß, ob das Bauer oder die Koautorin Kirsti Ohr verantwortet, wieder Bekanntes: "Als Melanchthon allerdings Carions Manuskript erhalten hatte, mußte er vor der Drucklegung des deutschen Textes zuerst Ordnung in den – wie er 1532 in einem Brief an Antonius Corvinus schreibt – "Haufen zusammengeraffter, ungeordneter Notizen " bringen."

Und kurz darauf: "Nach Peucers Worten hat Melanchthon ein gänzlich neues Werk unter anderm Namen geschaffen."

Und eine Seite weiter finden sich im Anschluss an ein Münch-Referat folgende Bemerkungen:

"Dieser Teil der Chronik stammt wohl am ehesten aus der Hand Carions. Die Darstellung ist ohne Zusammenhang, eine heilsgeschichtliche Leitidee nicht erkennbar. Nicht einmal die Ereignisse im Zusammenhang mit der Reformation werden aus protestantischer Sicht geschildert. Eigentümlich ist Carions Vorliebe für Wundererscheinungen und ihre mutmaßlich katastrophalen Folgen. ... Für moderne Leser, die Melanchthons Werke schätzen, ist schwer zu verstehen, wieso Melanchthon überhaupt Carions schlichten, jedes historischen Sachverstandes baren Text in der ursprünglichen Gestalt 1532 herausgegeben hat. Sicher tat er gut daran, seinen eigenen Herausgebernamen zu verschweigen."

 

Bei Roemer war Carion noch der Schuft, der sich eine Leistung anmaßt – und jetzt benutzt Melanchthon Carion als Tarnnamen, um nicht für einen Schund geradestehen zu müssen. Man kann nur staunen ...

 

Die Chronik im Leben Carions

Die gesamten bekannten Lebensdaten sind bei Trauner verzeichnet, so dass ich mich hier aufs fürs Thema Wichtige beschränken kann. Mein Hauptanliegen ist dabei, dem Vorwurf des seichten Geistes und damit des kleinen Lichtes zu begegnen.

 

Dass man das Geburtsdatum, nämlich den 22. März 1499, so gut kennt, liegt an einer Mode der damaligen Zeit. Es war nämlich üblich, von wichtigen Zeigenossen Nativitäten zu erstellen, d. h. Geburtshoroskope, und dazu benötigte man nicht nur das Geburtsdatum, sondern die genaue Angabe von Geburtsstunde und –minute, denn man musste ja astronomisch genau verfahren. Ist also die Nativität erhalten – und wurde sie nicht gefälscht wie etwa in Luthers Fall - weiß man über das Geburtsdatum Bescheid. Geboren wurde unsere Hauptperson in Bietigheim in Württemberg (heute Ortsteil von Bietigheim-Bissingen im Kreis Ludwigsburg) und danach als Johannes Nägele (oder Negelin) getauft. Er muss dann Lateinschüler in Bietigheim gewesen sein, denn am 21. April 1514 wird er in die Universität Tübingen immatrikuliert.

 

In seiner "Geschichte der Anfänge der Universität" geht Haller zwar nicht auf Carion, aber auf Melanchthon ein, wodurch man sich das Leben des damals gerade 15-Jährigen vorstellen kann. Die Studenten hatten Bursenzwang, d. h. Carion und Melanchthon lebten etwa vier Jahre nicht nur - als Vorlesungsgenossen bei Stöffler - miteinander im gleichen Haus, sondern mussten auch ihre freie Zeit dort gemeinsam verbringen, Zeit genug, um einander gut kennenzulernen. 1518 trennten sich ihre Wege; Melanchthon wurde nach Wittenberg berufen, wo er am 25. August 1518 seine Antrittsvorlesung hielt. Der Weg des Jüngeren bleibt hier im Dunkeln, lässt sich aber erschließen. Da Carion im Herbst 1518 in Berlin ist, muss er von seinem Lehrer Stöffler an den damaligen Kurfürsten von Brandenburg, Joachim I., empfohlen worden sein. Denn Joachim war an Astrologie sehr interessiert, wollte deshalb von seinem Hofmathematicus profitieren, und da hätte es sich Stöffler gar nicht leisten können, eine Niete nach Berlin zu empfehlen. Demnach muss der kleine Johannes Nägele sowohl an der Lateinschule in Bietigheim als auch hier in Tübingen durch seine Leistungen aufgefallen sein; die württembergischen Nägele hatten ja sonst keine Beziehungen zum brandenburgischen Berlin.

 

Carions Erstlingswerk heißt "Practica M. Joannis Nägelin von Bütighaim/ auff das 1519 iar. Des durchleüchtigsten Fürsten und herren Herr Joachim Margrauen zu Brandenburg etc. Astronomus."

Adelung qualifiziert Carion ja als "weiter nichts als Kalendermacher". Das stimmt 1518 wahrscheinlich, als Carion sozusagen bei Joachim I. sein Gesellenstück, eben den Kalender für 1519, ablegt. Carion spricht das in seiner Vorrede auch selbst an: "diß mein erste bewerung". Damals wie heute verkauft man einen Jahreskalender vor Beginn des Jahres, nicht während des behandelten Jahres, so dass daraus zu entnehmen ist, dass unser Kalendermacher ab Herbst 1518 in Berlin ist.

 

Lästig muss es für den gerade 20-Jährigen gewesen sein, dass es noch einen, wenn auch wesentlich älteren, zweiten Johannes Nägele (oder Nägelein aus Gunzenhausen) am Hof gab. Wenn sein Name nicht schon in Tübingen im Studentenkreis gräzisiert worden war, so hatte Nägele ja jetzt besten Grund zur Umbenennung, um sich eindeutig vom anderen Nägele abzuheben. "Nägele" bezeichnet im Schwäbischen auch die Blume "Nelke", und deren lateinischer Name ist "Caryo-phyllon", eine ursprünglich griechische Zusammensetzung aus "karyon" – Nuss und "phyllon" – Blatt. Doch warum nennt sich der junge Mann nicht "Johannes Caryophyllus" mit zwei todschicken "Y" im Namen? Warum verzichtet er sogar im gewählten Namen auf das eine Y und nennt sich "Carion"? Am nächsten liegt die Vermutung, dass er damit seine Verehrung für seinen Tübinger Geschichtslehrer Johannes Reuchlin zum Ausdruck gebracht hat, dessen gräzisierte Namensform "Capnion" war. Denkbar wäre auch, da anfangs immer die Namensform "Charion" verwendet wird, dass er schon in Tübinger Studentenkreisen – wegen seines stattlichen Wuchses - mit dem Höllenfährmann "Charon" in Verbindung gebracht wurde; Luther hätte dann in seinem Brief an Carion davon nur Gebrauch gemacht.

 

Im Lagerbuch von Bietigheim von 1522 wird Dr. Hans Negelin erwähnt:

"1 Morgen Jn der bach wysen, zwuschend Hans Eberwin vnd Doctor Hans Negelin gelegen, wendt vff Hans Nest."

Daran wird zweierlei deutlich: Zum einen hatte Carion in Bietigheim 1522 noch seinen alten Namen, zum anderen hielten die Bietigheimer ihren nach Berlin entschwundenen ehemaligen Mitbürger schon für einen Doktor.

 

1521 erscheint Carions erstes wichtigere Werk: "Prognosticatio und erklerung der grossen wesserung/ Auch anderer erschrockenlichenn würckungen. So sich begeben nach Christi unseres lieben herrn geburt/ Funfftzehen hundert und xxiiij. Jar.
Durch mich Magistrum Johannem Carion von Buetikaym/ Churfürstlicher gnaden tzu Brandenburg Astronomum/ mit fleyssiger arbeit tzusamen gebracht. Gantz erbermlich tzu lesen/ in nutz und warnung aller Christglaubigen menschen etc."

Fürs damals aktuelle Zeitgeschehen war die Schrift wichtig. Schon 1499 hatte Stöffler, Carions – und Melanchthons – Lehrer in Tübingen, seine "Ephemeriden", d. h. seine Planetenberechnungen für die nächsten Jahrzehnte herausgebracht und eine ganz üble Konjunktion fürs Jahr 1524 berechnet. Lange störte das niemand, aber jetzt um 1520 gab es eine regelrechte Sintfluthysterie, auch geschürt vom Marbacher Arzt Alexander Seitz. Carion versuchte in seiner Schrift, die Hysterie zu mildern, indem er darauf hinwies, dass die Menschheitsgeschichte seit der Noah-Sintflut schon andere Überschwemmungen hatte und die von 1524 zu bewältigen sein werde.

Für unseren Zusammenhang ist diese Schrift aus zwei Gründen wichtig: Zum einen wird im Titel Carions neuer Name fassbar, zum anderen greift Carion hier in seiner Argumentation auf ein Geschichtswerk, nämlich die Schedelsche Weltchronik zurück. Er zieht aus dem Weltgeschehen die Etschüberschwemmung von 618 heran und schreibt dafür wörtlich einen Abschnitt der Chronik ab. Das ist der Beweis dafür, dass Carion in Berlin die Schedelsche Chronik zur Verfügung hatte; meine Anfragen in Berlin, ob man mehr über Joachims I. Bibliothek erfahren könne, blieben leider erfolglos.

 

Da diese Prognosticatio von Werner Bergengruen ausgewertet wurde, ist hier der kleine Abschweif auf "Carion in der Schönen Literatur" angebracht.

Carion wurde schon 1848 von Willibald Alexis verwendet. Dessen Jude Carion hat mit der historischen Person rein gar nichts zu tun, ist aber wegen des Schicksals seines erfundenen Vaters, der als Jude den Räuchertod stirbt, von bedrückender Aktualität.

Bergengruen schreibt von 1931 bis 1940 an seinem Roman und weiß inzwischen schon mehr über unseren Johannes, verfährt aber dennoch sehr frei mit den biographischen Details; dass er Bietigheim am Neckar liegen lässt, verrät schon viel über seine diesbezügliche Sorgfalt. Er verwendet zwar die Prognosticatio, indem er seinen Carion sie den Kindern seines Umfelds als Märchen erzählen lässt, aber insgesamt geht sein Erzählkern auf Hafftitius zurück. Wenn man die Textumgebung bei Hafftitius nachliest, wird die (mangelnde) historische Qualität dieser Quelle deutlich. Das heißt, Bergengruen fällt als ernstzunehmende Informationsquelle für unseren Johannes Carion aus.

 

Nach seinem "Gesellenstück"von 1518 durchläuft Carion eine Entwicklung; schon in der Prognosticatio von 1521 stellt er die Konjunktion von 1524 als verrätselte Geschichte dar. Offensichtlich ist er mit der bloßen Kalendermacherei nicht zufrieden. Etwa 1525 auf 26 entsteht Carions astrologisches Hauptwerk, das 1529 mit einem auf den 28. Dezember datierten Vorwort erscheint: "Bedeütnus und Offenbarung warer hymmlischer Influentz/ des hocherfarnen Magistri Johannis Carionis Bütickheimensis C. F. G. von Brandenburg Mathematici/ von jaren zu jaren werend/ Biß man schreibt 1550. Jar/ alle Landschaft/ Stände und einflüß/ klärlich beträffend."

Als kleine Leseprobe soll hier eine Passage aus dem Vorwort geliefert werden, die zum einen zeigt, wie geschichtlich bewusst – wenn hier auch "nur" auf die Zeitgeschichte bezogen – und wie prophetisch engagiert sich Carion zeigt.

 

6, 1 Damit ich yhe etwas gewysers dann von andern bißher beschehenn (doch nitt allenn) mit der hilff Gots schreyben vnnd anzaygen wolte. 2 Achte ehs derhalbenn nicht von nötten/ das ich auff ein yedes bedeuttenn der alte ehr- <004-r> farnen lerer sprüch brauch/ wiewol so es die not erfordern wurde/ der selben einen gantzen hauffen/ mit sampt jhren sprüchen herfür rucken kündt/ 3 Aber deß gibt oder nimpt hieher nichts.

4 Es sicht doch ein yeder halb erfarner inn Astronomia/ das diß büchlin on ein sonderlichen grund nicht geschryben ist/ vnd das mein außlegen/ vnd bedeütnus eynen ordenlichen proceß auß rechten fundamenten halten/ 5 Will aber einen yeden der mich fragen wirt allen beschayd vnd vrsach gern mittaylen vnd sagen.

6, 1 Damit wollte ich jeweils etwas Verlässlicheres, als es von anderen - mit Ausnahmen - geschah, mit Gottes Hilfe schreiben und darstellen. 2 Ich halte es deshalb für unnötig, für jede Auslegung Sprüche von alten, erfahrenen Lehrern zu benötigen, obwohl ich bei Bedarf ihrer einen ganzen Haufen samt ihren Sprüchen anführen könnte;

3 aber das ist hier unerheblich.

4 Es sieht doch ein jeder, der halbwegs in Astronomie erfahren ist, dass mein Büchlein aus triftigem Grund geschrieben ist und dass meine Ausdeutung methodisch fundiert erfolgt.

5 Auf Anfrage werde ich jedem gerne Auskunft über meine Grundlage geben.

6,6 Vnd wiewol ich doch inn diser Prognostication fast vberall die maynung inn warhayt getroffen/ 7 beforder inn dem/ was schaden vnd erschrecken Italia vnnd Rhom imm 1527. Jar haben werden/ 8 wie imm 1528. Jar der falschen vnd erdichten bündtnus halben inn Hessen/ gar nahe ein mörderische auffruor worden wer/ who man jhm nicht durch frommer leüt rat fürkommen were. 9 Auch imm vergangenen 1529. Jar/ mit des Türcken zuokunfft/ vnd mit der grewlichen weeklagung Wien/ ofen/ vnnd anderen vmbligenden Vngerischen vnd Osterreichischen Stetten/ Schlössern vnd Flecken/

10 Auch das Mayland imm selben Jar erst widerumb dem Römischen Reich gegeben wurde/ vnd inn sein rechte hand kommen/ 11 vnd zwischen Kay. May. vnd dem Künig inn Franckreich friden gemacht/

12 vnd das Kay. May. inn Italia eere vnd wyrden erzayget werden/ vnd Florentz mit sampt andern stetten beschwerung haben etc.

6,6 Zwar habe ich fast überall in dieser Prognostikation die Wirklichkeit vorhergesagt: 7 Vor allem, welchen Schaden und Schrecken Italien und Rom im Jahre 1527 haben werden, 8 außerdem dass in Hessen im Jahr 1528 falscher und fingierter Bündnisse wegen fast ein mörderischer Aufruhr entstanden wäre, wenn man diesem nicht durch den Rat frommer Leute zuvorgekommen wäre. 9 <Richtig lag ich auch> im vergangenen Jahr 1529 mit der Ankunft des Türken und der fürchterlicher Wehklage von Wien, Ofen und anderen ungarischen und österreichischen Städten, Schlössern und Dörfern dieser Gegend.

10 <Gestimmt hat> auch, dass Mailand im selben Jahr von neuem dem Römischen Reich gegeben wurde und in dessen Gewalt kam 11 und dass zwischen seiner kaiserlichen Majestät und dem König von Frankreich Frieden geschlossen wurde,

12 dass dieser Majestät in Italien Ehre und Würde erwiesen wurde und dass Florenz samt anderen Städten Schwierigkeiten haben werde.

6,13 Noch dannocht hab ich vnangefochten nit bleybenn künden/ sonder einer der sich nennet Andreas Perlachius von Wien/ hat wider mich geschriben/ vnd mich nit mit geringen scheltworten gegen Küniglicher Maye. von Hungern vnnd Behem geschmehet/ 14 wöllicher mir entgegen/ vnd den von Wien/ freüd/ frid vnd glückliche zeyt verkündet/ Eben da sie leyder Gott erbarm es/ mit allen engsten vnd nöten vmbfangen waren.
15 Doch wie dem allen/ wöllichem vnder vnns bayden die warhayt haymfellet/ laß ich Ewer. F. G. vnnd alle Ständ erkennenn/

16 wolt aber dannocht das ich gelogen/ vnnd er war gesagt hette/

17 were Kün. Maye. von Hungern etc. Vnnd der selben armen vnderthan vil leidlicher/

18 Achte aber derhalben gedachter Perlach/ habe sich mehr geschendet/ <004-v> vnd verachtet dann ich jme jmmer auflegen möchte/ 19 will das also jm zuo lon vnd newen Jar geschenckt/ vnd hiemit verantwort haben/ gegen E. F. G. vnd sonst aller mänigklich etc.

6,13 Dennoch wurde ich Opfer von Anfeindungen, da einer namens Andreas Perlach von Wien gegen mich geschrieben und mich mit gewaltigen Beschimpfungen bei der königlichen Majestät von Ungarn und Böhmen geschmäht hat.

14 Der hat im Gegensatz zu mir den Leuten von Wien Freude, Friede und glückliche Zeit verkündet, als sie leider - Gott habe Erbarmen! - tief in Angst und Not steckten.
15 Doch sei es, wie ihm wolle: Wem von uns beiden die Wahrheit zufällt, lasse ich Eure fürstliche Gnaden und alle Stände erkennen. 16 Es wäre mir aber lieber, ich hätte gelogen und er die Wahrheit gesagt, 17 dann ginge es jetzt der königlichen Majestät von Ungarn etc. und ihren armen Untertanen viel besser. 18 Ich denke aber, dass sich oben erwähnter Perlach damit mehr Schande und Verachtung erworben hat, als ich ihm je zufügen möchte. 19 Ich will also, dass es ihm zum Lohn fürs neue Jahr geschenkt wird und will hiermit die Verantwortung gegen Eure fürstliche Gnaden und viele weitere übernehmen.

7, 1 Aber eins wolt ich dannocht/ 2 vnd gebe mein rock darumb/ das die Fürsten Teütscher Nation mein waynung zuo oren genommen/ vnnd zuo hertzen gezogen hetten/ inn dem/ das ich die so trewlich/ vnd hertzlich vor vier Jaren zuo jhnen allen schrib/ vnnd sie so trewlich ermanet dem Türcken bey zeyt durch jr aller lieb vnd aynigkayt fürzuokommen/ 3 Aber es war vmbsonst/ wiewol ich den Türcken mit allem seinem wesen abmalet/ vnd jnen  dem Babylonischen Künig vergleychte/ als er Jerusalem zerstört/ vnd die Juden hinweg füret/

4 Es half aber jr aller kayns/ so nemen sie nun dz daran/ vnd nachmals noch ein ergers/ wo sie nicht klüger werden/ dann biß hieher beschehen. 5 Seyen nicht Ofen vnnd Wien Jerusalem gewesen des vergangen Jars/ so buck man sich herwider/ dann die Juden vnd kinder von Israel imm alten Testament die rechtglaubigen vnnd außerwölten Gottes warenn/ wie yetz imm neüwen Christlichen Testament wir Christen glaubhafftig die selben seyen.
6 Dort imm altenn gesetz plaget Gott die Juden (von wegen jrer vbertrettung) mit dem Babylonischen Künig/ hie von wegen vnsers vberschwencklichen grossen vngehorsams/ strafft er vns mit der bluotigen scharpffen ruoten/ dem Christenfeind dem Türcken/ 7 Dann sollenn wir durch die vnruow die ewigen ruow erlangen/ so müssen wir vnsers hayligenn glaubens embsige anfechtung haben/ 8 Dann der recht glaub vonn anfang an/ ye vnd ye vom teüfel dem ewigen feind/ vnnd seinem anhang veruolgung leydenn muoß etc.

9 Befilhe damit E. F. G. sampt jren herrschafften vnd verwandten dem höchsten inn ewigkayt/ 10 vnd mich derselben/ als meinem gnädigen Landsfürsten vnd Herrn.


11 Datum Berlyn am tag Innocentum der mindern zal 29.

12 Ewer F. G.
Williger vnd gantz gehorsamer/
Johann Carion Magister
.<005-r>

7, 1 Aber eines wollte ich dennoch, 2 und ich gäbe meinen Rock dafür, dass die Fürsten der deutschen Nation meine Warnung vernommen und zu Herzen genommen hätten, die ich ihnen so treu und von Herzen vor vier Jahren geschrieben habe und mit der ich sie so treulich ermahnt habe, dem Türken beizeiten durch ihrer aller Liebe und Einigkeit zuvorzukommen. 3 Aber es war vergebens, obwohl ich ein vollständiges Bild des Wesens des Türken entwarf und obwohl ich ihn mit dem Babylonischen König verglich, als der Jerusalem zerstörte und die Juden fortführte.

4 Nichts davon half, und so haben sie jetzt das davon und später noch Schlimmeres, falls sie nicht klüger werden als bisher. 5 Man könnte sich dagegen wehren, dass Ofen und Wien das Jerusalem des vergangenen Jahres waren, aber die Juden und Kinder Israel waren im Alten Testament die Rechtgläubigen und Auserwählten Gottes, wie jetzt wir Christen im Neuen christlichen Testament glaubhaft eben diese sind.

6 Dort im Alten Gesetz plagt Gott die Juden (wegen ihrer Übertretung) mit dem Babylonischen König, hier straft er uns wegen unseres überschwänglichen großen Ungehorsams mit der blutigen scharfen Rute, dem Christenfeind, dem Türken.

7 Denn wenn wir durch Unruhe die ewige Ruhe erlangen sollen, müssen wir starke Anfechtung unsers heiligen Glaubens haben. 8 Denn der rechte Glauben muss von Anfang an immer wieder vom Teufel, dem ewigen Feind, und seinem Anhang Verfolgung erleiden etc.
9 Damit empfehle ich Eure fürstliche Gnaden mitsamt ihrer Regierung und Verwandten dem Höchsten in Ewigkeit, 10 und mich empfehle ich Euer Gnaden als meinem gnädigen Landesfürsten und Herrn.
11 Gegeben zu Berlin am Fest der Unschuldigen Kinder
<28.12.> 1529.

12 Euer fürstlichen Gnaden
williger und ganz gehorsamer
Magister Johann Carion

 

Das Gesamtwerk - wie gesagt, Carion sprengt bewusst die Grenzen der Kalendermacherei - enthält 1525/26 geschriebene Prophezeiungen für die folgenden Jahre bis 1550; da er dieses Vorwort etwa vier Jahre nach der Abfassung des Textes verfasst, kann er schon auf einige eingetroffene Prophezeiungen hinweisen.

6,1 bis 5 zeigt sein großes Selbstbewusstsein: Er kennt die astrologischen Sprüche seiner Vorgänger, will die hier zwar nicht alle anführen, erklärt sich aber bereit, auf Anfrage Rechenschaft abzulegen.

6,6 bis 12 weist Carion auf seine Erfolge hin: Vieles sei tatsächlich eingetroffen.

6,13 bis 19 kommt er auf seinen Wiener Hauptgegner zu sprechen; während er, Carion, das Unglück Wiens angekündigt habe, habe Perlach den Wienern Freude, Frieden und glückliche Zeit angesagt.

Wenn Carion hier so richtig liegt, kann das ja nur daran liegen, dass er ein sehr aufmerksamer Beobachter seiner Zeit war. Sein astrologischer Rivale sprach natürlich davon, dass Carion mit dem Teufel im Bund sein müsse, um so zutreffende Voraussagen zu machen. Wenn an einigen Orten, z. B. von Menke-Glückert, Carion historisches Wirken abgesprochen wird, ist das offensichtlich nicht zu halten.

Und in 7,1 bis 8 wird der theologische Hintergrund Carions deutlich, wohl bemerkt 1529, also zwei Jahre vor der angeblichen theologischen Überformung seiner Chronik durch Melanchthon.

Carion sieht sich in Parallele zu den jüdischen Propheten, denen ja auch niemand geglaubt habe; den Türkensturm parallelisiert er mit der Zerstörung Jerusalems durch Babylon, und vor allem: seine christlichen Zeitgenossen sieht er in Parallele zu den gottgläubigen Juden der Zeit vor dem Exil. Und der Teufel feinde die Rechtgläubigen immer an, vor Christus und jetzt wieder lange nach Christi Geburt.

 

War die "Bedeutnis" zumindest nach 1529 für die Öffentlichkeit bestimmt, so ist das Iudicium Magnum ein Privatgutachten. Reiner Reisinger hat dieses Gutachten ediert, ausführlich kommentiert und insgesamt in den astrologischen Zusammenhang eingebettet. Für mein Thema sind hier nur zwei Aspekte wichtig: Reisinger zeigt am Ende seines Buches, wie genau Carion die astrologische Literatur kannte; Reisinger kann fast alle astrologischen Auswertungen, die Carion vornimmt, auf seine Handbuchquellen beziehen. Auch wenn die Astrologie auf – meines Erachtens – völlig haltlosen Voraussetzungen beruht (Sternbilder sind keine Realität, sondern menschliche Merkhilfen, um sich am Sternenhimmel orientieren zu können; die Zuordnung von Planeten zu Göttern des babylonischen oder griechischen Mythos ist ein Akt der Willkür), so kann man doch die Astrologie der Zeit Carions als hochintelligentes Spiel betrachten, dem damals sogar Wissenschaftscharakter zugebilligt wurde. Und wer dieses Spiel beherrscht, dem kann man keinen seichten Geist, sprich beschränkte Intelligenz, nachsagen.

Der andere Aspekt ist der Auftraggeber und der Betroffene des Gutachtens. Der Betroffene ist das Patenkind von Albrecht Dürer, die Familie Scheurl ist in Nürnberg angesehen – und warum soll Carion nicht bei solchen Beziehungen etwas von Willibald Pirckheimer gehört haben? Münch hält in Nachfolge von Joachimsen (so seine Anmerkung 122) für zwingend, dass die Pirckheimer-Nennungen nur über Melanchthon in die Chronik gelangt sein können.

In ähnliche Richtung geht Menke-Glückerts Behauptung: "In Reuchlins, seines Oheims, Bibliothek kann doch nur Melanchthon Bescheid wissen." Scheible stellt folgendes fest: "Er <Reuchlin> freute sich über Besuch von Tübinger Studenten, die er freigebig bewirtete und sich bei Spielen im Garten entspannen ließ. Er öffnete ihnen aber auch seine reichhaltige Bibliothek, die Kostbarkeiten enthielt, die in Tübingen nicht zu bekommen waren." Damit wirkt Menke-Glückerts Behauptung deutlich weniger überzeugend.

 

Ab 1527 bestehen Beziehungen zwischen Carion und Herzog Albrecht von Preußen. Einiges ist vom Briefwechsel der beiden erhalten, er ist über Carions Hintergrund recht aufschlussreich. Ein Brief wurde oben schon ausgewertet, hier soll nur für die Fragestellung "Carions Eigenwert" auf ein Detail hingewiesen sein. Die Aufklärer und in deren Folge auch Menke-Glückert rümpfen die Nase, wenn sie davon berichten, dass Carion seinem Brief vom 22. August 1527 eine Erzählung vom "Kindorakel" beigelegt habe. Menke Glückert: "Man muß es lesen, sowohl um zu erfahren, was Carion glaubte, als was damals an einen Herzog zu schreiben möglich war."

Carion war der Bürger, Herzog Albrecht der adlige Auftraggeber. Wenn nun Carion solch einen Schwachsinn seinem Brief beilegt, kann er nur den Wunsch des Herzogs befriedigt haben; ob er an das Zeug glaubte, bleibt offen, aber diese Beilage wirft doch vor allem ein Licht auf den Herzog und weniger auf den untertänigen Lieferanten.

 

Wie oben schon erwähnt, ist der Melanchthonbrief vom Juni 1531 die "Geburtsurkunde" der Carion-Chronik. Solch eine Chronik, auch wenn sie unter dem Begriff "Kompendium", also "kurzes Handbuch" läuft, kann man nicht in ein paar Tagen oder Wochen oder auch Monaten herstellen. Auch das Kompilieren braucht Zeit. Man muss die richtige Quelle haben, da die richtigen (wichtigen?) Passagen auswählen, das Ganze abschreiben, kurz, ich würde die Arbeitszeit eher in Jahren bemessen, habe ich doch immerhin die Carion-Chronik, wenn auch am Computer, abgeschrieben, "nur" abgeschrieben! Demzufolge war Carion vor dem Juni 1531 schon einige Zeit mit diesem Werk beschäftigt, immer neben anderen Tätigkeiten, wobei Joachim I. ein großzügiger Arbeitgeber gewesen sein muss. Zum einen lässt er Carion noch die Luft, sich in Herzog Albrecht einen Zweit-Arbeitgeber zu suchen, zum andern kann er offensichtlich nebenher seine Chronik erstellen.

Der Hintergrund bis zum Druck war schon Thema oben im Kapitel "Melanchthons Stellung zu Carion und seiner Chronik". Der Mainstream geht ja davon aus, dass Melanchthon den Druck betrieben habe, aber Carions Bitte gilt wohl vor allem der Durchsicht; das dürfte auch heute noch üblich sein, dass man ein längeres Opus einer verlässlichen und vertrauten Person zum Lesen übergibt, etwa mit der Frage: "Meinst du, so geht's?" oder mit Melanchthons Worten: "ea lege, ut <eam> emendarem".

Nach Trauner befand sich Carion in Wittenberg, auch um den Druck zu überwachen: "Im April 1532 kam C. dann persönlich nach Wittenberg. Während seines Aufenthalts, der zwar auf kurfürstlichen Befehl geschehen war, aber auch in engem Zusammenhang mit der Chronik zu sehen ist <Lücke>; die Darstellung in der Chronik endet mit März 1532. Anläßlich seines Wittenberg-Aufenthalts schrieb er sich als 'J.C. Astronomus' in die Matrikeln der Universität ein." Karin Reich weiß sogar von einem Aufenthalt Carions im Winter 1531/32, gibt aber keine Quelle an: "Wegen der Korrekturen am Manuskript hielt sich Carion im Winterhalbjahr 1531/32 in Wittenberg auf; er ließ sich sogar 1532 in die Wittenberger Matrikel einschreiben."

Diese Aussagen von Carions Aufenthalt in Wittenberg zur fraglichen Zeit sprechen gegen die verbreitete Meinung, nur Melanchthon habe die Chronik herausgegeben.

 

Jedenfalls gibt es 1532 zwei Ausgaben. Eine Erstedition vom Frühjahr liegt im Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen, eine andere, die sich aber nur in der Rechtschreibung unterschied, befand sich 2009 auf der Homepage der Luthergedenkstätten. Eine Zweitfassung von 1532 befindet sich auf der Homepage der Universität Halle (VD 16 C 997). Diese Zweitfassung ist dann Grundlage sowohl der niederdeutschen Ausgabe von 1534 als auch der Bonnus-Übersetzung von 1537.

 

Und damit sind wir bei der Übersetzung von Hermann Bonnus, die für unser Thema ein argumentatives Aschenputtel-Dasein fristet, aber durchaus ans Licht geführt gehört.

Die Communis Opinio lässt sich am besten mit Barbara Bauers Worten formulieren:

"Der Lübecker Superintendent und Rektor Hermann Bonnus (1504-1548) übersetzte 1537 die Chronik, vielleicht um sie für den Sprachunterricht zu verwenden." Das heißt, die Übersetzung erscheint als Eigenleistung von Bonnus, über ihren Zweck wird eine Vermutung angestellt.

Petra Savvidis stellt Leben und Werk des Hermann Bonnus umfassend dar. Seine berufliche Entwicklung ist hier interessant.

Schon im Titel des Buches spricht sie Bonnus als "Superintendent" von Lübeck an. Bei der Behandlung der Frage der kommissarischen Amtsbesetzung führt sie aus: "Bonnus gab eindeutig als Rektor seine lateinische Grammatik im April 1531 heraus, eine Doppelfunktion als Schulleiter und Superintendent kommt sicher nicht in Betracht." Im Zusammenhang mit Bonnus' Verhandlungen mit Lüneburg stellt sie dann fest: "Bonnus wäre wohl nach Lüneburg gegangen, wenn unmittelbar nach seinen Briefen vom 6. Mai <1535> nochmals eine eindeutige Berufung ergangen wäre. So aber übernahm er in Lübeck das Amt des Superintendenten, im letzten Brief vom 2. Juni <1535> wird Bonnus bereits als 'Superattendent' angesprochen." Bonnus hatte also ab Mitte 1535 die Arbeit des Amtes, die Stelle (mit entsprechender Dotierung) bekam er erst später. Wenn das stimmt – wovon ich ausgehe -, dann war er in der zweiten Jahreshälfte von 1535 nicht mehr Schulleiter und hatte keine Veranlassung mehr, ein Schulbuch, noch weniger solch ein Ungetüm an Schulbuch zu schreiben.

 

Wie soll man sich nun den Hintergrund von Bonnus' Übersetzung vorstellen?

Bonnus war Melanchthonschüler. Die nächstliegende Vermutung ist also, dass Melanchthon Bonnus als Übersetzer der Carion-Chronik ins Auge gefasst hat – die doch angeblich sowieso schon weitgehend sein Werk ist. Wenn Melanchthon aber so stark in die Übersetzung eingespannt gewesen wäre, hätte sich das sicher in einer entsprechenden Vorrede niedergeschlagen. Davon findet sich keine Spur, im Gegenteil, die lateinische Übersetzung bleibt völlig im Rahmen der Zweitfassung von 1532, auch die Tabula Annorum Mundi bleibt beim Stand von 1532, sie gibt auch noch 1539 als gegenwärtiges Jahr 1532 an:

 

1532, zweite Fassung

Bonnus, 1539

9,6,1 Anno Mundi 3944 ist Christus vnser Gott vnd Heiland geborn.

 

2 Jnn gegenwertigem 1532 jar/ sind nach anfang der welt. 5476. jar.

 

Anno mundi ter millesimo, nongentesimo, quadragesimo quarto Christus natus est.

Anno hoc praesenti, millesimo, quingentesimo, trigesimo secundo, expleti sunt a condito mundo 5476. anni.

 

 

Wenn Melanchthon nicht hinter der Übersetzung steht, wer hat dann Interesse an dieser lateinischen Übersetzung, die sich – für damalige Verhältnisse: peinlich – genau an die Vorlage von 1532 hält? Ja, wer wohl?

Carion hatte 1532 schon sehen können, welchen Anklang sein Buch fand. Wie ich oben bei Adelung gezeigt habe, billigte auch ein ausgesprochener Carion-Gegner dessen Chronik einen großen Wert für den Buchmarkt zu.

Carions deutsches Werk war auf dem damaligen Weltmarkt nicht zu gebrauchen, da musste schon die (damalige) Weltsprache her. Von Carions Verhandlungen mit Bonnus ist kein Zeugnis geblieben, aber die vorliegende Übersetzung zeigt ja: Das ist Carions Werk, möglichst wortgetreu übersetzt, ohne Vorrede von Bonnus oder gar Melanchthon. Also wird Carion den Latein-Grammatiker gebeten haben, möglicherweise gegen Gewinnbeteiligung, die Chronik für den Weltmarkt zu ertüchtigen.

 

 

Indizien für Carions Sorge für die Übersetzung ist zum einen der Vermerk auf der Titelseite der Erstausgabe: "ab autore diligenter recognita" ("vom Autor sorgfältig durchgesehen"); da unmittelbar davor Bonnus genannt ist, hätte man auf ihn als Kontrolleur anders verwiesen.

 

Außerdem erzählte Carion im Brief vom 26. April 1536 selbst Herzog Albrecht von seiner geplanten Reise nach Württemberg:

 

12,1 Auch, gnedigster herr, will ich eurer furstlichen gnade nicht bergen, das ich ytz auff Jubilate hinauß zeuch Jn das Landt zu würtenberg, jn mein Heymat, vnd willens, alda ein monat oder i ½  zu verharren.

2 Von eurer furstlichen gnade etwas an den hertzogen wolten werben lassen

3 mochten wyr die ein Credentz oder Jnstruction nachsenden, wolt ichs in der aller besten form gehrn ausrichten, wie jch mich zu thun schuldig erkhen.

4 Man findet mich zu büethickheim oder aber zu stugkgart, ligt ij meil voneinander etc.

12,1 Gnädigster Herr, ich will Eurer fürstlichen Gnade auch nicht verheimlichen, dass ich jetzt auf Jubilate in das Land zu Württemberg, in meine Heimat, hinausziehe und vorhabe, dort einen oder zwei Monate zu bleiben. 2 Besteht von Eurer fürstlichen Gnade ein Auftrag an den Herzog?

3 Falls Sie mir eine Beglaubigung oder Anweisung nachschicken wollten, werde ich es in der allerbesten Form gerne ausrichten, bekenne auch, dass das meine Pflicht ist. 4 Man findet mich in Bietigheim oder aber in Stuttgart, das liegt zwei Meilen voneinander.

 

Carion gibt allerdings keinen Grund seiner Reise an, spricht auch nicht von Hall.

 

Ein letztes kleines Indiz für die Reise in den Süden ist Melanchthons Empfehlung des Carion an den in Tübingen befindlichen Camerarius vom 11. Juni 1536:

 

Viro optimo Ioachimo Camerario , Bambergensi Tubingae optimas disciplinas profitenti, amico suo summo,
S. D.

Dem besten Mann, Joachim Camerarius , dem Bamberger, der in Tübingen die besten Fächer lehrt, seinem besten Freund.

Ich grüße Dich.

7 Carionem  tibi commendo, qui me, properantem Lipsiam cum coniuge et familia, non potuit alloqui, sed Sabinus eum expectabat.

8 Etiam Eobanum, ut spero, Lipsiae videbo, qui erit nostri itineris comes. 9 Bene et feliciter vale.

10 III. Id. Iunii.

Philippus.

7 Den Carion empfehle ich dir, er konnte mich, eilends unterwegs nach Leipzig mit Frau und Familie, nicht sprechen, aber Sabinus erwartete ihn.

8 Auch Eobanus werde ich, wie ich hoffe, in Leipzig sehen, der uns auf der Reise begleiten wird. 9 Lebe wohl und glücklich!

10 11. Juni.

Philipp

 

Offensichtlich weiß man also in Wittenberg von Carions Reise nach Württemberg.

 

Aber noch bevor 1537 die Übersetzung erscheint, ist Carion tot – und damit an der weiteren Geschichte seiner Chronik nicht mehr beteiligt.

Chronicon Carionis Carionis

Melanchthons Änderungswünsche

Aus den bisherigen Ausführungen dürfte wohl klar geworden sein, dass das Peucer-Märchen von der Una-litura-Streichung und der folgenden Neuschaffung der Chronik nur in der Phantasie Bestand hat. Den richtigen Sachverhalt dürfte Hildegard Ziegler schon 1898 richtig beschrieben haben:

"Der Schluss, zu dem uns diese Untersuchung der Berichte führt, dass der Grundstock von Cario herstamme, Melanchthon aber das Werk durchgesehen habe, wird durch eine Untersuchung des Werkes selbst bestätigt; ja wir können sogar hier und da Melanchthons Verbesserungen gradezu als Einschiebungen in den ursprünglichen Text erkennen."

Dass Hildegard Ziegler so wenig durchgedrungen ist, liegt wohl daran, dass man Menke-Glückert lieber gehört hat und dass Münch ihr gegenüber allzu kritisch eingestellt war; das setzt sich fort bei Stupperich, der wieder mit dem farrago-Argument Ziegler totschlägt.

 

Als Melanchthon im Juni 1531 Carions Chronik erhält, ist sie aus Carions Sicht wohl fertiggestellt. Welche Änderungswünsche hat nun Melanchthon an die Chronik? Zur Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick in Melanchthons Briefe.

 

Im Juni interessiert sich Melanchthon im ersten Brief des Chronik-Kontextes an Camerarius für Hercules und Alexander; er sieht noch nicht klar und bittet seinen besten Freund Camerarius um Hilfe. Am 26. Juli vermeldet er nun klare Sicht. Er verbindet seine gewonnene Erkenntnis aber nicht mit der Chronik.

Anders steht es um das zweite Thema, die Franken. Diese Frage wird im Juli-Brief angesprochen und ausdrücklich mit der Chronik verbunden:

 

8,1 De Francis tuis haud dubie falsum est eos a Baltico exortos esse, fuerunt enim vicini Alpibus, sicut Boii Strabonis tempore.

2 Et Livius in Hannibalis transitu mentionem Branci facit, qui bellum gessit cum Allobrogibus. 3 Habeo multa argumenta, quae fidem minime dubiam faciunt, primas sedes Francorum in hac superiore Germania fuisse, fere iisdem locis, quae nunc sunt Francorum.

4 Strabo BregkouV scribit, Vindelicis vicinos, et nescio quibus aliis, non enim vacat inspicere librum.

5 Itaque te non insertum alienae genti, sed vere Francum dici et haberi volo.

 

6 Idque disputabo in cronikoiV in Carolo, quem ornabo quantum potero.

8,1 Bezüglich deiner Franken ist es zweifelsohne falsch, dass sie vom Baltikum stammen, sie waren nämlich Nachbarn der Alpen, so wie die Bojer zu Strabons Zeit. 2 Auch Livius erwähnt bei Hannibals Überquerung einen Brancus, der mit den Allobrogern Krieg führte. 3 Ich habe viele ganz verlässliche Argumente dafür, dass die ersten Wohnsitze der Franken in diesem Obergermanien waren, fast an denselben Orten, die jetzt den Franken gehören.

4 Strabo schreibt "Brenkous", Nachbarn der Vindeliker und irgendwelcher anderer; ich kann nämlich nicht im Buch nachschauen. 5 Deshalb will ich dich nicht für einen Einschub in ein fremdes Volk, sondern für einen wahren Franken halten und so nennen.

6 Das erörtere ich in der "Chronik" bei Karl, den ich loben werde, soviel ich nur kann.

 

"Disputabo" – "ich werde erörtern" und "ornabo" – ich werde schmücken" sind durchs Futur als Absichtserklärung erkennbar.

Wie der Fassungsvergleich zeigt, hat Carion zur zweiten Fassung nur seine Bescheidenheitsbekundung abgelegt und die Schwaben-Kaiser eingefügt. Von einer großen Änderung im hier von Melanchthon geäußerten Sinne ist nichts zu spüren. Was er hier im Brief im Abschnitt 4 schreibt, könnte er noch in der Erstfassung als 7,2,15-19 untergebracht haben; dort sprengt nämlich die Untersuchung der Urheimat den Zusammenhang der Begegnungen von Franken und Römern.

 

Im August 1531 scheint das Interesse am Kometen bei Melanchthon alles zu überstrahlen. Am 17. konferiert er mit Carion zwar auch über die Chronik, am 18. denkt er im Brief an Camerarius aber nicht an sie.

Carion teilt er das Wichtigste über den Spruch des Elias mit und fügt an: "sentencia ... a me posita in principio tuae historiae". Obwohl sich Melanchthon schlecht fühlt und er mit seiner Apologie schwer beschäftigt ist ("impeditus" – "gehindert"), hat er den Spruch des Elias schon in die Chronik eingepasst.

Einige weitere Punkte will er noch einbauen: "Tales locos multos deinceps admiscebo." (Solche Stellen werde ich noch viele nacheinander hineinmischen.") Nach Melanchthons Einschätzung könnte die Chronik im Winter 1531/32 abgeschlossen sein: "Historiam, ut spero, hac hieme absolvemus." ("Wie ich hoffe, werden wir die Chronik in diesem Winter abschließen.")

 

Und im Januar 1532 bezeichnet er die tabula annorum mundi als abgeschlossen: "In fine adieci" – am Ende habe ich hinzugefügt". Für einen eventuellen Neudruck kündigt er jetzt im Januar noch Zeugnisse aus Ptolemäus an.

 

Aus diesen Briefstellen ergibt sich folgendes Bild: Ganz wichtig ist Melanchthon das Dictum Eliae, das schon im August eingebaut ist. Im Januar ist auch die Erstellung der tabula annorum abgeschlossen, weiteres ist im Sommer schon angekündigt, aber dessen Abschluss wird nicht brieflich dokumentiert.

Dieser Stand zeigt sich auch im Befund der beiden Fassungen, wie im nächsten Kapitel ausführlich gezeigt werden soll: Der "Wald" ist für die erste Fassung fertig, manche Bäumchen sollen noch zurechtgestutzt werden: "(In chronica) sunt mei quidam loci, tamen ipsa operis silva non est mea" – so Melanchthons Kommentar.

Fassungsvergleich

Wie der Schluss der ersten Fassung zeigt, hat das Herausgeberteam (Carion und Melanchthon) die Chronikdaten bis zur Druckzeit fortgeführt. Die letzte Meldung ist dort die Ankunft Kaiser Karls V. in Regensburg im März 1532 (7,53,13). Der Spruch des Elias ist integriert, die tabula annorum am Textende angehängt.

Im Fassungsvergleich zeigt sich jetzt, dass die zweite Fassung bis zum September 1532 weitergeführt worden ist, da der zweite Komet vom September 1532 als letztes gemeldet ist (8,15,1). Für diese Weiterführung wurde das Kapitel über Ferdinand umgearbeitet (erste Fassung Kapitel 7,57, in der zweiten Kapitel 8) und eine ausführliche Schlussbetrachtung (Kapitel 9) angeschlossen.

Aber auch im Bestand des Chronik-"Waldes" finden sich umgearbeitete Passagen, nämlich:

1.    3,12 Königreich Israel

2.    3,19 Herakles

3.    4,13 Rechnung der 70 Wochen Daniels

4.    5,1 Vorstellung der dritten Monarchie und Alexander der Große

5.    6,4 Beginn des dritten Buchs: Geburt Christi

6.    7,56 Karl V., der 39. deutsche Kaiser

Die umgearbeiteten Kapitel befinden sich in Form von Synopsen im Textanhang S. 137ff. Da die Umarbeitungen unterschiedliche Gestalt tragen, könnten sich die beiden Herausgeber die Arbeit aufgeteilt haben.

 

Das Kapitel 3,12 "Königreich Israel" und das über Alexander (5,1) wurden im Hinblick auf die Chronologie präzisiert; die Anekdote bei Alexander passt durchaus zur auch sonst in der Chronik feststellbaren Sensibilität für Rechtsfragen. Die genealogische Tabelle – Ergebnis seiner Recherchen zur Abstammung Alexanders des Großen – konnte Melanchthon schon in die Erstfassung einbringen.

 

Die Umarbeitung des Herakles-Kapitels 3,19 erfolgte vor allem bei der religionsgeschichtlichen Betrachtung und betont dort die Suche nach dem "gnädigen Gott", das dürfte vom Reformationstheologen Melanchthon stammen.

 

Das Kapitel 4,13, die Beschäftigung mit Daniels 70 Wochen, wurde gründlich umgearbeitet; das Schwergewicht wandert von der Chronologie zur Apologetik.

Die Erstfassung denkt ganz vom zweiten Jahr des Longimanus aus (4,13,1-8), danach wird die Grundannahme, dass die Wochen Daniels "Jahrwochen" seien, genannt (4,13,9-13). Carion erklärt dann seine Rechnung (4,13,14-32), gibt sich damit auch zufrieden, weist aber auf die eigentlich richtige Rechenmethode hin: Um wirklich exakt zu verfahren, müsste man von den in der Literatur belegten Sonnenfinsternissen ausgehen, aber diese Arbeit übersteige seine Kräfte (4,13,33-36). Mit dem Bedenken des apologetischen Wertes der Daniel-Prophezeiung schließt Carion die Argumentation ab und wiederholt die chronologischen Daten (4,13,37-40 und 41-43).

Ob die Umarbeitung dieses Kapitels nun Melanchthons Werk war oder als Ergebnis interner Diskussionen von Carion umformuliert wurde, lässt sich meines Erachtens nicht entscheiden, aber das Ergebnis in der Zweitfassung lässt sich beschreiben: Jetzt steht die Weissagung Daniels klar im Zentrum. Ihr apologetischer Wert rahmt das Kapitel. Nach der Behauptung der leichten Berechenbarkeit von Daniels Zeitangaben wird das Desiderat der idealen Chronologie – genau wie in der Erstfassung – angesprochen, aber der Verfasser beruft sich doch auf die Rechnung der "besten Historien" und führt dann Daniels Spruch an. Drei Voraussetzungen der Rechnung werden benannt und jetzt als Quelle "Esdra" angegeben. Nach der Erklärung der Bauzeit des Tempels folgt die eigentliche Rechnung, die hier in der Zweitfassung ein Lob Daniels abschließt. Wie in der Erstfassung wird dann die eigene Rechnung bewertet, in der Zweitfassung kommt jetzt noch eine Parallelrechnung aus heidnischen Quellen hinzu. Abschließend hebt der Verfasser hervor, dass, auch wenn "die Minuten" nicht zuträfen, die Zeit Daniels doch auf jeden Fall vorüber sei. In der Zweitfassung schließt sich an den besprochenen Gedankengang die tabula annorum an, die aber der vom Textende, wo sie noch einmal zu finden ist, genau entspricht. Als Bestätigung der Tabelle gibt der Verfasser die Parallelrechnung in Olympiaden an. Neben der oben genannten Verschiebung der Intention fällt hier in der Zweitfassung der Versuch auf, mit heidnischen Zeitangaben das Bild zu objektivieren.

Bei den konkreten Zahlenangaben gibt es zwei Unterschiede. In der Erstfassung wird die Geburt Christi 320 Jahre nach dem Anfang Alexanders datiert (4,13,14), in der Zweitfassung sind es nur 310 Jahre, und waren es in der Erstfassung in der tabula annorum nur 5 Jahre von Darius zu Alexander, sind es jetzt 7.

 

Bei der Umarbeitung des militärischen Hintergrunds des Kaisers Augustus im Kapitel 6,4 liegen die Verhältnisse deutlicher zu Tage.

Die Erstfassung geht hier ganz von Augustus aus und lässt seine Regierungszeit erfolgreich erscheinen – bis eben auf seine Schwierigkeiten in Deutschland (6,4,12). In der Zweitfassung trägt diese Passage eine eigene Überschrift: "Von Deudschen", d. h. nicht Augustus, sondern deutsche Frühgeschichte wird behandelt:

 

Erstfassung

Zweitfassung

6,4,12 Augustus hat jnn seim Regiment kein sonderlichen grossen vnfal gehabt/ denn jnn Deudschen landen/

13 Denn zu seiner zeit haben die Römer erstlich sich vmb Deudsch land angenomen/ vnd den Reinstrom vnten von Cöllen herauff bis gen Mentz eröbert/

14 Denn die Römer sind jnn Deudsch land aus Gallia gefallen/ vnd sind von Cöllen gegen Westwalen vnd Saxen/ welche zum teil dazumal haben geheissen Longobardi/ gezogen.

 

 

 

15 Da war ein Fürst mit namen Herman/ die Römer nennen jhn Harminium/

 

 

 

16 Der vber fiel die Römer an der Weser/ vnd schlug jhn ab .21. tausent man/ dazu ein grossen hauffen jhrer bundge= <080-v> nossen/ so bey den Römern lagen.

17 Der Römer haubtman Quintilius Varus/ erstach sich selb/

 

 

 

 

 

18 vnd war ein schrecken zu Rom/ nicht geringer/ denn da die Cimbri jn Jtaliam fielen/ 19 Denn man besorget/ dieser Hertzog Herman/ würde mit macht gegen Jtalien ziehen/

20 Augustus war auch jnn solcher angst/

 

das er mit grossem klagen schrey/ Quintili redde legiones.

 

 

 

 

21 Doch practicirt er/ das diesen Harminium seine eigene freund verrieten vnd vmbrachten.

22 Das sey gnug von Augusto.

<218> Von Deudschen.

 

ZVR zeit Augusti/ haben die Roemer erstlich Deudschland angriffen/ vnd sind Tiberius vnd sein bruder Drusus gelegen jnn hochdeudschland/ haben da die grentz an Rhetis vnd Vindelicis eingenomen/ haben doch die Lender nicht bezwungen/ vnd gantz zu gehorsam bracht/ Rheti sind die Etsch lender/ Tyrol bis gen Pregentz/ Kempten vnd herunter bis gen Nordlingen/ da noch der nam bleibet/ das <219> Ries

Vindelici/ sind Augsburg vnd Ober Baiern/ Vnd ist Drusus herunter bis gen Mentz komen/ vnd hat nicht fern dauon ein schaden gelidden/ dauon er gestorben ist.

Dazumal haben die Roemer aus Coellen auch Westwalen vnd Saxen angriffen.

Nu war ein Hertzog zu Saxen/ mit namen Herman/ die Historici nennen jhn Arminium/ ein Fuersten jnn Cheruscis/ die sind eigentlich die Hartzlender/ herunter an der Weser bis gen Premen/

Vnd ich acht das wort Cherusci/ sey das wort Hertzische.

Dieser Arminius vberfiel die Roemer/ vnd erschlug jhr bey .21. tausent/ dazu ein grossen hauffen jhrer bundgenossen/ so mit den Roemern zogen.

Der Roemer Haubtman Quintilius Varus/ erstach sich selbst.

Wo die schlacht geschehen sey/ findet man eigentlich jnn Tacito/ nemlich zwischen der Lip vnd der Embs/ das ist/ vnter Cassel nicht fern von Padeborn/

Denn also spricht Tacitus/ Quantumque Amisiam & Luppiam amnes inter, uastatum haud procul Teutoburgiensi saltu, in quo reliquiae Vari legionum, eaeque insepultae dicebantur. <Tacitus, Annalen I, 60>

Vnd hat diese niderlag der Roemer/ nicht geringern schrecken zu Rom gemacht/ denn da die Cimbri jnn Jtaliam gezogen waren/ Derhalben das man besorget/ Arminius wuerde <220> mit aller macht das Roemisch Reich angreiffen/ vnd gegen Rom ziehen.

Augustus war jnn solcher angst/ das ehr allenthalben bestellet/ das man jnn ruestung sein solt/

vnd schrey mit grossem klagen/ Quintili/ redde legiones.

Als aber Arminius die Roemer aus Saxen getriben hat/ haben die Roemer Practicirt/ das jhm seine nachbarn zu schaffen machen solten/ nemlich/ die Schwaben/ so da zumal an der Elb sassen/ vnd die Behem. Arminius schlug diese auch/ vnd erobert jhre Lender/ Also hat Arminius jn/ Westwalen den Hartz/ Saxen/ Marck/ Meissen vnd Behem/ Vnd hat regirt bey .12. jarn/ vnd ist entlich durch verreterey von sein freunden vmbbracht/

Das sey gnug von der zeit Augusti.

 

Während die Erstfassung zunächst die große Linie der römischen Eroberung Germaniens anspricht, weiß die Zweitfassung von Tiberius und seinem Bruder Drusus zu berichten, breitet auch das geographische Wissen über Rhäter und Vindeliker aus, geht sogar auf den Ursprung des Namens "Ries" ein (6,4,12-14). Auch die Varusschlacht wird in der Erstfassung mit den wichtigen Personen Hermann, Varus und Augustus (mit seinem allbekannten Klageruf) vorgestellt, am Ende intrigiert dann Augustus gegen Hermann, so dass dieser schmählich umgebracht wird (6,4,15-21). Die Fakten erscheinen auch wieder in der Zweitfassung, aber wie oben beim angeblichen Ursprung des "Ries" von "Rhätien" ist auch hier der etymologische Kommentar zu den Cheruskern wichtig. Der Schlachtort wird nach Tacitus und mit einem Tacituszitat genau nachgewiesen. Die innenpolitischen Querelen des Arminius sind der Zweitfassung auch wichtig, denn damit kann man die damalige Heimat der Schwaben ansprechen. Beide Fassungen schließen mit einem "Das sey gnug", aber die Erstfassung hat genug von Augustus, die Zweitfassung "von der zeit Augusti".

Ging es der Erstfassung um die klaren großen Linien, so ist die Zweitfassung bestrebt, ihr überreiches Wissen zur Schau zu stellen. Wäre ich Münch, spräche ich hier vom "Geiste Melanchthons".

 

Genau genommen gehört die Synopse zu Karl V. (7,56) nicht zum Zusammenhang dieser Arbeit, da hier die Erst- und die Zweitfassung keine Abweichungen aufweisen – aber Bonnus! Bei seinen Unterschieden wird die Verachtung des Pöbels (7,56,14), aber auch die Hochschätzung der legitimen Obrigkeit (7,56,12) noch stärker betont als in Carions Original. Auffallend, dass dort, wo Carion nur von Münzer als dem Anfänger der "lahr vom Widdertauff" spricht, das bei Bonnus als "hic primus autor extitit phanatici illius erroris Anabaptistarum" erscheint: hier "Lehre", dort "fanatische Irrlehre". Das sey gnug von Bonnus!

 

Zwei Punkte, die im Grunde schon ins nächste Kapitel hinüberreichen, gehören noch in den hier behandelten Zusammenhang: die Auseinandersetzung mit den Kometen von 1531 und 1532 und die lange Reihe der Vatizinien, der Weissagungen, im Kapitel 8 der Zweitfassung.

 

Der Komet von 1531 wird schon in der Erstfassung erwähnt, in der Zweitfassung werden die Informationen aber sehr vertieft:

Erstfassung

Zweitfassung

7,57,2 Jm selbigen jar hat man ein Cometen jnn Deudsch land/ Jtalia vnd Gallia gesehen/ erstlich morgens fur der Sonnen auffgang/ darnach bey drey wochen abents nach der Sonnen niddergang.

8,2,1 Jm selbigen jar hat man ein Cometen jnn Deudschland/ Jtalia/ vnd Gallia gesehen/ 2 sein anfang ist gewesen ongeferlich vmb den 6. tag Augusti/ 3 vnd ist erstlich etlich tage Morgens vor der Sonnen auffgang erschienen/ 4 darnach hat er der Sonnen gefolget/ vnd ist abents nach der Sonnen niddergang bey .3. wochen gesehen worden/ bis auff den .3. tag Septembris/ 5 vnd ist gangen durch diese zeichen/ Krebs/ Lawen/ Jungfraw vnd wage/ da ist ehr vergangen/ vnd nicht mehr gesehen worden.

 

Nur in der Zweitfassung wird der Komet vom September 1532 beschrieben, dabei werden auch ausdrücklich die eigenen schlechten Beobachtungsmöglichkeiten erwähnt:

Zweitfassung

Bonnus 1539

8,15,1 Jn Septembri dieses jars/ ist aber aber ein Comet gesehen worden/ etliche wochen/ morgen bey zwo stunden vor der Sonnen auffgang/ vnd am ort da die Sonn auffgehet/

2 Vnd da ich jhn gesehen hab/ acht ich sey ehr jnn Virgine gewesen/ vnd wirfft den schwantz zwischen mittag vnd Occident/ 3 Aber der himel ist nu etlich morgen so trueb gewesen/ das man jnn diser gegent nicht hat sehen koennen.

4 Es ist aber schrecklich das zween Cometen so bald auffeinander komen sind/ schier jnn eines jars frist/

5 vnd nach dem der Comet des vergangnen 1531 jars/ sich so gewaltiglich erzeigt hat/ gegen Orient vnd Septentrio/ welchen orten ehr jnn sonderheit gedrewet hat/ nemlich das der Tuerck Hungarn vnd Ostrich vberzogen hat/ das auch Koenig Christiern mit grossem volck jnn Denmarck gezogen/ seine verlassne Reich widder einzunemen/ vnd hernach sich seinem vettern Koenig Friderich zu Denmarck ergeben hat. Jtem/ das Koenig Christierns son/ vnd Erb der Denischen Koenigreich/ so bey dem Keisar zu hoffe gewesen/ gestorben ist/ ist zubesorgen/ der Comet des gegenwertigen 1532 jars/ werde sich gegen Jtalia vnd Reinstrom auch schrecklich erzeigen. <472>

 

6 Ende der Chronica.

In mense septembri huius anni iterum Cometes uisus est, per aliquot septimanas, duabus horis mane ante exortum solis, & ad orienta talem plagam.

 

Cum ego uiderem, in Virgine, ni fallor, erat, & radiantem caudam protenderat inter meridiem, & occidentem.

Iam uero ob tristiorem & nubilum aspectum aeris per dies aliquot in hisce regionibus uideri non potuit. Caeterum quis non iudicabit formidabile esse, fere intra unius anni spacium duos Cometas apparuisse?

& cum illuxerit superioris anni nimirum 1531 cometes non sine clade Orientis & Septentrionis, nam illis partibus minari uidebatur.

Etenim in Hungariam & Austriam Turcarum tyrannus irrupit. Rex Christiernus magna classe <250-r> in Daniam profectus ad repetendum regna sua, dedidit se in manus patrui sui Friderici regis Danorum,

item & Christierni regis filius qui in Caesaris aula alebatur, obijt,

profecto metuendum est & huius anni 1532. Cometem Italiae, & Rhenanis partibus magnum malum portendere.

 

FINIS CHRONICES.

 

Damit endet die Zweitfassung der Chronik mit der Angst vor dem durch diesen Kometen angedrohten Unglück.

 

Aufschlussreich sind nun die beiden Briefstellen, in denen Melanchthon vom Kometen von 1531 erzählt.

Am 17. August 1531 schreibt er an Carion, den Astrologen:

Cometen vidimus diebus plus octo. Tu quid iudicas?

Videtur supra cancrum constitisse, occidit enim statim post solem, et paulo ante solem exoritur.

Quod si ruberet, magis me terreret. Haud dubie principum mortem significat.

 

Sed videtur caudam vertere versus poloniam. Sed expecto tuum iudicium. Amabo te, significa mihi, quid sencias.

Seit mehr als acht Tagen sehen wir einen Kometen. Wie urteilst Du darüber?

Er scheint über dem Krebs zu stehen, da er gleich nach der Sonne untergeht und kurz vor Sonnenaufgang aufgeht.

Wenn er eine rote Farbe hätte, würde er mich mehr erschrecken. Ohne Zweifel bedeutet er den Tod von Fürsten,

er scheint aber den Schweif nach Polen zu wenden. Aber ich erwarte Dein Urteil. ich wäre Dir von ganzem Herzen dankbar, wenn Du mir mitteiltest, was Du meinst.

 

Und am folgenden Tag, dem 18. August, an seinen Freund Camerarius:

2,1 Vidimus cometen, qui per dies amplius decem iam se ostendit in occasu Solstitiali. 2 Videtur autem supra Cancrum aut extremam Geminorum partem positus. 3 Nam occidit post solem horis fere duabus et mane, paulo ante solis ortum in oriente prodit, ita cum coelo circumagitur, proprium motum quem habeat quaerimus.

4 Est autem colore candido, nisi si quando nubes eum pallidiorem reddunt.

 

5 Caudam vertit versus Orientem.

6 Mihi quidem videtur minari his nostris regionibus, et propemodum ad ortum meridianum vertere caudam.

7 Non vidi antea cometen ullum, et descriptiones hoc non diserte exprimunt.

8 Erigit caudam supra reliquum corpus.

9 Quidam affirmant esse ex illo genere, quos vocat Plinius xifiaV, quia sit acuta cauda. 10 Id ego non potui oculis iudicare.

11 Quaeso te ut mihi scribas, an apud vos etiam conspectus sit, quod non opinor, distat enim a terra vix duobus gradibus, si tamen conspectus est, describe diligenter, et quid iudicet Schonerus, significato.

 

12 Bene vale, XIIII. Calend. Septemb.

2,1 Wir haben einen Kometen gesehen, der sich schon mehr als zehn Tage am Sonnwend-Untergang zeigt. 2 Man sieht ihn über dem Krebs oder dem Ende der Zwillinge. 3 Denn er geht etwa zwei Stunden nach der Sonne unter und geht kurz vor der Sonne im Osten auf, er bewegt sich so mit dem Himmel; wir fragen uns, welche Eigenbewegung er hat. 4 Er ist von weißer Farbe, außer wenn Wolken ihn noch blasser machen.

5 Sein Schweif zeigt nach Osten.

6 Mir allerdings scheint er unsere Gegenden zu bedrohen und seinen Schweif fast nach Südosten zu richten.

7 Ich habe bisher keinen Kometen gesehen, und die Beschreibungen äußern sich darüber ungenau. 8 Er reckt seinen Schweif über den restlichen Körper.

9 Manche versichern, er sei von jener Art, die Plinius "schwertförmig" nennt, weil er einen spitzen Schweif hat. 10 Ich konnte das mit meinen Augen nicht beurteilen.

11 Schreib mir bitte, ob man ihn auch bei euch gesehen hat; ich vermute das nicht, er ist nämlich von der Erde kaum zwei Grad entfernt; wenn man ihn trotzdem sehen konnte, dann beschreib ihn sorgfältig, und teile mir mit, was Schonerus darüber denkt.

12 Leb wohl; 19. August.

 

Vergleicht man diese Briefstellen mit dem Informationszuwachs von der ersten zur zweiten Fassung und der großen Angst nach der Erscheinung des zweiten Kometen, liegt die Vermutung sehr nahe, nicht der Astrologe Carion, sondern der kometenängstliche Theologe Melanchthon habe für diesen Zuwachs gesorgt.

 

Auffällig ist auch die Liste der Weissagungen in der zweiten Fassung (8,10,1 bis 8,14,9), der zwar nichts in der ersten Fassung entspricht, strukturell aber sehr wohl eine Passage in Melanchthons Brief an Carion:

Melanchthon

Übersetzung von Warburg

moveor enim non solum astrologicis predictionibus, sed etiam vaticiniis tuis.

Ich werde nämlich nicht allein durch astrologische Voraussagen beeindruckt, sondern auch durch deine Weissagungen.

Hasfurd predixit Regi chrestierno reditum honestum,

Schepperus negat rediturum esse.

Sed me non movet Schepperus. Sepe enim fallitur.

Predixit item Hasfurd Landgravio maximas victorias.

Et quidam civis Smalcaldensis mihi notus habuit mirabile visum de his motibus, quod vaticinium plurimi facio.

Catastrophen satis mollem habet.

Sed tamen significat perculsos terrore adversarios nostros illi Leoni cedere.

 

Quaedam mulier in Kizingen de Ferdinando horribilia predixit, quomodo bellum contra nos moturus sit, sed ipsi infoelix.

In Belgico quaedam virgo Caesari eciam vaticinata est, quae tamen non satis habeo explorata.

Omnino puto motum aliquem fore. Et deum oro, ut ipse gubernet et det bonum exitum utilem Ecclesiae et rei publicae.

Haßfurt sagte dem König Christian eine ehrenvolle Rückkehr voraus.

Schepperus leugnet, daß er zurückkommen würde.

Auf mich macht Schepperus keinen Eindruck. Er täuscht sich oft.

Haßfurt sagte auch dem Landgrafen die größten Siege voraus

und ein Bürger in Schmalkalden, der mir bekannt ist, hatte ein Wundergesicht über diese (politischen) Unruhen, eine Weissagung, auf die ich den größten Wert lege. Sie enthält die Voraussage auf eine glimpflich verlaufende Katastrophe, deutet dabei aber doch an, daß unsere Gegner, von Schrecken gepackt, jenem Löwen [dem hessischen Landgrafen] weichen.

Ein Weib in Kitzingen hat Schreckliches über Ferdinand vorausgesagt. Er werde Krieg gegen uns führen, der für ihn aber unglücklicher verlaufen werde.

In Belgien hat eine Jungfrau dem Kaiser auch geweissagt, was ich aber noch nicht genügend nachgeprüft habe.

Im ganzen meine ich, daß irgend eine Bewegung auftreten wird und ich flehe zu Gott, daß er sie zu gutem Ende lenkt und ihr einen der Kirche und dem Staate günstigen Ausgang verleiht.

 

Auch hier stellt sich der Verdacht ein, Melanchthon sei an der genannten Weissagungsliste nicht unbeteiligt.

 

Fasst man zusammen, ergibt sich ein überraschendes Bild. Offensichtlich hat Melanchthon in den Text eingegriffen, aber völlig anders, als sich das etwa Menke-Glückert vorgestellt hat. Und Carion scheint die Eingriffe durchaus hingenommen zu haben, sie widersprachen ja nicht seinem Grundanliegen, ein Kompendium der Weltgeschichte zu erstellen; und im Unterschied zu manchen hypersensiblen Gestalten des 18., 19. oder 20. Jahrhunderts hatte er ja nichts dagegen, wenn astrologische oder andere Weissagungen – zumindest als Vorschlag – den Lesern angeboten wurden, wie am Anfang der Weissagungsreihe im Kapitel 8 zu lesen ist:

 

 

Zweitfassung

Bonnus 1539

8,10,1 Jch wil aber hie allein etlich/ nicht leichtfertige/ sondern tapffere weissagungen/ deren autores bekant sind/ erzelen/ 2 dauon ich doch ein jden halden lasse/ was jhn gut duenckt/ 3 ich setze sie allein derhalben/ damit sie jnn gedechtnus bleiben/

4 Solche spruech sol man auch nicht gantz verachten.

Ego saltem hic non contemnenda quaedam praesagia, <248-r> quae cognita sunt autoribus magnis, commemorabo obiter, & interim liberum unicuique permitto quid de illis uelit iudicare. Neque alia de caussa putaui adijcienda hic esse, nisi ut eorum saltem aliqua recordatio extaret,

uidentur enim sententiae tales esse quae negligi aut contemni prorsus non debent.

 

Dass die Arbeit an der Endfassung 1532 durchaus im Einvernehmen zwischen Melanchthon und Carion vonstatten ging, lässt sich daran erkennen, dass diese zweite Fassung unveränderte Grundlage für die Bonnus-Übersetzung geworden ist – wenn auch Bonnus, wie oben zu sehen war, manchmal in seinem eigenen Sinne stärker pointiert.

 

Für Melanchthons starkes Mitwirken an dieser Weiterführung der Chronik in der Zweitfassung spricht die Verwendung des Latein. Carion bemüht sich, alles einzudeutschen. Längere unübersetzte lateinische Sätze finden sich erst bei den Merkversen mit den Chronogrammen, z. B. in 8,3,10:

OCCVBVIT PATRIO BELLATOR CINGLIVS ENSE
    ET PRESSA EST AR
MIS GENS POPVLOSA SVIS <= 1530>

Nebenbei bemerkt ist interessant, dass Bonnus das Chronogramm nicht mehr erkannt hat, wie seine Schreibweise zeigt:

Occubuit patrio bellator Zuinglius ense

Et pressa est armis gens populosa suis.

In diesem Schlussteil finden sich zwei längere lateinische Gedichte (8,7,5 und 8,10,10), und auch die Weissagung des Abtes Joachim in 8,12,1 wird nur lateinisch zitiert – da wird Carions "deutscher Leser" sicher gestaunt haben.

Astrologie in der Chronik

Von Carion weiß man ja, dass er Astrologe war. Damit liegt die Vermutung nahe, er habe sich als Astrologe in seiner Weltgeschichte vor allem mit astrologischen Vorzeichen und deren Einlösung beschäftigt. So etwas setzt Barbara Bauer voraus, wenn sie Carion so charakterisiert: "Eigentümlich ist Carions Vorliebe für Wundererscheinungen und ihre mutmaßlich katastrophalen Folgen."

Wenn man dieser Frage in der Chronik nachgeht, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dazu findet sich im Textanhang eine tabellarische Übersicht über Vor- und Wunderzeichen in der Carion-Chronik mit Einschluss der Beiträge der Schedelschen Weltchronik und der Nauclerus-Chronik nur fürs 15. Jahrhundert, für das Carion seinerseits nichts zu bieten hat. Gemessen an anderen Chroniken der Zeit hält sich Carion also auffallend zurück, beschränkt sich weitgehend auf Kometen, deren Besonderheit den Gebildeten der Zeit durchaus wichtig war, was verständlich erscheint, haben doch die Kometen von 1531 und 1532 gerade die Gemüter – wie oben gezeigt: auch das Melanchthons – erregt.

 

Zu behaupten, "eigentümlich ist Carions Vorliebe für Wundererscheinungen", d. h. zu unterstellen, die Wundererscheinungen seien strukturierender Bestandteil der Chronik, ist wieder eine Diffamierung, die an der Kenntnis der Chronik bei der Verfasserin zweifeln lässt.

 

Aber Diffamierungen scheint Carion immer wieder ausgesetzt gewesen zu sein, eine fast schon wieder komische lässt sich bei Menke-Glückert finden.

 

Wie oben schon gesagt, war Menke-Glückerts Anliegen, die Leistungen Melanchthons für die Geschichtsschreibung herauszustellen. Dabei stand er natürlich vor dem Problem, den Carionschen Anteil aus der Chronik auszuscheiden. Dazu untersucht er in einem eigenen – wenn auch sehr kurzen – Abschnitt "A. Carions Anteil" eben diesen Anteil. Und bei seinem Vorgehen zeigt sich die Auswirkung des diffamierenden Vorurteils von Carion als dem astrologischen Taugenichts. Das Bedrückende dabei ist, dass die Methode von 1912 nicht längst überholt ist, sondern, wie Aussagen von Barbara Bauer zeigen, fröhliche Urständ feiert.

 

Menke kennt nur die Frühfassung von 1532 und die niederdeutsche von 1534, weiß also nicht, dass die Spätfassung von 1532 sozusagen die kanonische geworden ist. Seine Vorwürfe treffen also diese Zweitfassung, was aber hier keine Rolle spielt. Über sie sagt er nun: "In ihr finden sich am Schluss eine Reihe Notizen zugefügt, von denen eine nur Carion als Verfasser haben kann." Er beschäftigt sich also mit den Abschnitten 8,6,1 bis 8,15,6, besonders mit 8,7. In 8,6 ist Carion noch ganz Geschichtsschreiber und berichtet vom Truppenaufgebot des Kaisers gegen die Türken vom August 1532, dessen genaue Größe er aber noch nicht angeben kann; er kennt aber die genauen Zahlen des brandenburgischen Teils dieser Truppen. Dann folgt die von Menke-Glückert herangezogene, besser: inkriminierte Passage:

 

8,7,1 Den tag als Marggraue Joachim ausgezogen ist/ haben junge Henichen die <466> erst vor zweien tagen ausgebruetet sind/ den gantzen tag/ vnd hernach die nacht vnd tag/ stettigs laut gekreet/ 2 das doch ein vngewoenlich ding ist/ 3 derhalben es fur ein zeichen gehalten/

4 Vnd von einem genant Georgius Sabinus also gedeut ist/ laut dieser folgenden verse.

Ipso die cum exercitum educeret Ioachimus Marchio, implumes gallinacei pulli, uix ante biduum ouis exclusi, totum diem, & sequentem noctem clara uoce cecinerunt.

Et quia id praeter morem, fato quodam factum uideretur, pro omine foelicioris successus est iudicatum.

Descripsit id Georgius Sabinus his uersibus.

8,7,5 Cum patris educens Ioachimus Marchio turmas

Castra, profecturis, signaque mouit equis

Auspice qui contra pharetratos Caesare Turcas

Acria pro Christi nomine bella gerit.

Ingrediente uiam cantantes principe pulli

Insolitum liquida uoce dedere sonum,

Praepete qui nondum uestiti corpore penna,

Ante duos sed adhuc oua fuere dies.

Haec bona foelicem portendunt signa triumphum,

Augurijs faustum talibus omen inest,

Nam cum Thebanis uicti Lacedaemones armis

Sanguine fecerunt Leuctra cruenta suo.

Martis aues, laeto uictoribus omine, galli

Prospera uocali gutture signa dabant.

 

Menke-Glückerts Zitat bricht nach 8,7,2 ab, und es schließt sich folgendes Verdikt an: "Das ist es sicherlich, aber niemand wird nach dieser Probe, die wie die Bezeichnung Joachims von Brandenburg als seines gnädigen Herrn verrät, nur von Carion stammen kann, seinen besonderen Beruf zum Geschichtsschreiber verteidigen. All die Zusätze in der plattdeutschen Chronik <also genau genommen: in der Zweitfassung>, die fast ausschließlich von Weissagungen handeln, werden demnach als Worte Carions betrachtet werden dürfen. Sie geben zugleich wohl das Recht zu dem Schluß: es werde in dem Melanchthon übersendeten Manuskript an Geschichten ähnlicher Art nicht gefehlt haben."

 

Menke-Glückert denkt so: Melanchthon habe das chaotische Material erhalten ("farrago"!), das Carion schon für eine Chronik gehalten habe, in dem aber von Carion einerseits vieles übersehen worden sei – so versteht nämlich Menke-Glückert das "negligentius" der Melanchthon-Briefe -, das aber andererseits noch viel diesem Hühner-Dreck Ähnliches enthalten habe, das dann Melanchthon sozusagen als Chronik-Augias aus dem Carionschen Stall hinausgeschwemmt habe. Wie abwegig diese ganze Vorstellung Menke-Glückerts ist, wurde (hoffentlich) schon im letzten Kapitel deutlich. Aber wie blind Menke-Glückert vorgeht, möchte ich doch noch zeigen.

 

Wie gesagt, Menke-Glückert bricht sein Zitat nach 8,2 ab. In 8,4 erfährt der Leser – und vermutlich auch Menke-Glückert -, dass Carion im Grunde nur die Prosafassung eines Gedichts von Georg Sabinus liefert. Das Gedicht, ein lateinischer 14-Zeiler in Distichen, wird auch im (unübersetzten) Original in der Chronik wiedergegeben. Sabinus überhöht in ihm das Geschehen von 1532 durch eine Parallele aus der griechischen Geschichte, wo auch siegverheißende Hähne gekräht hätten. Es handelt sich also um Panegyrik, (nur?) damals übliches Herrscherlob. Der Hintergrund bei Georg Sabinus gehört nicht zu meiner Fragestellung, aber Menke-Glückert wusste sicher, dass er der spätere Schwiegersohn Melanchthons ist. Carion steht 1532 schon längst im Dienste der Brandenburger; wenn er nun in Prosa den Inhalt eines panegyrischen Liedes angibt, das seinen erwartbaren späteren Arbeitgeber preist, so liegt die größere "Schuld-Last" beim Gedichtschreiber als beim Geschichtsschreiber.

Jedenfalls sollte man dieses Geschichtchen nicht als einzigen Beweis für den Unwert Carionscher Geschichtsschreibung anführen.

 

Astrologie und Wunderzeichen spielen also für die Carion-Chronik nicht die Rolle, die sich manche vorurteilsbeladenen "Kritiker" vorstellen wollen.

Quellenfrage der Chronik

Problemlage

Von Melanchthons Schlüsselerlebnis bezüglich historischer Forschung, der Reuchlin-Erzählung, war oben schon die Rede. Carion verbürgerlicht diese Erzählung sozusagen und bezieht sie auf sich, wenn er im Anfang seiner Chronik (1,3,4) erzählt:

"Nach dem mich zum offtermal etliche/ besonder gute freunde gebeten/ ein kurtz Chronica zu stellen/ Daraus ein iglicher die furnemisten Historien/ ordenlich fassen vnd lernen kont/ welche zum teil nicht allein nützlich/ sondern auch not ist zu wissen habe ich solche Chronica zu machen furgenomen/ vnd nach meinem vermögen auff das aller ordenlichst die Monarchien/ darein Got die welt fur vnd fur wünderlich gefast hat/ vnd die grösten hendel vnd verenderung/ so darin furgefallen/ kürtzlich zusamen gezogen vnd erzelet/"

"Ein kurtz Chronica zu stellen" bedeutet, dass sich Carion als Kompilator zunächst vor den prinzipiell zugänglichen Quellen stehen sieht und aus ihnen auswählen muss, und zwar sowohl welche Quelle als auch was speziell er aus einer Quelle heranziehen will. Zum Begriff des "Compilators" erfährt man bei Georges: "compilator, oris, m. (compilo), der Plünderer, Ausbeuter, veterum, Beiname des Vergil (wegen seiner Nachahmung des Homer u.a.), Eccl." Ein Kompilator ist also ein "Plünderer" oder "Ausbeuter" der ihm vorliegenden Tradition. Nun befindet sich auch Carion nicht am Anfang, sondern innerhalb einer langen Traditionsreihe, auch die vor ihm geschriebenen Chroniken waren ja schon Kompilationen, so dass er, Carion, vor einer Fülle von Sekundärquellen und zahlreichen 1520-30 wieder zugänglichen Primärquellen stand.

Die Frage, welche Quellen Carion konkret zur Verfügung standen, lässt sich nicht präzise beantworten, da es von Carions (Bibliotheks-)Besitz kein Inventar gibt. Auch meine Anfrage in Berlin nach dem Bibliotheksbestand Joachims I. blieb ohne Ergebnis. Bei Carion ist nur beweisbar, dass er 1521 Zugang zur deutschen Schedel-Chronik hatte, denn er schreibt in seiner Prognosticatio den Bericht der Überschwemmung von 618 n. Chr. wörtlich von dort ab. Folglich lässt sich Carions Quellenbenutzung nur aus dem Text der Chronik erschließen.

 

Die Arbeit des Kompilators ist zwar keine Neuigkeiten liefernde historische Quellenarbeit, sie ist aber trotzdem eine große, zeitraubende Beschäftigung, deren Qualität unterschiedlich sein kann. Der Kompilator schreibt ja nicht einfach ab, er liest die verschiedenen Primär-, Sekundär- oder auch Tertiärquellen, muss sich klar werden, was in sein Konzept passt und muss das Ganze auch noch zu Papier bringen. Schon das bloße Abschreiben der Carion-Chronik ist wohl die kontinuierliche Arbeit von einem bis zwei Monaten, dann wird die Kompilation des Gesamtwerks mehrere Jahre gedauert haben; man muss ja bedenken, Carion konnte nicht einfach tage- oder monatelang seinem Hobby nachgehen, er hatte ja nebenher seinen Brotberuf, musste seinem Herrn zu Diensten sein, sei es daheim in Berlin oder in der (damals) weiten Welt.

 

Carion geht mit seinen Quellen unterschiedlich um; im Grunde müsste man für präzise Ergebnisse jeden seiner Chronik-Sätze überprüfen, was einerseits ein riesiger Arbeitsaufwand, andererseits letztlich unerheblich wäre. Deshalb möchte ich an zwei Beispielen, einem aus der Antike, einem aus dem Mittelalter, im Vergleich mit der Nauclerus-Chronik, einer potenziellen Sekundärquelle Carions, Möglichkeiten seines Vorgehens aufzeigen.

 

Für die Geschichte des Judentums und damit der Gottgläubigen oder nach Melanchthon "der Kirche" ist der Perserkönig Kyros wichtig, da er den Juden erlaubte, das Exil in Babylon zu beenden und wieder in die alte Heimat heimzuziehen. Carion geht auch von der Hochwertigkeit dieses Perserkönigs aus, und das wird an fogender Passage vom "Tod des Kyros" ganz deutlich.

 

Tod des Kyros

Nauclerus 1-108 v

Carion

<201+205> Cyrus, cum exercitum in Massagetas ducere vellet, progressus usque ad Araxem flumen pontibus iungit, ut traiiciat exercitum, <206> cui Tomyris regina, tum vidua, caduceatorem mittit, ut omisso labore, si utique pace frui non velit, alterum e duobus eligat, traiiciat flumen securus ac secum pugnet, aut eam in regionem suam admittat idem faciens, hoc in consilium ponens cyrus, placueratque recipi reginam cum exercitu, <207> quam sententiam croesus improbat dicens: "Si, o cyre, hostes in terram nostram volumus excipere, id tibi periculum erit, ne fugatus omne amittas imperium, victor autem tu non multum vinces, ita mihi placet traiectis copiis procedere."

<208> Cyrus cambysi filio relinquens croesum traiectis copiis, <211> deinde castrametatus simulato postera die metu & quasi refugiens castra deseruit vinum de industria affatim & quae erant epulis necessaria, dereliquit.

Quod cum nunciatum reginae esset, adulescentulum filium ad insequendum eum cum tertia parte copiarum mittit, cumque ventum ad cyri castra esset, ignarus rei militaris adulescens, veluti ad epulas, non ad proelium venisset, omissis hostibus insuetos barbaros seque onerari vino passus est, priusque Scythae atque Massagetae ebrietate quam bello vincuntur.

Cognitis his cyrus reversus per noctem opprimit socios omnes, reginae filium capit, <212> amisso tanto exercitu regina &, quod gravius est, filio capto misso ad Cyrum caduceatore inquit: "Inexplebilis cruore, Cyre, ne te extollas, quod veneno filium meum vicisti, dolo, non proelio superior, abi reddito mihi filio, fero impune, quod tertiam partem Massagetarum profligasti, quae nisi feceris, per solem iuro, insaciabilem te cruore saciabo!"

<213> Haec verba cyrus pro nihilo habuit. Filius autem Tomyridis, ubi iussu cyri a vinculis solutus ac manuum compos factus est, se ipsum interfecit.

<214> Tomyris autem, ubi Cyrus non auscultaret, contractis copiis ita conflixit cum Cyro acerrima omnium pugna, primo utrosque exercitus aiunt sagittis aegisse, deinde concurrisse lanceis pugionibusque, ibi aiunt cum permagnam exercitus Persici partem, tum vero Cyrum ipsum occubuisse, cum unum de xxx. regnasset annos.

Cuius cadaver inter occisorum stragem Tomyris exquisitum cum invenisset, caput in utrem misit, quem humano cruore compleverat, mortuoque insultans ait: "Tu quidem filium meum perdidisti, ego te cruore saciabo!"

4,4,97 Nach dem als Cyrus Babylon gewonnen hat/ sind jhm die grewlichen leut/ die Scythen jnn seine lender gefallen/

 

 

 

 

 

 

 

98 da hat Cyrus seinem son Cambysi das königreich beuolhen/ vnd ist er an die Scythen gezogen/

 

 

 

 

 

 

hat erstlich die Scythen geschlagen/ vnd den iungen König der Scythen gefangen.

 

 

 

 

 

99 Hernach sagt Herodotus/ sey Cyrus von den selbigen wüsten leuten widderümb geschlagen worden/

 

 

 

vnd sey jnn dieser schlacht vmbkomen/

100 vnd hab die Königin des Cyri haubt genomen/ hab es jnn blut gestossen/ vnd gesaget/

er habe wöllen blut sauffen/ da sol er gnug sauffen.

Hic finis Cyri apud Massagetas, ut Herodotus vult magis quam Scythas.

101 Diese that/ so es war ist/ ist mehr ein anzeigung der vnmenschlichen grausamkeit der Scythen/ denn das es Cyro vnehrlich sey/ der als ein heiliger vnd löblicher könig/ ehrliche vnd rechte krieg gefurt hat/ seine lender zu beschützen/ 102 denn ein König mus ein krieger sein/

103 Doch sagt Herodotus da bey/ das andere anders vom tod Cyri reden.

<215> Massagetas vero illeipse describens: Massagetae, ait, amictum & victum habent similem scythico, sagittas & hastas, item pugiones ferunt, in omnibus auro & aere utentes, ferro atque argento carent. <216> Uxoribus communiter utuntur, terminus vitae nullus est eis positus, ubi quis admodum senuit, eum cognati immolant & cum eo aliquot pecudes, quorum carnibus pro epulis vescuntur, quod genus obitus est apud eos beatissimum, languore extinctos non edunt,

nihil serunt, pecoribus victitant piscatuque, lac potitant,

<202> apud eos esse dicitur arbor, cuius fructus in ignem proiectus considentes ebrios reddit, quoad consurgunt ad tripudiandum ac ad cantandum.

104 Vnd Xenophon schreibet/ wie er auff dem bett gestorben sey/ vnd die son zuuor vermanet zu Gottes forcht/ vnd lieb vnd einigkeit vnter sich zu halten/ vnd mit vielen worten geredt/ das sie nicht wöllen gedencken/ das die seelen mit dem leib sterbe/ vnd vergehe/ sondern sollen wissen/ das die seel vnsterblich sey/ vnd die fromen nach diesem leben ruge haben bey Gott/ die bösen aber werden straff leiden/ 105 Vnd setzet dazu ein fein anzeigung aus der vernunfft/ das man sehe/ wie die vbeltheter grewlich schrecken des gewissens bey leben haben. 106 Daraus sey abzunemen/ das die seel ein sonderlich wesen habe/ 107 vnd dieweil solche schrecken von Gott komen/ zeigen sie an/ das Gott vnrecht straffen werde.

Cyro itaque vita functo anno Iudaicae captivitatis 61. regnum suscepit Cambyses, eius filius, qui apud Esdram Artaxerxes vel Assverus dicitur. In historia vero Iudith propter malitiam suam vocatur Nabuchodonosor, secundum magistrum in historiis regnavit annis octo.

108 Das sey gnug von diesem heiligen könige Cyro.

Im grau unterlegten Feld findet sich links der Massagetenexkurs des Herodot, rechts die Kompilation des 18. Kapitels des 8. Buchs der Kyroupädie des Xenophon.

 

Nauclerus fußt praktisch nur auf Herodot, wie die hier in <> hinzugefügten Stellenangaben aus dessen erstem Buch zeigen. Allerdings fasst er dessen Inhalt schon stark zusammen, so dass manchmal die Verständlichkeit verloren geht.

Bei Nauclerus erscheint Kyros als Kriegstreiber, der die Massageten gegen den erklärten Willen von deren Königin Tomyris mit Krieg überzieht. Bei Carion sind die Massageten "Skythen" und ist Kyros Opfer des skythischen Expansionsdrangs.

Das ganze bei Herodot überaus sympathische und erklärbare Verhalten der Tomyris unterschlägt Carion. Zur Racherede sollte man die Synopse aus Herodot, Nauclerus und Carion vor Augen haben:

Herodot I, 214, Ende

Nauclerus 1-108 v

Carion

Kyros selbst fiel nach einer Regierungszeit von 29 Jahren.

Tomyris füllte einen Schlauch mit Menschenblut und suchte unter den gefallenen Persern die Leiche des Kyros. Als sie diese gefunden hatte, steckte sie sein Haupt in den Schlauch, schändete den Leichnam und sagte: "Du hast mich geschlagen, obwohl ich noch lebe und im Kampfe Sieger bin; denn du hast meinen Sohn getötet, den du mit List und Tücke in deine Hand bekamst. Darum will ich dich mich Blut sättigen, wie ich dir angedroht habe."

Dieser Bericht über das Lebensende des Kyros ist von den vielen, die im Umlauf sind, meiner Meinung nach der glaubwürdigste.

tum vero Cyrum ipsum occubuisse, cum unum de xxx. regnasset annos.

Cuius cadaver inter occisorum stragem Tomyris exquisitum cum invenisset,

caput in utrem misit, quem humano cruore compleverat,

mortuoque insultans ait: "

 

Tu quidem filium meum perdidisti,

 

ego te cruore saciabo!"

vnd sey<Kyros>  jnn dieser schlacht vmbkomen/

 

 

 

100 vnd hab die Königin des Cyri haubt genomen/ hab es jnn blut gestossen/ vnd gesaget/

 

 

 

er habe wöllen blut sauffen/ da sol er gnug sauffen.

 

Nur die Racherede der Tomyris - ihren Namen nennt er nicht – scheint Carion wieder beachtenswert, er lässt aber die Angabe, Tomyris habe den Kopf des Kyros in einen Schlauch voll Menschenblut gesteckt, weg, vor allem fehlt die ganze Vorgeschichte des scheinbar blutrünstigen Satzes. Dadurch wird bei Carion der Satz der Tomyris zu einer sinnlosen, unverständlichen Äußerung barbarischer Grausamkeit.

An diese Rachetat der Tomyris, zu der Carion Skepsis äußert und die er völlig zu Gunsten des Kyros umdeutet, schließt er sofort eine äußerst positive Würdigung des Kyros an, die Nauclerus so nicht hat.

Anschließend liefert Carion die Variante des Xenophon vom Tod des Kyros und lässt Kyros als Vertreter eines Glaubens an ein Weiterleben der Seele erscheinen: Zweimal bezeichnet er Kyros als "heiligen" König.

Carion lässt beide Versionen vom Tod des Kyros unentschieden nebeneinander stehen, durch die Xenophon-Version will er also den großen Judenfreund würdigen und tilgt daneben alles Missliebige.

Für Nauclerus dagegen ist der geschilderte Tod des Kyros ein Anlass, einen Exkurs über die Massageten anzufügen, wobei er einen Teil hier genau wie bei Herodot direkt anschließt; die Erzählung vom Drogenrausch betraf bei Herodot ein Volk auf den Araxes-Inseln und wurde schon vorher geboten.

Danach wird von Nauclerus das Todesjahr des Kyros nüchtern festgehalten und sein Nachfolger angesprochen, vermutlich ist das des Nauclerus eigene Kompilationsleistung.

 

Was ergibt sich nun daraus für Carions Quellenarbeit?

Erstens muss Carion, um Herodot zu zitieren, nicht auf das Original zurückgreifen; Nauclerus-Lektüre reicht.

Zweitens hält er sich bei der Intention seiner eigenen Erzählung nicht an Herodot/ Nauclerus.

Und drittens hatte er zur Kompilation mindestens eine weitere Quelle, vermutlich nicht Xenophons Kyroupädie im Original, sondern eine Kompilation, da sein Referat wie eine abgeschriebene Zusammenfassung wirkt.

 

Im Mittelalter ist die Quellenlage völlig anders; hier hat nicht die antike Geschichtsforschung schon gründliche Vorarbeit geleistet, hier ist die Kompilations-Kette nicht so lang, hier muss ein Chronik-Schreiber teilweise auch selbst Originalquellen auswerten. Öfters äußert Carion übrigens seine Unzufriedenheit mit den mittelalterlichen Quellen, die ihm die jeweilige Motivation der beteiligten Personen zu wenig offenlegen.

Auch hier soll ein Beispiel das Problem verdeutlichen:

 

Die Weiber von Weinsberg

Nauclerus 2-182 r

Carion

Hunc conflictum aliqui scribunt ultimum habitum Guelfoni ignominiosum, neminem tamen fuisse occisum, plures autem captos.

Altera vice, ut refert Got. Viterb., Henricus filius Cunradi, qui si vixisset, post eum fuerat regnaturus, eundem Guelfonem prope Vuinsperg & ante villam Elnhofen bello vicit. Nam rex Cunradus opidum Vuinsperg obsedit, et in deditionem accepit, ex gratiaque matronis concessit, ut, quaecumque humeris portare possent, liceret efferri, quae neglecta supellectili maritos suos quotquot potuerunt, videntibus cunctis & industriam mirantibus exportaverunt. Et Fridericus, frater regis, contradicens de viris inquit non est cogitatum, cui rex, non decet, inquit, verbum regium immutari, & mulieres laudavit, haec abbas Spanhamen<sis>.

7,26,17 Jm krieg mit dem Welffen gewan Cunradus das schlos vnd Stadt Weinsburg/ nicht fern vom Neker gelegen/

 

18 Da lies der Keisar alle Edle fahen/ 19 Aber jhren weibern sagt er/ sie möchten dauon ziehen/ vnd jede so viel sie tragen möcht/ frey mit sich nemen/ 20 Da namen die frawen alle kinder/ 21 da gegen sagten etliche/ es were gemeinet von gütern/ nicht von leuten/ vnd wolten die edlen kinder behalten/ 22 Aber dem Keisar gefiel diese tugent wol/ vnd schaffet/ das sie mit der jugent sicher dauon kamen/ vnd lies jhn jhre güter dazu volgen.

 

Nauclerus liefert für diese kurze Episode zwei Quellen, Gottfrid von Viterbo und den "abbas Spanhamensis", also Johannes Trithemius, (beide nach Wikipedia unzuverlässige Quellen!). Für Nauclerus' Quellen scheint ihrerseits die "Kölner Königschronik" der Ausgangspunkt zu sein, in der – nach Wikipedia – von den geretteten Männern die Rede ist.

Carion gibt keine Quellen an und spricht zuerst von der Gefangennahme der Edlen, die sich bei Nauclerus vielleicht in der Rede von der Kapitulation verbirgt.

Entscheidender Unterschied ist aber die Aussage, dass die Frauen nicht ihre Männer, sondern ihre Kinder hinausgetragen hätten – was ja wesentlich wahrscheinlicher ist. Dieser Unterschied ist von Ziegler und Münch auch schon gesehen und bedacht worden. Hildegard Ziegler sieht die Schwierigkeit im Abweichen von der Ursberger Chronik, die nach ihr Hauptvorlage der Carion-Chronik ist, einerseits und andererseits von Melanchthons sonstigen Aussagen:

"Auch bei dem Staufer Konrad zeigt die Vergleichung eine Abhängigkeit unseres Berichts von der Urspergischen Chronik, wenn auch einiges aus anderen Vorlagen hinzugefügt ist, besonders die Anekdote von den Weibern zu Weinsberg, die ganz ausser dem Zusammenhange steht, aber doch nicht als spätere Hinzufügung Melanchthons gelten kann; denn sie ist ohne Verständnis für die eigentliche Pointe erzählt. Die Frauen retten wohl ihre Kinder, nicht aber ihre Männer, worauf es doch eben ankommt. Dass Melanchthon diese Geschichte anders erzählt haben würde, beweist seine Declamatio de Guelpho Duce Bavariae, in der sich eine recht geschickte Redaktion derselben findet."

Und Münch kommt ebenfalls auf diese Anekdote zu sprechen: "In der Geschichte der Weiber von Weinsberg verwässert unsere Chronik ... die Pointe dahin, daß die Weiber nicht ihre Männer, sondern ihre Kinder mit sich nehmen." Und gleich darauf: " Da ist es indes verwunderlich, daß unsere Chronik, die doch meist dem Naucler unbedingt folgt und gerade von diesem Ereignis nach Weller (der sie nicht berücksichtigt), nur aus Naucler Kunde haben könnte, davon in der obigen abweichenden Weise berichtet: Entgegen der Annahme Wellers muß es also unabhängig von Naucler oder dessen Quelle, dem unveröffentlichten Trithemius, möglich gewesen sein, von dem reizvollen Begebnis Kunde zu erhalten, das noch Gegenstand so vieler skeptischer Untersuchungen werden sollte und nun wohl endlich durch Robert Holtzmann als historisch erwiesen ist."

Die Möglichkeit, dass der bodenständige Carion eine vernünftige Fassung der Geschichte geboten haben könnte, kommt niemandem in den Sinn; er braucht dafür – nach Ziegler und Münch – wieder eine, wenn auch noch nicht belegbare, neue Quelle. Ich denke, diese Passage bezeugt wieder Carions Eigenleistung sehr gut: Bei großer Übereinstimmung mit Vorlagen kann er doch eigenständige Besonderheiten aufweisen.

 

Für moderne Carionforscher besteht jetzt natürlich das Problem, herauszufinden, welche Quelle dem Kompilator vorgelegen und wie er sie ausgewertet hat.

 

Problembehandlung in der Forschung

Im letzten Jahrhundert etwa haben sich drei Forscher um die Quellenfrage bemüht, Hildegard Ziegler 1898, Emil Menke-Glückert 1912 und Gotthard Münch 1925, aber allen dreien ging es um den Nachweis des Melanchthonschen Anteils an der Quellenbearbeitung.

 

Was die Antike betrifft, ist Hildegard Ziegler sehr vorsichtig: "Die ganz kurze knappe Behandlung des Stoffes, wie auch die Uebertragung der Quellen ins Deutsche hindern natürlich häufig die Erkennung des Abhängigkeitsverhältnisses, ebenso sehr vielleicht der Umstand, dass zwei Hände an diesem Werke gearbeitet haben." Obwohl sie zwei (fast) völlige Übereinstimmungen mit Nauclerus feststellt, stellt sie sich das Abhängigkeitsverhältnis von Nauclerus doch sehr seltsam, nämlich von Melanchthon vermittelt, vor: "Nur eine Vermutung möchte ich wagen: das schon erwähnte Kapitel der Carionschen Chronik über Wenzel zeigt uns den Verfasser augenscheinlich in einer gewissen Verlegenheit um Stoff; hätte er in seinen Vorlagen noch irgend etwas über diesen Kaiser gefunden, so würde er es gewiss berichtet haben, denn der ihm gewidmete Abschnitt ist entschieden zu kurz im Verhältnis zu den Erzählungen über die anderen Kaiser. Hätte er hier den Nauclerus, der bekanntlich schon längst erschienen war, zur Hand gehabt, so hätte er sicher dessen ziemlich reichliche Nachrichten benutzt, und daraus, dass sie fehlen, kann man annehmen, dass das 'grosse Tübinger Buch' nicht zu seinen Quellen gehörte. Trotzdem ist es vielfach in dem Werke benutzt. Sollte nicht vielleicht Melanchthon von dessen sozusagen persönlichem Verhältnis zur Nauclerischen Chronik wir schon sprachen, die auf diese zurückgehenden Teile eingeschoben haben?"

Das heißt also, weil Carion den Wenzel für einen kaiserlichen Schlappschwanz hält, über den mehr zu schreiben er sich ausdrücklich weigert, schlägt Ziegler sozusagen Carion die Nauclerus-Chronik aus der Hand und wirft sie Melanchthon in den Schoß.

Bei zwei Quellen ist sie überzeugt, dass Carion sie verwendet hat, bei Sigebert von Gembloux und dem "Abt von Ursperg". Und zum Schluss der Chronik, dem oben behandelten Nachtrag der Zweitfassung von 1532, bemerkt sie: "Zum Schluss tritt der Astrolog und Prophet deutlich hervor, weiss von einem bei dieser Gelegenheit <dem Auszug Joachims II. aus Berlin> geschehenen Naturwunder und von dessen Ausdeutung zu berichten, es ist, als müsse er seinem Herzen hier am Schluss einmal so richtig Luft machen, und als könne er sich gar nicht genug thun in der Aufführung 'etlicher nicht leichtfertiger, sondern tapfferer Weissagungen, deren autors bekannt sind' "

Nach Ziegler arbeiten hier also zwei Hände am Gesamtwerk, die aber praktisch nicht zu unterscheiden sind, aber nur Melanchthon hat den unverstellten Zugang zur Nauclerus-Chronik – und am Ende kann Carion endlich ganz Astrologe sein.

 

Menke-Glückert kommt in seinem Abschnitt "B. Melanchthons Anteil" auch auf die Quellen der Chronik zu sprechen. Er ist wesentlich forscher in seinen Aussagen als Ziegler und zeigt sich überzeugt: "Für die alte Geschichte sind alle Nachrichten aus den primären erzählenden Quellen genommen, für das Mittelalter aus dem schon rühmend erwähnten Chronicon abbatis Urspergensis." Die Verwendung der Primärquellen behauptet er aber nur, beweisen tut er hier nichts. Aus der Reihenfolge "Herodot, Thukydides, Xenophon, Diodor, Polybius und Livius" – die im Grunde nur der geschichtlichen Ordnung folgt -, ergibt sich für ihn ein Wirken Melanchthons.

Und zur Ursperger Chronik meint er: "Liegt es nicht nahe, anzunehmen, daß Melanchthon, der diese Chronik so hoch schätzt, sie der Erzählung bei Carion zugrunde gelegt hat?" Eine Annahme, die nur den überzeugt, der Menke-Glückerts Vorurteil teilt. Später erfährt der Leser übrigens, dass die von Melanchthon veranlasste Ausgabe 1537 (!) erschienen sei.

In seinem Anhang "analysiert" er die Quellen zur Carion-Chronik; dabei kommt auch ein schon im Haupttext genannter Gedanke zum Tragen: "Die Carion'sche Chronik hat aber als letzte und erstaunlichste Eigentümlichkeit das an sich, daß jedesmal, wenn sich Melanchthon früher oder später über den gleichen Gegenstand geäußert hat, dies meist buchstäblich mit der Carion'schen Chronik übereinstimmt." Dieser Grund der "späteren Übereinstimmung" lief schon 1912 der Logik zuwider, und 2013, in der Zeit besonderer Plagiatserfahrung, kann er gar nicht mehr überzeugen.

Ein paar Urteile Menke-Glückerts sollen seinen voreingenommenen Standpunkt belegen:

"Die Völkerkarte und die Ableitung der Völker von Noahs Söhnen zeigen solche Übereinstimmung mit der späteren Chronik <d.h. der lateinischen von 1558>, daß sie nur Melanchthons Werk sein können."

"Wenn es heißt: 'Bei Herodoto find ich' kann diese Bemerkung nur von Melanchthon herrühren."

"Von den Griechen. Hier wird behauptet, daß die Griechen keine so alten Historien hätten wie die Juden. Dies ist eine Meinung Melanchthons. Er erwähnt sie auch in der lateinischen Fassung seiner Chronik C.R. XII, 714." – In Wirklichkeit ist der Vorrang der Juden in der Geschichtsschreibung das zentrale Anliegen Reuchlins im Vorwort zur Nauclerus-Chronik.

"Diese chronologische Auseinandersetzung verrät eine solche Vertrautheit mit den antiken Schriftstellern, daß sie nur Melanchthon zugeschrieben werden kann."

" Das übrige stimmt zum großen Teil wörtlich überein mit der Rede Melanchthons von 1554."

Von Rudolf von Habsburg an stellt Menke-Glückert zunehmende Auswertung der Nauclerus-Chronik fest. Und hier meint er: "Vielleicht darf man aber sagen, daß Melanchthon mit der Naucler'schen Chronik, zu der sein Oheim Reuchlin ein empfehlendes Vorwort geschrieben hat, besser vertraut war als Carion." Darf man? Warum soll Carion sie durch intensive Lektüre nicht besser kennen? Melanchthon war wohl beim Druck dabei, aber kennt man deshalb, und weil ein Onkel das Vorwort dazu geschrieben hat, ein Werk selbstverständlich am besten?

Schließlich kommt Menke-Glückert zur Überzeugung: "Das Resultat der Untersuchung ist, daß die politischen Teile der Chronik fast alle von Melanchthon geschrieben sind."

Aber dieses Ergebnis verwundert ja nicht, denn Menke-Glückerts Ausgangsfrage war ja schon: " Damit sind wir aber bei der Frage angelangt, wieweit der Inhalt der ganzen Chronik Melanchthon zugewiesen werden muss."

Bei solch einem massiven Vorurteil kann ja nur dessen Bestätigung herauskommen.

 

Der fleißigste und gründlichste "Quellenforscher" ist Gotthard Münch.

Nachdem er im 3. Kapitel eine ausführliche Inhaltsangabe der Carion-Chronik gegeben und im 4. Kapitel die von ihm festgestellten Teile der Chronik charakterisiert hat, untersucht er im 5. Kapitel ausführlich und mit genauem Nachweis die Quellen.

Im Grunde nimmt er das Ergebnis seiner Forschung schon in der Kapiteleinleitung vorweg: "Eine Untersuchung der Quellen der deutschen Chronik kann nur dazu angetan sein, weiteres Licht auf das uns beschäftigende Problem zu werfen. Von vornherein können wir sagen, daß Carions Belesenheit in historischen Werken nicht übermäßig groß war. Es ist auch kaum anzunehmen, daß er sich zum Zweck der Abfassung der Chronik tief in geschichtliche Studien versenkt haben wird. Schon die Muße dürfte ihm hierfür gefehlt haben. Sein Vorwort deutet auch nichts darüber an. Dagegen war Melanchthons Belesenheit in der damals bekannten historischen Literatur unbegrenzt, sie verschaffte ihm den unschätzbaren Vorteil, den gesamten historischen Stoff in großen Zügen klar überschauen zu können. Nimmt man hinzu, daß Melanchthon mit lebendigstem Interesse als Gebender und Nehmender an der gelehrten Diskussion der Zeitgenossen über alle möglichen geschichtlichen Fragen Anteil nahm, so scheint die Annahme berechtigt, daß aller schwieriger zugänglicher Stoff durch ihn in die Chronik Eingang gefunden haben wird."

Man sieht, Münchs Haltung ist von Melanchthons grundsätzlichem Vorrang bestimmt.

 

Zunächst setzt sich Münch mit der Vorarbeit von Menke-Glückert auseinander und wirft ihm Oberflächlichkeit vor. "Folge dieses obenhin gehenden Verfahrens" sei es, dass er die von Münch gesehenen Unterschiede der Quellenbenutzung nicht deutlich mache. Danach werden von Münch die prinzipiellen Schwierigkeiten der Quellenanalyse angesprochen: Durch Kürzung, Komprimierung und deutsche Sprache ließen sich die Originalquellen schlecht nachweisen, vor allem würden wichtige Quellen wie Ursberger Chronik oder Nauclerus in der Chronik nicht genannt.

Darauf folgt Münchs eigene Quellenanalyse, in der er noch einmal den gesamten Chronik-Text durchgeht. Dabei weist Münch zunächst nur die Quelle nach, die "der Chronist" verwendete, wofür sein Nachweis bei Kyros als Beispiel dienen soll:

"Für Kyrus, den ersten Herrscher der Monarchie, fließen reichliche Quellen: Herodot, Xenophon, Daniel. Alle drei sind von der Chronik in bezeichnender Weise benützt. Ähnlich wie bei der Gründung Roms, wird auch hier der sagenhaften Jugendgeschichte des Kyrus unverhältnismäßig breiter Raum gewährt: Herodot ist dafür und für anderes Quelle: I 107-130, 86-90, 191, 211-213; zitiert wird er nur für eine Einzelheit, nämlich für den bedeutsamen Traum des Königs Astyages. Die Begegnung des Kyrus mit Krösus wird in der Fassung Xenophons mit dem wirkungsvollen 'Erkenne dich selbst' geboten: Kyropädie VII 2 und 15ff. Ferner wird Xenophon herangezogen als Gewährsmann aus dem heidnischen Lager für die aus Daniel gewonnene Ansicht, daß Kyrus zur wahren Gotteserkenntnis gelangt sei, endlich um der schauerlichen Erzählung Herodots über den Tod des Kyrus im Skythenkriege die friedvolle, dem gottbegnadeten Monarchen besser anstehende Erzählung von seinem sanften Tode im Kreis der Söhne entgegenzusetzen, denen er scheidend Worte der Weisheit spendet: Kyropädie VIII 7."

Wen Münch für den Chronisten hält, wird deutlich an Passagen wie der ans genannte Zitat unmittelbar anschließenden, die vom Vorurteil des höherwertigen Melanchthon ausgeht: "Der Abschnitt über Thales, Pythagoras und Solon vertritt die Stelle der dürftigen Notizen, die die Weltchroniken über diese Geistesgrößen Griechenlands zu bringen pflegten. Wie unbedeutend hierin noch Naucler ist hat Joachimsen betont. Es ist Melanchthon, der Vollhumanist, der die zusammenhanglosen Notizen zu einer beziehungsreichen Schilderung erweitert. Woher er dabei den Stoff im einzelnen nahm, wird schwer zu sagen sein. Die Skizze über Solon hat er aus Plutarchs Vita geschöpft: Kap. 6,13-18, 21, 25."

Wenn man den Text nachliest, verbirgt sich in der "beziehungsreichen Schilderung", die Münch hier sieht, die Feststellung des Gegensatzes zwischen Thales, der für die Astronomie bedeutend war, und Pythagoras, der für die Physik wenig geleistet habe, aber ein seltsames Mönch-Leben geführt habe. Solch eine Erkenntnis kann ja auch einem Mathematiker kommen, da braucht man nicht "Vollhumanist" zu sein.

Über die Diskussion über die beste Staatsform äußert Münch dann: "Die herodoteische Überlieferung vom Streit der sieben Wahlfürsten über Demokratie, Aristokratie und Monarchie liegt Melanchthon besonders am Herzen." Das ist keine begründete Feststellung, sondern nur die Behauptung eines Vorurteils. Wieso sollte der politisch hoch interessierte Carion, man denke nur an seine "Bedeutnis" mit den politischen Vorhersagen, weniger an dieser Diskussion interessiert sein?

Auch bei der weiteren Besprechung der Antike weist Münch Quellen nach wie etwa Herodot oder Justinus, findet aber hier schon Gemeinsamkeiten zwischen Nauclerus und der Carion-Chronik. Lang und breit werden die antiken Quellen benannt, bis Münch feststellt: "Die kirchengeschichtlichen Nachrichten stimmen meist mit Eusebius überein. Ob unser Chronist allerdings diese Quellen selbst oder nur eine Ableitung benutzt hat, konnten wir nicht feststellen. Naucler enthält fast alles. ... Mannigfache Widersprüche aber hindern wieder, ihn als eigentliche Quelle anzusehen." Für die Widersprüche bringt Münch keinen Beleg, aber diese beschriebene Arbeitsweise ergibt meines Erachtens noch keinen zwingenden Grund für Melanchthons Tätigkeit.

Und zum letzten Teil der Chronik vermerkt Münch: "Die Quellenanalyse des letzten Teiles der Chronik ist von Hildegard Ziegler und von Menke-Glückert schon verhältnismäßig sorgfältig gegeben. Sie führt zu einfacheren Ergebnissen als die der vorhergehenden Teile. Naucler ist von Anfang an, nicht erst für die späteren Jahrhunderte des Mittelalters, wie Menke-Glückert annimmt, Hauptquelle, eine Tatsache, die dadurch verschleiert wird, daß Naucler Quellen wörtlich kompiliert, die unser Chronist auch selbst einsehen konnte und eingesehen hat, die aber immer wieder dadurch offenbar wird, daß keine der Urquellen einen solchen Grad der Übereinstimmung mit unserer Chronik zeigt wie Naucler. Nehmen wir hinzu, was über die Bedeutung Nauclers für den 2. Teil gesagt wurde, so kann man ihn, wie Justin für die vorchristliche Zeit, als grundlegende Quelle der nachchristlichen Jahrhunderte ansprechen."

 

Kurz: Wenn man nicht vom Münchschen Vorurteil der grundsätzlichen Höherwertigkeit Melanchthons ausgeht, ist kein Grund erkennbar, warum der interessierte Carion die Arbeit der Quellenauswertung nicht selbst erledigt haben sollte; so weit wie Perlach geht Münch ja nicht, Carion einfach Lateinkenntnisse abzusprechen – nur dann fiele er als "Compilator Naucleri" aus.

 

Welchen Ertrag bringt nun die "Quellenforschung" der drei vorgestellten Forscher?

Jeder findet im Grunde durch die Betrachtung der Quellen die Bestätigung seines Vorurteils: Ziegler sieht das Gemeinschaftswerk zweier Hände, Menke-Glückert stößt auf die Alleinverantwortung Melanchthons an der Chronik, und Münch erkennt, wie alles Wichtige und geistig Hochstehende von Melanchthon beigetragen wird. Keiner der drei kann überzeugend Melanchthons (Haupt-)Tätigkeit beweisen – die leuchtet nur dem ein, der vorher schon die Meinung des jeweiligen "Quellenforschers" teilte.

 

Und der Ertrag für Carion? Carion zog offensichtlich viele Quellen heran, wertete sie unterschiedlich im Sinne seiner Überzeugung und seines Zieles aus und folgt dabei keineswegs sklavisch einer Vorlage. Und wenn seine Chronikvorlage auf eine Primärquelle zurückgeht, ist nicht sicher, ob Carion die Primärquelle auch gekannt hat – eigentlich ein Befund, den die Betrachtung des "Todes des Kyros" oben schon ergeben hat.

Carions Eigenwert

Bis hierher ging es weitgehend darum, Carions Eigenwert vor der Übermacht Melanchthons und seiner Apologeten zu verteidigen. Jetzt möchte ich versuchen, aufgrund eines anderen Carion-Werkes seinen Eigenwert zu zeigen.

 

Adelungs Jünger im Geiste verbinden mit "Carion" die Vorstellung eines zwielichtigen Astrologen, der sich mit fragwürdigen Tricks durch sein Säuferleben schmarotzt (so etwa Roemer) oder mit seinem Geschreibsel ehrenwerte Honoratioren seiner Zeit besudelt (so im Grunde Bauer). Es ist erschreckend, wie sich diese Diffamierungen durch die Jahrhunderte halten konnten.

 

Hier in Deutschland oder gar in Württemberg sieht man die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts weitgehend durch die Reformations-Brille. Carion stand mitten in den Spannungen seiner Zeit, schließlich war sein wichtigster Arbeitgeber ein überzeugter Altgläubiger und sah Carion schon in dessen Ehe den Zwiespalt der Konfessionen, er hatte seinerseits auch gute Kontakte zu Melanchthon, dem alten Schulfreund, und zu Luther, zu denen beiden er ja Missionen unternehmen musste, wie etwa Joachims II. Anliegen über die richtige Form des Abendmahls zeigt.

Aber er sah auch die politische Großwetterlage, die von ihm aus einer ideologischen Sicht bewertet wurde.

Einer wachen Person der Carion-Zeit, d. h. der Jahre von etwa 1520 bis 1535, war die Gefahr aus dem Osten bewusst. Es war noch keine 80 Jahre her, dass die Türken Konstantinopel, Ostrom, lange Zeit Trägerin des Kaisertums, bis der Franke Karl in diese Rolle eintrat, im Sturm eingenommen hatten. Und seit 1453 rückten die Türken ständig und scheinbar unaufhaltsam nach Westen vor; im Herbst 1529 standen die Türken zum ersten Mal vor Wien, konnten es aber nicht einnehmen. 1532 gelang es Karl V., durch den Nürnberger Anstand im Juli eine gemeinsame Front mit den Protestanten gegen die Türken zu bilden, die dann den Auszug gegen die Türken im August ermöglichte, das letzte politische Geschehen in der Carion-Chronik.

Ideologisch dachte Carion von der Vier-Monarchien-Lehre her; das bedeutete, wenn das Römische Kaisertum zu Ende ging, war das Weltende da; deshalb lag Carion am Erhalt des Römischen, d. h. des deutschen, Kaisertums, denn von seinem Denken her hatte er daran ein existenzielles, also überlebens-wichtiges Interesse.

 

Dass dieses Denken sein Sein bestimmte, möchte ich an einem größeren Abschnitt seiner "Bedeutnis" zeigen. Adelung hatte sich dieser Schrift auch schon zugewandt, allerdings nur und ausführlich dem anstößigen astrologischen Teil, Carions "Christliche Ermahnung" bleibt unberücksichtigt.

 

8, 1 Ein Christliche ermanung an Kay. Maye. Künig/ Churfürsten/ Fürstenn/ Graffen/ Herren/ Rittern/ Edelleüten/ vnd allen ständen Christlicher versamlung/ Johannis Carionis.

8, 1 Johannes Carions Christliche Ermahnung an die Kaiserliche Majestät, Könige, Kurfürsten und Fürsten, an Grafen, Herren, Ritter Edelleute und an alle Stände der Christlichen Kirche.

8, 2 WAnn Gott imm alten Testament einen Prophetenn erwecket hat/ ist ehs gemainigklich nicht dann on eyn groß mercklich vrsach der straff/ vnnd wunderzaychen Gottes geschehen/ 3 derhalbenn auch yhre Propheceyenn/ befoder die Christum vnnd die figuren des Newen Testaments/ vnseres hailigenn Christenlichen Glaubens bedeuten/ erfült vnnd volbracht seyen/ 4 vnnd jr etlich inn vnsern zeitenn yetz jmmerdar eyne nach der andern volbracht werdenn/ 5 vnnd one zweyffel yhr etlich auch noch zuokünfftig

6 wie dann Christus der öberst Prophet durch sein Göttlichenn mund verkündet/

7 auch sunst an vilen andern orten der heyligen Prophetenn/ befoder inn Isaia/ Amos/ Daniel/ vnd Abacuc/ vermeldet ist.

8 Dann wo die sprüch der Propheten von trübsal/ mühe/ sorg/ angst/ vnnd arbait sagenn/ werdenn sie gemainklich mehr dann eyn mal/ sonder zum offter mal erfüllet/ 9 vnnd auch wir der aller grausamesten vnnd pyttersten straff nicht ein mal/ yha zuo hundert tausent vnnd noch vyl mehr malen wol wirdig vnd werdt seyen/ 10 Darumb auch eben dye Propheceye Abacuc nicht allein den Babylonischenn Künig bedeüt/ sonder zaigt auch ebenn an zuo vnsern zeytenn den Türckischen Keyser/ 11 dann yhe der Prophet anfechtunng der rechtglaubigen anzeücht/ wie obenn vermeldet/ 12 Derhalbenn ich geursacht wirde/ vnsern Fürsten des Propheten eygne wort anzuozeygen/ vnd lauten also.

8, 2 Wenn Gott im Alten Testament einen Propheten erweckt hat, geschah es üblicherweise mit einer bedeutenden, spürbaren Ursache der Bestrafung oder eines Wunderzeichens Gottes. 3 Deshalb gingen auch ihre Prophezeiungen, besonders die, die Christus oder Personen des Neuen Testaments, unseres heiligen christlichen Glaubens, betrafen, in Erfüllung. 4 Und von ihnen gehen jetzt in unseren Zeiten ständig welche nacheinander in Erfüllung. 5 Und viele werden zweifelsohne auch künftig in Erfüllung gehen.

6 So verkündete es Christus, der höchste Prophet, durch seinen göttlichen Mund.

7 Das wird auch an vielen anderen Stellen der heiligen Propheten gesagt, besonders bei Jesaia, Amos, Daniel und Habakuk.

8 Denn wo die Prophetensprüche Trübsal, Mühe, Sorge, Angst und Not ankündigen, gehen sie normalerweise mehr als einmal, nämlich öfters in Erfüllung.

9 Und auch wir verdienen alle grausamsten und bittersten Strafen nicht nur einmal, sondern hunderttausend Mal und noch öfter. 10 Deshalb bedeutet die Prophezeiung Habakuks nicht nur den Babylonischen König, sondern verweist auch in unserer Zeit auf den türkischen Kaiser.

11 Denn der Prophet zeigt immer die Anfechtung der Rechtgläubigen an, wie ich oben gesagt habe. 12 Deshalb werde ich veranlasst, unseren Fürsten des Propheten eigene Worte zu verkünden, und die lauten so:

9, 1 Herr wie lang soll ich ruoffenn/ vnnd du wilt nicht hörenn? 2 wye lang soll ich zuo dir schreyenn vber freuel/ vnnd du wilt nit helffen? 3 Warumb lassest du mich sehen mühe vnd arbait? 4 warumb zaigest du mir raub vnnd freuel? 5 Ehs gehett gewalt vber recht/ darumb muoß das gesatz wanckenn/ vnnd kan kain recht zum ende <005-v> kommen/ 6 dann der Gotloß vberuortaylt den gerechten/ darumb gehen auch verkerte vrtheyl. 7 Sehent vnder die Hayden/ vnnd verwundert euch/ dann ich will ettwas thon zuo eweren zeytten/ wöllichs yhr nicht glauben werdt/ wann man dauon sagenn wyrdt/ 8 Dann ich will erweckenn die Kaldeyer (da mügenn wir wol sagen die Türcken) ein pytter vnnd schnell volck/ 9 wölliches ziehenn wirdt als weyt das land ist/ wonungen einzuonemenn/ die nicht sein seynd/ vnnd wyrdt grausam vnd erschrecklich/ 10 wölchs volck wirdt richten nach seiner arth/ 11 Seyne pferd seindt schneller dann die Parden/ 12 vnd seine reütter kommen von ferne/ vnnd werdenn daher fliegen wie ein Adler zuo dem Aß/ 13 Sie werden kommen nur zuo fräueln/ vnnd her faren wie ein schneller wynd/ vnnd die gefangnen zuosamen samlen wie den sand.
14 Sollichs volck wirdt der Künig spotten/ vnd der Fürsten lachen/ 15 alle Festungen werdenn jm ein schertz sein/ 16 dann es wirdt schütt machenn/ vnnd die doch gewynnen/ 17 Als dann wirdt es ein newen muot nemenn/ wyrdt fordt faren/ vnnd sich versündigen/ 18 aber dieweil ehs gewynnt/ muoß seyn sig seines Gotts sein.
19 Aber du Herr/ der du bist vonn ewigkait her/ laß vns nicht sterben/ sonder O herr laß jhnen nur ein straff seyn/ vnnd laß jnen O herr vns nur züchtigen/ 20 dann deine augen seynd rayn/ das du vbels nicht sehen magst/ 21 vnnd dem jamer kanst du nicht zuosehen.
22 Warumb sihest du dann zuo den verächtern/ vnd schweygest das der gottloss verschlynnget den der frümmer ist/ dann er/ vnnd lassest die menschenn gehen wie Visch im Meer/ wie gewürm das kainen herren hatt? 23 Er zeucht es alles mit seynem hammen/ vnd fachts mit seinem netze/ vnd sammlet mit seinem garn/

24 des frewet er sich vnnd ist frölich/

25 Darumb opfferet er seynem netze/ vnd reüchert seinem garn/ weyl durch die selbigenn sein thayl so fayßt/ vnnd sein speyß so völlig worden ist/ 26 Derhalben würfft er sein netz noch jmmer auß/ vnnd will nicht auffhörenn leut zuo erwürgen.

9, 1 Herr, wie lange soll ich rufen, und du willst nicht hören? 2 Wie lange soll ich zu dir wegen der Frevel schreien, und du willst nicht helfen? 3 Warum lässt du mich Mühe und Not sehen? 4 Warum zeigst du mir Raub und Frevel? 5 Gewalt geht über Recht, darum muss das Gesetz wanken und kann kein Recht vollendet werden.

6 Denn der Gottlose übervorteilt den Gerechten, darum gibt es auch falsche Urteile. 7 Schaut auf die Heiden und wundert euch, denn ich will zu eurer Zeit etwas tun, was ihr nicht glauben werdet, wenn man davon spricht.

8 Denn ich werde die Chaldäer erwecken - da können wir sagen: die Türken -, ein bitteres und streitbares Volk.

9 Dieses wird kommen, soweit das Land reicht, um Wohnungen zu beziehen, die ihm nicht gehören, und wird grausam und schrecklich sein. 10 Dieses Volk wird nach seiner Weise richten. 11 Seine Pferde sind schneller als die Leoparden, 12 und seine Reiter kommen aus der Ferne und werden daherfliegen wie ein Adler zum Aas.

13 Nur zum Freveln werden sie kommen und herfahren wie ein schneller Wind, und sie werden die Gefangenen aufsammeln wie Sand.
14 Solch ein Volk wird über Könige spotten und die Fürsten verlachen. 15 Alle Festungen werden für es ein Scherz sein. 16 Denn es wird aufschütten und sie doch einnehmen. 17 Danach wird es neuen Mut schöpfen, weitermachen und sich versündigen. 18 Aber solange es siegt, wird sein Sieg der seines Gottes sein.

19 Aber du, o Herr, der du von Ewigkeit her existierst, lass uns nicht sterben, sondern, o Herr, lass ihn nur eine Strafe sein und lass ihn uns, o Herr, nur züchtigen. 20 Denn deine Augen sind rein, so dass du nichts Böses sehen kannst; 21 und dem Jammer kannst du nicht zusehen.
22 Warum schaust du zu den Verächtern hin und schweigst darüber, dass der Gottlose den verschlingt, der frömmer ist als er, und warum lässest du die Menschen gehen wie Fische im Meer, wie Gewürm, das keinen Herren hat? 23 Er zieht alles mit seinem Angelhaken und fängt es mit seinem Netz und sammelt es mit seinem Garn ein.

24 Darüber freut er sich und ist fröhlich.

25 Darum opfert er seinem Netz und bringt Rauchopfer seinem Garn, weil durch sie sein Anteil so reichlich und seine Speise so üppig geworden ist. 26 Deshalb wirft er sein Netz immer noch aus und will nicht aufhören, die Leute zu erwürgen.

10, 1 Der Herr antwort aber mir vnnd spricht/ 2 Schreybe das gesicht vnnd male es auff ein tafel/ das ehs lese wer für vber gehet/ 3 Nemlich allso/ das gesichte stehet noch biß zuo seyner zeyt/ vnnd wirt endtlich frey an tag kommen/ vnd nicht aussen bleybenn/ 4 ob <006-r> es aber verzuge/ so harre sein/ es wirdt gewißlich kommenn vnnd nit verziehen. 5 Wer aber darwider strebt/ des seele wirdt nicht gelingen.

 

10, 1 Der Herr antwortet mir aber und spricht: 2 Schreibe die Vision auf und male sie auf eine Tafel, damit sie jeder lese, der vorübergeht. 3 Denn die Vision wird Bestand haben bis zu ihrer Zeit, und sie wird endlich offenbar werden und nicht fern bleiben.

4 Wenn sie sich aber verspätet, so warte auf sie, denn sie wird gewiss kommen und nicht unpünktlich sein. 5 Wer aber gegen sie ankämpft, dessen Seele wird nicht zum guten Ende kommen.

11, 1 O wie plützlich werden aufwachen die dich beyssenn/ vnd erwachenn die dich wegstossen werden/ vnnd du muost ynen zuo theyl werden/ 2 dann du hast vil Hayden geraubet/ 3 vnnd so werdenn sie dich wider raubenn/ mitt dem vberigenn jhrer völcker/ vmb der menschen pluot willen/ vnnd vonn wegenn des freuels auff dem land vnd inn der statt/ vnd allen die darinnen wonen.

4 Welliche weytter lesen wöllen suchen den Propheten inn der Bibel/ so finden sie den Text im außgang noch vil erschrocklicher.

11, 1 O, wie plötzlich werden die aufwachen, die dich beißen, und die erwachen, die dich wegstoßen werden, und du musst ihnen zufallen. 2 Denn du hast viele Heiden geraubt. 3 Und deshalb werden sie dich mit dem Rest ihrer Völker wieder rauben, wegen des Blutes der Menschen und wegen ihres Frevels auf dem Land und in der Stadt und allen ihren Bewohnern.

4 Welche weiter lesen wollen, mögen den Propheten in der Bibel aufsuchen; sie werden das Ende des Textes noch viel schrecklicher finden.

12, 1 Darumb/ O du Christenlicher Keyser/ vnnd jhr Christenliche Künig/ Churfürsten/ Fürstenn/ Grauen vnd Herren/ auch yr gewalthabende menschen/ Geystlichs vnnd Weltlichs standes gemeyner armen Christenheyt/ lassent euch des heyligenn Propheten so trewlich weheklagen vnd warnung/ ein witzigunng vnnd fürsichtigkait sein/ 2 brauchenn ewer radtschleg inn aller Christenlichen vorsorg/ 3 Dann die heyligenn Propheceyen seyenn der mehrer theyl alle herbey/ 4 derhalbenn/ was wir nur der zeyt lebenn/ ist vbermaß/ vns zuo gebenn odder oben dreyn geschenckt (wie man sagt)

5 seyent gewertig all stunnd vnnd augenplick des Haußuatters/ damit er vns nicht schlaffenn finde. 6 Dann eben sag ich euch das die wochenn Daniels des heyligen Propheten/ nun zum andern mal fürüber seyenn nach der zerstörunng Jherusalem/

7 derhalbenn die Künigreich so er vnns durch die vier horen verzeychnet sich stossen werden. 8 Dann haben die zal der wochen den Juden (die dazuomal das volck Gottes hiessen) vbels gedrewet/ dye doch frümmer/ dann wir waren/ werdenn sie fürwar vns (so wir nicht widerkeren) etwas ergers bringen.
9 So seyen auch grausame zaichen des hymels an Sonn/ Mon/ Sternen vnd jmpressionenn zuo der vbermaß gnuogsam erfüllet/ 10 nun ettlich vergangen jar her (nit mit wenigem schrecken) beschehen/

11 auch treffliche vnnd schnelle verendrung/ großmechtiger Kunig/ Fürstenn vnd Herrn (vnd das noch vil mer ist) verduncklung Götlicher wort durch falsche häupter vnnd Propheten/

12 Ja recht hatt auch <006-v> Christus weyßgesagt/ das erkaltenn werde die lieb der menschen/ 13 Amos verhayßt vns auch inn den letsten zeyten ein hunger/ aber nit des brots oder wassers/ sonder des worts Gottes.

14 Wölliche widerwertigkayten vns allen eben die letste zeyt vermelden. 15 Derhalben abzuonemen/ das wir yetzunder von der nayge zören/ vnnd dem faß der boden bald vber sich gestürtzt würdt.
16
Darumb du güttigister Kayser/ vnd jr andere mein gnädigste gnädige Künige/ Churfürsten/ Fürsten vnd Herren/ bayde Gaystlich vnd Weltlich/ Christenlicher versammlung/ ist mein jnnigklich begeren/ vnd gantz treüwe ermanung/ 17 das jr allenthalben vnser jetz so gar sorgklichen stand betrachten wöllend/ vnd vnser vngewiß mißlich leben behertzigen vnd yetzund meiner warnung/ ja trewen rathes/ mit dem ich (als mir Gott soll helffen) euch allen verwandt/ stat vnd glauben geben/ 

 

18 Nicht das ich mein maynung vber ewer so hohe verstendige vernünfften vnd weißhayten preyse/ den selben ewer hohen verstenden zuo radten/ 19 der ich doch dem wenigsten vnder euch zuo kaynem fuoßtuoch wyrdig/ muoß geschweygen einen radtgeber/ 20 Allayn das mich eins grewlichen wetters anet/ wölliches vbergang euch alle netzen würdt.

12, 1 Lasst deshalb, du christlicher Kaiser und ihr christlichen Könige, Kurfürsten, Fürsten, Grafen und Herren, auch ihr, die ihr im geistlichen oder weltlichen Stand Macht ausübt über die allgemeine, arme Christenheit, das besorgte Wehklagen und die Warnung des heiligen Propheten euch Belehrung zur Vorsicht sein.

2 Gebraucht dessen Ratschläge an euch in aller christlichen Vorsorge. 3 Denn die heiligen Prophezeiungen sind zumeist noch gültig. 4 Unser gegenwärtiges Leben ist uns überreich gegeben oder dazu noch, wie man sagt, geschenkt.

5 Rechnet zur jeder Stunde, zu jedem Augenblick mit dem Hausherrn, damit er uns wach vorfindet. 6 Denn eben jetzt sage ich euch, dass die Wochen Daniels, des heiligen Propheten, jetzt zum zweiten Mal nach der Zerstörung Jerusalems vorbei sind.

 

7 Deshalb werden die Königreiche, die er uns durch vier Hörner anzeigt, aneinander stoßen. 8 Denn wenn die Zahl der Wochen den Juden, die damals das Volk Gottes hießen, Schlimmes angedroht hat,  - und die Juden waren doch frömmer als wir! - dann werden sie uns, falls wir nicht umkehren, wirklich etwas Schlimmeres bringen.
9 So sind auch grausame Himmelszeichen an Sonne, Mond und Sternen und Eindrücke genug, ja im Übermaß in Erfüllung gegangen. 10 Sie trafen vor einigen Jahren, mit nicht geringem Schrecken, ein.

11 Es kam auch zu deutlicher, schneller Veränderung bei großmächtigen Königen, Fürsten und Herren und - was noch viel bedeutender ist - zur Verdunkelung göttlicher Worte durch falsche Köpfe und Propheten. 12 Ja, Christus hatte auch zurecht vorhergesagt, dass die Menschenliebe erkalten werde. 13 Amos verheißt uns auch in den letzten Zeiten einen Hunger, aber nicht nach Brot oder Wasser, sondern nach dem Wort Gottes.

14 Solche Widrigkeiten kündigen uns allen eben die letzte Zeit an. 15 Deshalb kann man annehmen, dass wir derzeit vom Rest zehren und dass das Fass bald umgestürzt wird.

 

16 Deshalb, du gütigster Kaiser und ihr anderen, meine gnädigsten gnädigen Könige, Kurfürsten, Fürsten und Herren, sowohl geistliche als auch weltliche der christlichen Kirche, ist es mein dringendster Wunsch und ganz ernste Ermahnung, 17 dass ihr überall unseren jetzt Besorgnis erregenden Zustand betrachten wollt, dass ihr euch unser unsicheres, ungutes Leben zu Herzen nehmt und dass ihr jetzt meiner Warnung, meinem treuen Rat, durch den ich, so wahr mir Gott helfe, mit euch allen verbunden bis, Raum gebt und Glauben schenkt.
18 Ich will meine Meinung nicht höher preisen als eure verständige Vernunft und Weisheit und eurem hohen Verstand keine Ratschläge geben. 19 Ich bin ja kaum wert, für einen von euch als Fußabstreifer zu dienen, geschweige denn als Ratgeber.

20 Aber ich habe die Vorahnung eines fürchterlichen Unwetters, von dem ihr alle nass werdet.

13, 1 Derhalben jr Christenliche häupter/ jr Edlen Fürsten/ nempt an euch inn disem jamer/ ein milten vnd einträchtlichen friden/ damit creütz gegen creütz nicht fechte/ ein Christ wider den anderenn.

2 Lernet/ dieweil vns die zeyt so grewlich ansicht/ milt/ gütig/ vnd barmhertzig zuo sein/ 3 Nempt/ behaltend vnnd schützet was eüwer ist/ vnnd was euch Gott zuo eüwern eheren vergundt/ 4 vnnd was nicht eüwer/ so helffend doch das selbig zuo handhaben/ zuo beschützen vnd zuo beschyrmmen/ dem es von rechte zuoerhalten gehört/ 5 Arbayt vnnd sorg nicht ein yegklicher (durch geytz) inn seinen sack/ 6 dann der geyst begert nicht vil weltlicher eer vnnd güter/ aber der leib das widerspil.

7 Stelle ein yeder sein Termin heut zuo sterbenn/ verhoffe nicht vberige tag/ 8 so lauffen on allen zweyfel sein sach zuo gnädigem ende/ 9 Dann die axt ist yetz an die wurtzel gesetzt/ vnnd dem holtzhawer befolhen den baum zuo fellen/ 10 Darumb gebe kayner dem andern vrsach zuo kämpffen/ 11 Dann so jr euch auffrürisch gegen einander länenn werdet/ so sicht es etwann ein frembder/ der <007-r> tregt darob gefallen/ vnd lacht jm sein hertz/ sucht zeyt/ vrsach vnd gelegenhayt vber euch alle zuo kommen/

12 Des muoß ich euch ein exempel oder beyspil sagen.

13, 1 Deshalb, ihr Häupter der Christenheit, ihr edlen Fürsten, nehmt in diesem Jammer eine milde und einträchtige Friedensgesinnung an, damit nicht Kreuz gegen Kreuz kämpft, nicht ein Christ gegen den anderen. 2 Lernt, weil uns die Zeit so grimmig anschaut, mild, gütig und barmherzig zu sein. 3 Nehmt, behaltet und schützt, was euch gehört und was euch Gott zu eurer Ehre schenkt. 4 Und helft doch das, was euch nicht gehört, recht zu gebrauchen, zu beschützen und beschirmen für den, dem man es zurecht erhalten muss. 5 Es soll nicht jeder aus Habgier in seinen Sack arbeiten und für ihn sorgen. 6 Denn der Geist begehrt im Unterschied zum Leib, seinem Gegenspieler, nicht viel an weltlichen Ehren und Gütern.

7 Jeder soll sein Lebensende am heutigen Tag annehmen und auf keine weiteren Tage hoffen. 8 Dann nehmen zweifelsohne alle Dinge ein gutes Ende. 9 Denn die Axt ist jetzt an die Wurzel gesetzt und dem Holzhauer befohlen, den Baum zu fällen. 10 Darum soll keiner dem anderen Grund zum Kämpfen geben. 11 Denn wenn ihr euch rebellisch gegeneinander stellt, sieht es vielleicht ein Fremder, es gefällt ihm und er freut sich von Herzen, er sucht Zeit, Ursache und Gelegenheit, um euch alle anzugreifen.

 

12 Davon möchte ich euch ein Beispiel oder Exempel erzählen.

Es folgt dann eine Fabel von Frosch und Maus, die, weil sie gegeneinander um die Macht kämpfen, gemeinsam vom Storch gefressen werden.

 

Carion sieht sich hier deutlich in der Rolle eines alttestamentlichen Propheten, oder noch besser: in der Rolle des Sprachrohrs eines solchen, hier ausdrücklich Habakuks; aber auch die 70 Wochen Daniels (die ja auch in der Chronik eine wichtige Rolle spielen) werden in der Parallele als für die eigene Zeit gültig angesehen: der Zerstörung Jerusalems, die auch eintrat, entspricht jetzt der Untergang des christlichen Abendlandes und damit der Welt. Und Adressaten seiner Botschaft sind sämtliche christlichen Würdenträger, die sich ihrer Gemeinsamkeit bewusst werden sollen, um der großen, realen Gefahr zu begegnen.

 

Carion, der schmuddelige Astrologe? Es zeigt sich doch eine Person, die mit großem Ernst den von ihr gesehenen bevorstehenden Gefahren begegnen will, der den konfessionellen Glaubenskampf für schädlich ansieht, weil für ihn die Existenz der Welt dadurch bedroht ist.

 

Dass durch die Reformation und die Schwächung des Deutschen Reiches keine globale Krise entstand, das wissen wir heute, 2013; sind wir aber deshalb berechtigt, die Sorgen eines wachen Menschen von 1530 als unbedeutend abzutun?

Lebensbeschreibung des Carion, zweiter Versuch

Oben gab es ja schon die Aufbereitung der Fakten; jetzt möchte ich die Fakten durch einige Vermutungen anreichern, um zu zeigen, wie Carions Leben mit der Chronik ausgesehen haben könnte.

 

Geboren wurde der kleine Hans Negelin in Bietigheim, das 1499 schon über 100 Jahre Stadt und derzeit wohl gerade am Wachsen war, denn der achtjährige Hans konnte den Neubau des Rathauses miterleben. Schon beim kleinen Bürschchen war jemandem sein wacher Geist aufgefallen, weswegen ihn seine Eltern auch zur Lateinschule im Ort gaben. Offensichtlich enttäuschte er die Erwartungen nicht, denn am 21. April 1514 wurde er in Tübingen immatrikuliert.

Jetzt begann ein neuer Lebensabschnitt fern von den Eltern und den Bietigheimer Kameraden. Der junge, inzwischen schon gewaltig gewachsene Hans zog in die Burse ein, empfangen vom 17-jährigen Konventor Philipp Schwarzert, der vor zwei Monaten seinen Magister erworben hatte, aber schon mit zwölf Jahren von seinem Großonkel Johannes Reuchlin einen griechischen Ehrennamen, nämlich "Melanchthon", erhalten hatte. Philipp war zwei Jahre älter als Hans, aber dafür zwei Köpfe kleiner. Aber er war ein As in Griechisch; sein Spleen war, jedem Neuankömmling gleich einen passenden griechischen Namen zu verpassen, und das war bei einem "Nägele" natürlich "Karyophyllus". Klang gut, war aber entsetzlich lang, weswegen die Bursenkameraden ihn nur "Charon" nannten, nach jenem gewaltigen Fährmann in die Unterwelt.

Mit seinen Kameraden, auch seinem Konventor Philipp, war Hans ständig zusammen in der Burse, da gab es kein Ausweichen. Konventoren waren das notwendige Aufsichtspersonal in der Burse, auch eine Art Hilfslehrer im Universitätsbetrieb. Philipp unterrichtete die Neuen auch in lateinischer Literatur; das Getändel des Terenz und das Geschwätz des Tullius ging Hans auf die Nerven, bei Livius hörte er viel lieber zu, bei Arat spitzte er die Ohren, aber da wusste er dank Stöffler mindestens so gut Bescheid wie sein hiesiger Lehrer und dortiger Mitschüler, eben Philipp. Dieser ärgerte sich nur immer, wenn Hans vor sich hinzudösen schien, aber dennoch auf Philipps scharfe Lehrerfragen immer eine, meist die richtige Antwort wusste. Viel lieber saß Hans Stöffler zu Füßen; der hatte Handfestes zu bieten, nicht nur das Philologengeschwätz.

Das Schönste jener Zeit war für Hans jener Ausflug hinüber nach Ditzingen; einen ganzen Tag musste man zwar stramm marschieren, um den langen Weg zu schaffen, aber das rentierte sich. Der "Alte", immerhin war Reuchlin schon ein "Senex" von über 60 Jahren, lud immer wieder junge Studenten zu sich ein. Diesmal war im Gefolge seines Großneffen Philipp auch das Provinzbürschchen Hans Nägele, der ihm auch in Tübingen wegen seiner Fragen zur Geschichte immer wieder aufgefallen war. Dort in froher Runde vergnügte sich das Jungvolk in Reuchlins Garten mit Most und dem immer leckeren Schmalzbrot. Nur Hans hatte mit großen, staunenden Augen die Bibliothek betreten, in der der große Reuchlin sie sogar lesen ließ; da konnte Hans - welche Freude! - sogar in der neu erschienenen Nauclerus-Chronik lesen, von der Philipp schon manches Mal geschwärmt hatte. Für so einen Ersatz verzichtete er doch glatt auf das fällige Schmalzbrot.

 

1518 trennten sich die Wege. Philipp zog nach Wittenberg, Hans hatte durch Empfehlung Stöfflers eine Stelle als Hofmathematicus in Berlin in Aussicht. Wieder eine neue, aber eine ganz andere Welt, in die sich Hans hineinfinden musste; keiner seiner Bekannten kam mit. Die akademische Einsamkeit blieb auch sein Los in Berlin. Kurfürst Joachim hatte seinem künftigen Hofbeamten schon mitteilen lassen, was er in Berlin in Angriff nehmen sollte; so konnte sich Hans beim alten Lehrer Stöffler noch Anregungen für die "Practica für 1519", sein erstes Kalenderwerk, besorgen. Joachim war ein angenehmer Arbeitgeber; er nahm an des Johannes Wirken lebhaften Anteil, ließ ihn auch bereitwillig in seiner Bibliothek forschen, wo Hans nicht nur astrologische Fachliteratur, sondern auch Chroniken fand. Schedel war schon hier, auf die lebhafte Empfehlung seines Mathematicus erwarb Joachim auch ein Exemplar der Nauclerus-Chronik, in die er sich auch gerne vertiefte und über die er mit seinem Hofbeamten oft diskutierte.

Störend in Berlin war, dass da noch ein zweiter "Johannes Nägelein" da war, immer verwechselte man ihn, den jungen Mathematicus mit seinem Namensdoppel, er wurde auch immer gefragt, wie er denn mit jenem Alten verwandt sei. Da erinnerte er sich an seinen alten Spitznamen; "Charon" wollte er aber nicht sein, dann doch lieber "Carion", da konnte er immer das vertraute "Capnion", Reuchlins Pseudonym, mithören.

Die zwanziger Jahre verstrichen, Melanchthon war des großen Reformators rechte Hand in Wittenberg und unser Johannes Carion zur Autorität in astrologischen Fragen geworden, damals noch eine ernst genommene Wissenschaft. Durch sie hatte er 1527 sogar Kontakt zu Herzog Albrecht in Königberg aufnehmen können, wodurch sich eine zweite, willkommene Einnahmequelle ergab.

In all den Jahren hatte sich Carion immer wieder, sooft er Muße hatte, mit den historischen Schriften befasst. Denn davon hatte Reuchlin öfters geschwärmt, man brauche eine deutsche Kurzfassung der vielen, unendlich langen Chroniken. Dieser Gedanke hatte Carion eingeleuchtet, und so saß er oft des Abends beim Kerzenschein, wenn ihn nicht wieder irgendeine Festivität des Kurfürsten abhielt und er dort fressen und saufen musste, wie manches Mal in Halle geschehen.

 

1531 war er endlich mit seiner Chronik fertig; er hatte auch den Druck bei Georg Rau schon anvisiert. Aber es sollte vorher jemand Sachkundiges sein Opus begutachten und die Fehler ausmärzen. So schickte er also sein Manuskript an seinen alten Schulfreund, seinen damaligen Tübinger Konventor Philipp Schwarzert. Doch der war mit den Problemen der neuen Lehre Luthers schwer beschäftigt, hatte selbst auch dieses und jenes Leiden, war jedenfalls überhaupt nicht begeistert, als er mit den vielen Blättern Carions überfallen wurde. Und da hatte Carion doch das gemacht, was er selbst so gerne gemacht hätte, aber neben all den anderen Verpflichtungen nie geschafft hätte! Die erste Reaktion war entsprechend ungehalten; gegenüber Camerarius machte er seinen Gefühlen Luft. Aber eigentlich reizte ihn die Unternehmung; er musste halt dafür sorgen, dass Carions Fleißarbeit durch den richtigen theoretischen Überbau ins richtige Geleis kam. Ohne "Dictum Eliae" konnte heutzutage doch kein Geschichtswerk erscheinen, das auf sich hielt! Und die paar Stellen, ausreichend um den Lesern das "Dictum" bekannt zu machen, brachte er ja auch noch gut unter, und die verstreuten Jahreszahlen des Carion musste man natürlich in eine übersichtliche Tabelle packen; auch das ging gut. Wenn schon Tabelle, dann auch gleich noch die Genealogie des Alexander, damit auch alle Welt klar sehen konnte, dass Alexander der Nachkomme jenes einzigen, jedem richtigen Humanisten wohl bekannten Hercules ist. Ach ja, und die Franken, die lassen sich noch gut bei deren Beziehungen zu den Römern einschieben, die Carion schon bei Karl dem Großen geboten hatte.

Zu mehr reichte es nicht für den ersten Druck, aber es war ja schon an einen zweiten gedacht. Mit etwas mehr Zeit konnten Carion und Melanchthon dann den zweiten Druck besprechen; ein paar Kapitel des ursprünglichen Werkes sollte man noch etwas auf Vordermann bringen, wenn auch der Löwenanteil, sozusagen der "Wald", durchaus annehmbar war.

Und jetzt, im September 1532, zeigte sich doch tatsächlich der Komet schon wieder. Der musste natürlich in das Ende der Chronik hinein und natürlich die Hühnchen des Joachim, zu denen Georg Sabinus schon ein tolles Gedicht komponiert hatte, die passen doch gut zu den aktuellen Weissagungen unserer Tage. Toll, wie aktuell doch unsere Chronik geworden ist! Klar, das Wichtigste dazu, die Disposition des "Dictums", die stammt natürlich von mir, Philipp Melanchthon!

 

Tatsächlich verkaufte sich die Chronik prächtig. Nur, für den Weltmarkt taugte sie als deutsches Opus gar nicht. Was tun? Aber da hat doch gerade Hermann Bonnus eine Lateingrammatik geschrieben; für den muss doch die Übersetzung ein Klacks sein! Bonnus war nicht abgeneigt, übersetzte trotz des unruhigen Umfelds in Lübeck des Carion Chronik, hielt sich sogar an dessen Wortlaut. Ja, nicht einmal die Jahreszahlen in der Tabula annorum passte er an, so sehr hielt er sich an Carions Vorgabe. Melanchthon traute Carion nicht mehr so recht, hatte er doch gehört, dass sich der in seinem Umfeld damit brüstete, der eigentliche Verfasser der Chronik zu sein. So musste Carion zwar auf ein entsprechendes Vorwort verzichten, das ihm vielleicht noch ein paar mehr Käufer gebracht hätte, aber das musste man halt in Kauf nehmen. Vorsichtshalber erzählte Carion, als er nach Württemberg reisen wollte, in Wittenberg nichts davon, dass er vor allem nach Hall zu Peter Braubach wollte, um dort den Druck von Bonnus' Übersetzung etwas zu überwachen. Alles schien in trockenen Tüchern – und da schlug das Schicksal erbarmungslos zu. In dringender Reise hatte Carion in Magdeburg Station gemacht, aber jetzt ereilte ihn Mors praematura, die vorzeitige Todesgöttin, vielleicht hatte er im vorausgegangenen Jahrzehnt doch zu viel gegessen – und getrunken. Schade, sein Lieblingskind, seine Chronik, hätte er gerne selbst gepflegt, aber jetzt war es als Waise in fremden Händen.

Schluss

Erstens:

Man sollte zwei Dinge endlich als das ansehen, was sie sind:

Das Peucer-Märchen ist eine überzogene Schmeichelei Peucers an seinen Schwiegervater.

Die Carion-Chronik ist die Carion-Chronik.

 

Und zweitens:

Im Kapitel 4,21 bespricht Carion die Philosophen Griechenlands, zu denen er auch Hippokrates zählt. Seine Behandlung schließt er mit folgenden Worten ab:

 

10 Dergleichen hat er viel natürliche wunderwerck gethan/

11 Auff seinem grab sind lang zeit binen gewesen/ 12 vnd wenn man die krancken mit dem selbigen honig bestrichen hat/ sind sie gesund worden.

 

Ein Geschichtsschreiber, der bei der Kompilation des großen Weltgeschehens aus umfangreichen Chroniken für diese Anekdote in seiner Kurzfassung Platz findet, hat (meine) Hochachtung verdient.

 

Textanhang

Im "Textanhang" befinden sich die wichtigen Briefe in ihrer Gesamtlänge, damit erkennbar wird, welchen Stellenwert die herangezogenen Aussagen im jeweiligen Brief haben. Für Melanchthon zitiere ich hier aus dem CR; diese Fassungen sind ja auch über weite Strecken Grundlage der Argumentation früherer Forscher. Die Übersetzungen stammen von mir außer beim Melanchthon-Brief an Carion, wo sich Warburgs Übersetzung findet; kapitelweise schließen sich an die Übersetzung die Zusammenfassungen aus den Regesten an.

 

Die genauen Stellenangaben der Chronik, etwa "7,53,13", stammen aus meiner Ausgabe, deren Zählung auch hier im Textanhang übernommen ist, da es sich hier um Kopien aus dem "Arbeitstext der Chronik" handelt.

Diese Kopien habe ich nicht bereinigt, d. h. in spitzen Klammern stehen immer noch die Foliennumerierungen meiner Textquellen.

 

Roemers Zeitungsartikel habe ich hier auch aufgenommen, da er sonst schwer zugänglich ist.

 

In allen Zitaten stammt der Dickdruck immer von mir; eigene Zutaten stehen immer in spitzen <> Klammern.

Johannes Reuchlins Vorwort zur Nauclerus-Chronik

Ioannis Reuchlin Phorcensis LL. Doctoris in Ioannis Naucleri Chronicam praefatio.

 

1,1 VELLEM alter aliquis ex eloquentioribus me Germaniae preconibus, quorum nonnulla copia est, tam praeclari & tam digni huius monumenti rite commendandi vicem suscepisset.

1,1 Oh, hätte doch irgendein anderer Lobredner Deutschlands, redegewandter als ich, von denen es doch einige gibt, die Rolle übernommen, dieses so prächtige und so würdige Denkmal recht zu preisen!

1,2 Qui certe opus hoc pro excellenti honore, quem meretur, amplificaret ornatius ac multo liberius quidem, ne me alioquin exiguum in dicendo, ut per aetatem modo frigidum, si quid debitae laudis quantumvis leviter proposuero, comitetur haec una suspicio affectionis, quod ipse quondam ego mox atque cathedram Iurisconsultorum adeptus eram, ab annalium istorum autore Nauclero, ian tum moderatore summo gymnasii Tubingensis, tanquam imminentis vitae meae remige, ad usum forensem & ad populares iurgiorum quaestiones sua ipsius opera non absque nullo quandoque impendii sui auxilio fuerim instructus.

 

1,2 Dieser würde sicherlich dieses Werk entsprechend der verdienten hervorragenden Ehre gekonnter und viel unbefangener preisen, damit nicht mich, einen normalerweise unbedeutenden, wegen meines Alters sogar schon unterkühlten Redner, dieser eine Verdacht der Voreingenommenheit begleitet, wenn ich geschuldetes Lob ganz leichthin vorbringe; denn ich selbst bin einst, sobald ich das Katheder der Rechtsgelehrten erhalten hatte, vom Autor dieser Annalen, von Nauclerus, gerade damals Vorsteher des höchsten Tübinger Gymnasiums, gleichsam vom Steuermann meines bevorstehenden Lebens, in die Gerichtspraxis und die üblichen Prozessverhöre durch seiner Bemühung und gewaltige finanzielle Unterstützung eingewiesen worden.

1,3 Verendum itaque mihi est, certe scio, ne qui me ob illam caussam putent iniquiorem fore praesentis libri existimatorem.

4 Sed invidis hic fortasse calumniae locus tantum, & in veritatem caecutientibus relinquetur.

5 Equidem quantum animo viri magnitudinem comprehendere possum, qua fuerit in fruenda amicitia nostra comitate, ac deinde qua vir bonus autoritate praestiterit, & pulcherrima de illius laudibus & quam modestissime non possum non dicere.

 

 

6 Hoc agit Naucleri maiestas, illud humanitas.

7 Nam qui velit in eo viro, ceu quandam virtutum summam, reipublicae tuendae studium contemplari, gravioribus hoc multo exemplis aget, quam extent, quae vel de Iove aliquo vel Hercule fabulosa vetustas prodidit.

 

1,3 Ich weiß genau, ich muss also befürchten, dass mich manche Leute deshalb für einen ziemlich parteiischen Beurteiler des vorliegenden Buches halten.

4 Aber nur Missgünstige und für die Wahrheit Blinde finden hier vielleicht einen Platz zu einer falschen Beschuldigung.

5 Soweit ich aber die Größe des Mannes erfassen kann - wie freundlich war er im Genuss unserer Freundschaft, und dann, durch welche Autorität zeichnete er, der tüchtige Mann, sich aus - da kann ich nur Schönstes und das möglichst maßvoll über seine Ruhmestaten sagen.

6 Das eine ist Sache seiner Seelengröße, das andere seiner humanen Haltung.

7 Denn wer bei diesem Mann sozusagen als Gipfel seiner Tugenden seinen Eifer beim Schutz des Staates betrachten will, der wird das mit viel bedeutenderen Beispielen tun, als die sind, die ein mythenverliebtes Altertum für einen Jupiter oder Herakles hervorgebracht hat.

1,8 Hic Ioannes est, qui veterem Nauclerorum familiam apud Suevos publicis patriae commodis & publica gloria illustravit.

9 Unde post tot Nauclerorum, qui huic autori veluti parenti primas gloriae debent, ex merito virtus enituit.

10 Atque illud quidem quantum videri possit, & nos paulo post admonebimus, & multa vir bonus amansque virtutis ipse suopte ingenio cognoscet.

 

11 Modo de iis dicemus, in quibus solum illius nomen, sola illius autoritas (laudem enim posteris comunem fecit) spectatur.

12 Quantum videlicet suo ipsius ingenio suaque arte, quam laudabili literaturae genere, cum universae Germaniae, tum praecipue literatis voluerit prodesse.

 

1,8 Dieser Johannes hat das Ansehen der alten Naucler-Familie bei den Schwaben durch öffentlichen Nutzen fürs Vaterland und öffentlichen Ruhm vergrößert.

9 Daher erstrahlte nach so vielen Nauclern, die diesem Autor wie einem Vater den ersten Ruhmesplatz schulden, zu Recht die Tugend.

10 Und wie groß jener Umstand erscheinen kann, werden wir in Kürze in Erinnerung rufen, und viel wird ein tüchtiger und tugendliebender Mann selbst durch seine eigene Intelligenz erfahren.

11 Wir werden nur von den Dingen reden, in denen man allein seinen Namen, allein sein Ansehen sieht; denn seinen Ruhm hat er der Nachwelt schon mitgeteilt.

12 <Thema ist also,> in welchem Ausmaß er mit seiner Intelligenz und seinem Können, mit welch löblicher Art von Literatur er ganz Deutschland, dann vor allem den Wissenschaftlern nützen wollte.

2,1 Historiam Chronicam, hoc est temporum descriptiones, a condito mundo in annum restitutae salutis MILLESIMUM & QUINGENTESIMUM aemulatione veterum digessit: opus ipso genere admirabile & suo autoris nomine venerandum.

 

2,1 Eine Geschichtschronik, d. h. Beschreibungen der Zeiten, hat er vom Anfang der Welt bis zum Jahr des wiedergewonnenen Heils 1500 in Nachahmung der Alten dargestellt: ein Werk, wegen seiner Gattung schon bewundernswert, aber wegen des Namens seines Autors ehrwürdig.

2,2 Etenim quando de argumento dicendum est, nulla plane vitae pars, neque publicis, neque privatis, neque forensibus, neque domesticis in rebus, neque si tecum agas quid, neque si cum altero contrahas, <Zitat von Cicero, de off I,4> magistra historia potest non uti.

3 Age, quae principum, quae civium, quae cuius aetatis caussae non hac complexae, quasi ante oculos dispiciuntur.

 

4 Quae vero pars in studiis literarum consummata, si negligas historiam, & istos quidem doctorum peculiares sugcronismouV, id est temporum collationes.

 

5 Rursum: quoties exemplo futuros illa casus expendit?

6 Quare, qui dicant civilis prudentiae partem, qui humanae vitae imaginem, viri sunt non pauci.

2,2 Da man nämlich vom Inhalt sprechen muss: überhaupt kein Teil des Lebens, öffentlich oder privat, weder bei gerichtlichen noch häuslichen Angelegenheiten, weder wenn du bei dir etwas bedenkst oder mit einem anderen ein Geschäft tätigst, kann ohne Geschichte als Lehrerin auskommen.

3 Schau, welche Probleme von Fürsten, von Bürgern, von jedem Alter werden nicht von ihr erfasst und werden gleichsam vor unseren Augen untersucht!

4 Welcher Teil im Wissenschaftsbetrieb ist vollkommen, wenn man die Geschichte und diese speziellen Synchronismen der Gelehrten, d. h. den Vergleich der Zeiten, vernachlässigt?

5 Wie oft wiederum überprüft jene künftige Fälle am Beispiel?

6 Deshalb gibt es nicht wenige Männer, die sie Teil bürgerlicher Klugheit und Bild menschlichen Lebens nennen.

2,7 Sic ad virtutem hominum animos excitat, sic ad honorem, ad immortalitatis opinionem inflammat, ut quam rectissime quondam Zeno Citiensis, qui, foelix quis fieri posset, rogatus, dixisse videatur, ei sugcrwtizoito toiV nekroiV, si in mortuos intendat, hoc est, si maiorum gesta, si veterum monumenta contueatur.

 

8 & ille quidem egregie.

2,7 So fordert sie Menschen zur Tugend auf, so begeistert sie zur Ehre und zum Ruf der Unsterblichkeit, dass anscheinend Zenon von Kition einst ganz richtig gesagt hat, als er gefragt wurde, wer glücklich werden könne: wer sich den Toten gleich einfärbt, d. h. wenn er sich den Toten zuwendet, will heißen, wenn er die Taten der Vorfahren und die Denkmäler der Alten schützt.

8 Das sagte jener auf hervorragende Weise.

2,9 Vidit hoc - opinor - prudens antiquitas, quae vitae usum ac modum posteris tradens, probam reliquit eorum, quae gessit, ipsa rationem, sed vario cuiusque gentis & aetatis ritu.

 

2,9 Das sah, glaube ich, das kluge Altertum, das der Nachwelt maßvolle Lebenspraxis weitergab und dabei eine brauchbare Liste seiner Taten überließ, aber nach unterschiedlicher Art eines jeden Volkes und einer jeden Epoche.

3,1 Nam ut a vetustissimis omnino hominum moribus exordiar, post illam universi orbis inundationem, anteaquam publicus esset literarum usus (nullas enim plane fuisse notas haud dixerim) ut necessaria, ita diligens fuit memoriae cura.

 

 

2 Eam partim nuper extructarum urbium nominibus, partim positis alicubi tropaeis insignibus, principio sanxere mortales.

3 Exemplum e divinis Hebraeorum literis longe gravissimum petetur, nam & primae sunt & ordine rem perpetuo continent,

 

4 illae testantur Babel urbem propagandae ad posteros famae post aquas conditam esse,

5 siquidem de iis diximus, quae diluvium secuta sunt, tametsi quae praecessere, non carent exemplis.

3,1 Um nämlich bei den überhaupt ältesten Sitten der Menschheit anzufangen: nach jener Überschwemmung des ganzen Erdkreises wurde, bevor man allgemein Buchstaben gebrauchte (ich will nicht behaupten, es habe gar keine Zeichen gegeben), die Sorge für die Erinnerung ebenso sorgfältig betrieben, wie sie notwendig war.

2 Dieses Erinnern verankerten die Menschen anfangs teils in den Namen neulich erbauter Städte, teils in irgendwo aufgestellten besonderen Siegeszeichen.

3 Das bei weitem beste Beispiel wird man in den göttlichen Schriften der Hebräer suchen, denn sie sind die ersten und enthalten ordentlich den vollständigen Sachzusammenhang;

4 jene bezeugen, dass die Stadt Babel nach der Sintflut gegründet wurde um Ruhm bei der Nachwelt zu verbreiten;

5 wir sprechen ja über das, was der Sintflut folgte, wenn auch die Zeit davor Beispiele hatte.

3,6 Quale vero illud esse putatis monumentum, cuius toties in Genesi mundi fit mentio, <zwei hebräische Wörter: Beer seba> puteum iuramenti vocant. Abrahae tropeum, ab Isaac restitutum, arisque dedicatum, frequentia Iacob celebre.

7 Adderem e sacris libris eiuscemodi non pauca, nisi & in promptu essent, & aliud memoriae genus idque praestantissimum a Iudaeis mox receptum haberetur. Literae Mosaicae.

 

3,6 Was für ein Denkmal aber, glaubt ihr, ist jenes, das so oft im Buch Genesis erwähnt wird, "Beer seba" nennt man es, Eid-Brunnen: Abrahams Siegeszeichen, von Isaak wiederhergestellt, durch Altäre geweiht, berühmt durch Jakobs häufigen Besuch.

7 Ich könnte aus den heiligen Büchern einiges dieser Art hinzufügen, wenn es nicht offenkundig wäre und nicht eine andere Art von Erinnerung, und zwar die vorzüglichste, bald im Besitz der Juden gehalten würde: die Schriften des Moses.

3,8 Neque enim disputo nunc, qua cura interim servata cuiusque familiae natio, quo primum modo fines Iudaei suos in aegypto ab hospitibus discreverint, quanquam ab instituto fortasse nostro non aliena.

 

9 Sed de publicis literarum monumentis agetur. 10 Eusebius, Caesariensis episcopus, vir diligens, Moysen asserit autorem edendis Iudaeorum literis, cum privatae fuissent hactenus paucorum, id quod ipsi magnis testibus confirmant.

 

11 Deserta enim aegypti servitute, in itinere, & genealogian maiorum digessit, & legem divinitus datam perpetuis literis consecravit.

 

12 Custodes legis, praeter reliquos magistratus LXX seniores designavit, quibus peculiariter eruditis dei oracula credita sunt.

13 Atque iste quidem ordo, mirum, quam sancte genti sit usque in ultimam pene captivitatem observatus,

14 illis divina & humana iura omnia, mores publici privatique curae erant.

 

15 Quin omnis etiam antiquitatis cognitio, sive ea ad Iudaeos sive ad exteros pertineret, apud illos fuit integra.

16 His sese, ut videre licet, iure suo debet historica veritas, quod & <zwei hebräische Wörter: Seder Olam> probat, & nos cum alias multis, tum in Pythagoricis nostris copiose disseremus & paucioribus nunc diximus, absque ambitione tantum admonentes, scientiam antiquitatis ab hebraeis petendam esse.

 

 

17 Id inter primos Iustinus martyr & philosophus iubet, ita illorum bibliothecis favet, quas ita nos conservandas probe censuimus.

 

3,8 Ich spreche nämlich jetzt nicht davon, mit welcher Sorgfalt manchmal die Abstammung einer jeden Familie festgehalten wurde oder wie anfangs die Juden ihr Gebiet in Ägypten von den Gastfreunden abtrennten, wenn es auch vielleicht zu unserem Vorhaben passen würde.

9 Es geht hier aber um öffentliche Schriftzeugnisse. 10 Eusebius, der Bischof von Caesarea, ein sorgfältiger Mann, bezeichnet Moses als Autor der jüdischen Schriften, wobei es bis dahin von einigen wenigen Privatschriften gab, was sie auch selbst mittels wichtiger Zeugen bekräftigen.

11 Denn nachdem man die ägyptische Knechtschaft verlassen hatte, ordnete er unterwegs die Genealogie der Vorfahren und machte das gottgegebene Gesetz durch dauerhafte Schrift unantastbar.

12 Zu Gesetzeshütern bestimmte er außer den übrigen Beamten 70 Alte, denen nach besonderer Ausbildung Gottes Sprüche anvertraut wurden.

13 Und es ist wunderbar, wie heilig diese Ordnung vom Volk bis fast ans Ende der Gefangenschaft geachtet wurde,

14 jenen lagen göttliches und alles menschliche Recht, öffentliche und private Sitten am Herzen.

15 Ja, es war auch das gesamte Wissen des Altertums, ob es nun die Juden oder die Nichtjuden betraf, ungeschmälert in ihrem Besitz.

16 Wie man sehen kann, verdankt diesen die historische Wahrheit mit vollem Recht ihre Existenz, was einerseits <zwei hebräische Wörter: Seder Olam> bestätigt, wir andererseits an anderen Orten öfters, vor allem aber in unserem pythagoreischen Buch umfassend darlegen wollen und kürzer jetzt gesagt haben, ohne besondere Absicht nur daran erinnernd, dass man das Wissen des Altertums bei den Juden suchen müsse.

17 Diesen Auftrag gibt unter den Ersten der Märtyrer und Philosoph Justinus; deshalb sind ihm ihre Bibliotheken wertvoll, die man so nach unserer Meinung richtig bewahren muss.

4,1 Nondum erat reliquis gentibus literarum usus proditus, cum Iudaei iam suis quasi divino munere fruerentur, publicas tabulas reverenter spectarent, historiam noctes diesque legerent.

4,1 Den restlichen Völkern war noch kein Gebrauch von Schrift eröffnet, als die Juden sie schon gleichsam als göttliches Geschenk genossen, voller Achtung die öffentlichen Tafeln betrachteten und bei Tag und Nacht Geschichte lasen.

4,2 Sed apud aegyptios in sacris quaedam solum memoriae signa visebantur, shmeia ieroglufa, serpens, palma, hierax, cynocephalus, leo, ibis, rana, & reliqua observationum simulachra, quae putarunt exteri pro diis coli.

3 Caeterum statuas alias tum positas diis negant, longoque tempore par aiguptioisi axoanoi naoi fuisse feruntur.

 

4 Paulatim & ipsi literas acceperunt, & Graeciae nomen cognitum est.

4,2 Aber bei den Ägyptern besah man im Kult bestimmte Zeichen nur zur Erinnerung, hieroglyphische Zeichen, Schlange, Handfläche, Falke, Hundskopf, Löwe, Ibis, Frosch und weitere Bilder von Beobachtungen, von denen die Fremden glaubten, sie würden als Götter verehrt.

3 Übrigens leugnen sie, dass damals andere Statuen für die Götter errichtet worden seien, und lange Zeit soll es bei den Ägyptern Tempel ohne geschnitzte Bildwerke gegeben haben.

4 Allmählich nahmen auch sie die Schrift an und wurde der Name Griechenlands bekannt.

5,1 Nam a Mosis aetate usque ad excidium Troiae, annis pene trecentis, vario imperio, variis bellis a Graecis certatum est.

2 Fuere Thebae, Argos, Sparta, Mycenae, Athenae, Creta.

3 Sed quae fuerit illis seculis literarum ratio, non constat.

4 Neque vero negarim ego ingenii cultum, at simpliciorem quam posterae fuerit aetati, ut & reliqua tum erant germana, magis magisque graeca.

 

5 Quippe cum nondum essent adeo multa commercia, materies luxus, nondum ea vis auri & argenti in publicis privatisve locis spectabantur, Athenaeo autore.

5,1 Denn von der Zeit des Moses bis zum Untergang Trojas, fast 300 Jahre lang, gab es bei den Griechen unter unterschiedlicher Herrschaft verschiedene Kriege.

2 Es bestanden Theben, Argos, Sparta, Mykene, Athen und Kreta.

3 Aber welche Art von Schrift es in jenen Jahrhunderten gab, ist nicht bekannt.

4 Ich möchte aber ein Geistesleben nicht bestreiten, aber es war einfacher als in späterer Zeit, wie auch der Rest damals knospenhaft war und mehr und mehr griechisch wurde.

5 Man kannte ja, da es ja noch kaum Handel gab, die Voraussetzung von Luxus, noch nicht diese Menge Gold und Silber an öffentlichen und privaten Orten; so sagt es Athenäus.

5,6 Tamen fuit memoriae cura in aedificando, in sacris, in oraculis, in cantiunculis & illis quidem vulgaribus vel sacris, quale scilicet hoc Bottiaearum virginum putant, iwmen eiV aqhnaV.

 

7 Innumera eiuscemodi apud vetustos leguntur, quae illi a maioribus edocti non literis, sed consuetudine recepere.

5,6 Trotzdem gab es die Sorge für das Erinnern beim Bauen, im Kult, in Orakeln, in kleinen Liedern, und zwar denen des Volkes als auch im Kult, wofür sie natürlich das der bottiäischen Mädchen halten: "Lasst uns nach Athen gehen...!"

7 Unzähliges von der Art liest man bei den Alten, was jene von ihren Vorfahren gelernt haben, aber nicht den Schriften, sondern ihrem Brauch entnahmen.

5,8 Troianis temporibus cum & artes extarent & literae, quod vel de uno Palamede iis probatur, qui graecarum rerum non sunt imperiti, non pauca itidem memoriae genera censentur, alii honorem carminibus tribuunt, alii tropaeis, nam ita communiter voco etiam sepulchralia.

 

9 Meminit Homerus poeta & carminum saepe, & sepulchralium vel hoc Odysseae loco celeberrime, cum Menelaus in quarto ait, ceu agamemnoni tumbon, in asbeston kleoV eih.

 

10 Accesserunt poetae Orpheus, Homerus, Hesiodus, non una aetate, quorum antiquissimas aiunt literas graecis esse, quod videlicet ab hominum rebus argumento deducto, sacra commenti sint primi; autor Athenagoras in legatione ad Aurelios Caesares cum de iis inquit

 

11  outoi de eisin oi poihsantes

qeogonikhn ellhsi

kai toisi qeoisi taV epwnumiaV      

     dontes kai eidea autwn shmainonteV.

5,8 Da es zu Trojas Zeiten schon Künste und Literatur gab, was wenigstens bei einem, dem Palamedes, von den Kennern der griechischer Geschichte akzeptiert wird, so glauben diese ebenfalls, dass es nicht wenige Formen des Erinnerns gab; manche weisen diese Ehre den Liedern zu, andere den Siegeszeichen, denn so nenne ich im allgemeinen auch die Grabmäler.

9 Der Dichter Homer denkt oft an Lieder und Grabmäler; am bekanntesten ist dabei jene Stelle der Odyssee, in der Menelaos im 4. Buch sagt: "Aufgetürmt habe ich für Agamemnon das Grab, damit sein Ruhm unvergessen bleibt!"

10 Dazu kamen - nicht zur gleichen Zeit - die Dichter Orpheus, Homer, Hesiod, deren Schriften die Griechen angeblich als älteste haben, weil sie als erste Heiliges erdichtet haben, wobei sie natürlich von der Menschheitsgeschichte den Beweis ableiteten, wie der Autor Athenagoras in seiner Bittschrift an die Kaiser des Namens Aurelius <Mark Aurel und Commodus> über sie sagt:

11 "Diese sind die, die den Griechen eine Theogonie erschaffen und den Göttern Namen gegeben und ihre Bilder bezeichnet haben."

 

<Athenagoras, Legatio pro Christianis 17: "Orpheus, Homer und Hesiod sind es, die das, was sie Götter nennen, in Genealogien eingeteilt und mit Namen bezeichnet haben. Dies bezeugt auch Herodot: ,,Hesiod und Homer sind nach meiner Schätzung vierhundert Jahre älter als ich, nicht mehr; sie sind es, die den Griechen eine Theogonie gegeben haben, indem sie die Götter mit Namen benannten, Ehren und Künste an sie verteilten und ihre Gestalten beschrieben." Athenagoras zitiert also Herodot 2,53>

5,12 Placuit poema, & Rhapsodorum studio servatum est, honos ei certe habitus, cum audiretur; ut audiretur, ambitio nulla,

13 quando adhuc suis quaeque Graeciae pars bonis contenta, fuit intra suos penates clara, ipsique inter se cives tantum aemulatione virtutis certarunt, non cum exteris, 14 quale aliquid de Lacedaemonibus & Cretensibus, nisi male memini, in Protagora Platonis ait Socrates.

5,12 Das Gedicht gefiel, und durch den Eifer der Rhapsoden blieb es erhalten, und Ehre wurde ihm sicherlich erwiesen, als man es hörte; dass es gehört wurde, gab es keinen Ehrgeiz, 13 da bislang jeder Teil Griechenlands mit seinem Besitz zufrieden war; man kannte sich im eigenen Bereich, nur Mitbürger stritten miteinander im Wettkampf um Tugend, nicht mit Ausländern; 14 so etwas sagt, wenn ich mich nicht falsch erinnere, Sokrates in Platons "Protagoras" über Spartaner und Kreter.

5,15 Erant tum sui civitatibus Magistratus, quibus non tam, quae publice agebantur, quam quae privatis familiis accidebant, memoria digna censebantur.

 

16 At posteaquam ad studia literarum publicus honos accessit, illique dilaudabantur in Graecia septem viri, quos sapientes nominabant, excepti sunt poetae, & illi quidem Tragici, quibus, quidquid est veteris historiae Graecorum, inde tribuitur.

 

17 Et Tragoediam, cum de gestarum rerum memoria probaretur, secuti Sophistae Rhetoresve seu, logodaidaloi, qui res populi mandarunt commentariis, dicti ex eo suggrafeiV.

 

 

18 (Nec ignoro, quae fuerit alioqui twn suggrafewn apud Athenienses autoritas.)

5,15 Damals hatten die Städte ihre eigenen Beamten, denen weniger das, was in der Öffentlichkeit geschah, als das, was den privaten Familien zustieß, erinnerungswürdig erschien.

16 Und als Literatur mit öffentlicher Ehrung verbunden wurde und in Griechenland jene sieben Männer überaus gelobt wurden, die man "die Weisen" nannte, wurden die Dichter akzeptiert, und zwar jene Tragiker, denen man von da an die ganze alte Geschichte der Griechen zuschreibt.

17 Und als die Tragödie bezüglich der Erinnerung an die Geschichte Anklang gefunden hatte, folgten ihr die Sophisten und die Rhetoriker bzw. die "Wortkünstler", die die Nationalgeschichte ihren Exzerpten anvertrauten, wonach sie "Geschichtsschreiber" hießen.

18 (Ich weiß genau, welche Autorität die Geschichtsschreiber sonst bei den Athenern hatten.)

5,19 Sed ex his, qui ediderunt historiam, primi ligato sermonis genere usi sunt, ut Aristeas Proeconnesius inter vetustissimos.

20 Idemque mos & posterioribus seculis a nonnullis est retentus, &si iam Hecataeus oratione soluta legeretur, & paulo ante syngrapham, hoc est historicas conscriptiones, quod genus quasi peculiare est, condidisset primus vel Pherecydes Syrus (nam de Atheniensi nulla apud Porphyrium mentio) vel Cadmus Milesius, non Agenorida ille, sed Pandionius.

 

21 Secuti deinde Sophistarum discipuli, qui locupletiorem historiam fecerunt, sed confusam: Thucydides, Herodotus, Hellanicus, Pausanias Lacon, & reliqui paulo illis iuniores, qui philosophorum temporibus claruerunt.

5,19 Aber von denen, die Geschichte herausgaben, gebrauchten die ersten gebundene Sprache, wie Aristeas von Prokonnesos unter den Ältesten.

20 An diesem Brauch hielten auch in späteren Jahrhunderten manche fest, auch wenn man schon Hekataios in Prosa las und kurz davor als erster entweder Pherekydes aus Syros (denn den von Athen erwähnt Porphyrius überhaupt nicht) oder der Milesier Kadmos, nicht der Sohn des Agenor, sondern der des Pandion, die "Syngrapha", d. h. historische Abhandlungen, was eine gleichsam besondere Gattung ist, erfunden hatte.

21 Darauf folgten die Schüler der Sophisten, die eine reichere, aber verworrene "Historia" hervorbrachten: Thukydides, Herodot, Hellanikus, Pausanias, der Spartaner, und die übrigen, die ein wenig jünger als jene waren und zu Zeiten der Philosophen glänzten.

5,22 Sub Philisco, Isocratis discipulo, Timaeus, qui Olympionicas Chronica opera composuit.

 

23 Apollonius, cuius libri 'Chronici' sunt inscripti.

24 Adiungerem alios, qui variam quoque historiam eo pene tempore scripserunt: Eratosthenem, Theopompum, Philochorum, Ephorum, Ephoriona, Timarchum, Callisthenem, Philarchum, multosque simul poluistoraV, nisi solos requirerem Chronicos, qui fuere, sed Romanis temporibus, etiam apud Graecos multi.

 

5,22 Zur Zeit des Philiskos, des Schülers des Isokrates, wirkte Timaios, der die Olympioniken als Chronik-Werke behandelte.

23 Apollonios, dessen Bücher "Chroniken" heißen.

24 Ich würde noch andere hinzufügen, die vielfältige "Historia" fast zu dieser Zeit schrieben: Eratosthenes, Theopompos, Philochoros, Ephoros, Ephorion, Timarchos, Kallisthenes, Philarchos und viele, die zugleich Polyhistoren waren, wenn ich nicht allein auf die Chronikschreiber abzielen würde, die es auch bei den Griechen zahlreich gab, aber zu Römerzeiten.

5,25 Caeterum qui scire volet, quae Romanis fuerit perpetuitatis cura, genti adeo cupidae gloriae, pontificales illorum libros cogitet publicae memoriae testes fuisse.

 

26 Annales hi erant, quibus, quid quoque anno esset actum, continebatur, ut interim Diaria seu Ephemeridas taceam, plena sunt his etiam trivia.

5,25 Wer übrigens wissen will, welche Sorge um Nachhaltigkeit die Römer, ein geradezu ruhmgeiles Volk, umtrieb, der soll denken, dass deren Pontifikalbücher Zeugen des öffentlichen Gedächtnisses waren.

26 Das waren Annalen, die die Geschehnisse eines jeden Jahres enthielten, um von den Tagebüchern oder Journalen zu schweigen, von denen die Gassen voll sind.

6,1 DIXimus, qui ortus historiae, quam gentibus omnibus diligens custodia memoriae.

2 Modo id, quantum autoritatis historiae praestet, nemo non agnoscit, ut omnis vita, omne studiorum genus indigeat historia, atque isthac in primis, quae certis temporum articulis rem digestam exponit, ea est Chronica, nolo enim putetis in omnibus esse Chronicam frugem, aut diligentiam, quae historiae nomen habent.

 

6,1 Wir haben dargestellt, welchen Anfang die Geschichtsschreibung hatte und wie sorgfältig alle Völker das Gedächtnis bewahrten.

2 Jeder weiß eben, welch großes Ansehen das der Historie verleiht, dass das ganze Leben, jede Art von wissenschaftlicher Tätigkeit die Historie braucht, und zwar vor allem eine solche, die das Geschehen auf bestimmte Epochen verteilt darstellt, d. h. eine Chronik; man soll nämlich nicht glauben, dass in allem der Ertrag oder die Sorgfalt einer Chronik enthalten ist, was den Namen "Historia" trägt.

6,3 Hac una prodesse voluit noster IOANNES NAUCLERUS I.U. DOCTOR illustraturus & gesta & literas Germanorum, quae multos iam annos in tenebris & situ delituerant,

vir literis & fide praestans, quorum alterum sua potuit industria & principum virorum favor, alterum, &si id quoque vere suum, quasi ex traduce accepisse videtur, a patre Ioanne Nauclero, viro equestris ordinis, qui monumenta probitatis suae apud Ludovicum Uracharium Comitem egregia reliquit.

 

 

6,3 Allein mit dieser wollte unser Johannes Nauclerus, Doktor beider Rechte, nützlich sein, als er die Taten und Schriften der Deutschen ins rechte Licht rücken wollte, die schon viele Jahre lang im Dunkel unter Schimmel verborgen waren, er, ein in Wissenschaft und Verlässlichkeit hervorragender Mann, deren ersteres sein Fleiß und die Gunst führender Männer <verschaffen> konnte, deren anderes er, auch wenn er auch das als wirklich Seines, gleichsam aus seiner Weinranke, erhalten zu haben scheint, von seinem Vater Johannes Nauclerus <erhielt>, einem Mann des Ritterstandes, der hervorragende Beweise seiner Tüchtigkeit bei Graf Ludwig von Urach hinterlassen hat.

6,4 Verum ea filii virtus fuit, ut auctis Comitum Urachariorum rebus, primus hic Nauclerus noster esset, cuius honos, cuius opes iure cumularentur.

 

5 Ecclesiae Tubingensi Praepositus, & universitati studiorum Tubingensium Cancellarius dictus est.

6 Tum & publicis & familiaribus commodis PATRIAE PATER succurrens ingentia in Tubingensem ecclesiam beneficia contulit, & fratrem suum Ludovicum, optima indole iuvenem, optimis moribus & literis institutum, ad rem patriae provexit.

 

7 Is ecclesiae Stutgardiensi Praepositus fuit, & ducatus Vuirtembergae Cancellarius.

8 Haec nimirum est vera laus familiae, quae tanta tot viris ex virtute contigit.

 

6,4 Aber die Tüchtigkeit des Sohnes war so groß, dass nach dem Machtzuwachs der Grafen von Urach dieser unser Nauclerus der erste war, dessen Ehre, dessen Reichtum zu Recht zunahmen.

5 Propst der Kirche von Tübingen und Kanzler der Universität Tübingen wurde er genannt.

6 Als Pater Patriae förderte er dann sowohl den öffentlichen als auch den familiären Nutzen und sorgte für gewaltige Vorteile für die Kirche von Tübingen und beförderte auch seinen Bruder Ludwig, einen bestens talentierten jungen Mann mit bestem Charakter und bester Bildung, zum Dienst am Vaterland.

7 Der war Propst der Kirche von Stuttgart und Kanzler des Herzogtums Württemberg.

8 Das ist wirklich echter, gewaltiger Ruhm einer Familie, der so gewaltig, so vielen Männern wegen ihrer Tüchtigkeit zufiel.

6,9 Nam qua oratione praedicandi sunt Ioannes & Georgius, qui post in nomen Nauclerorum transiere, summi viri, e sorore Ioannis, annalium autoris, ac Ludovici, Stutgardiensis Praepositi, geniti.

10 Iuris Doctores, Ioannes, Geppingensis Praepositus, Georgius, ecclesiae Constantiensis Metropolitanae Vicarius, is, cuius magnificentia volumen hoc editum est.

6,9 Denn mit welchen Worten muss man Johannes und Georg preisen, die später in den Namen "Nauclerus" eingetreten sind, Spitzenmänner, Kinder der Schwester des Johannes, des Autors der Annalen, und Ludwigs, des Propstes von Stuttgart.

10 Als Doktoren des Rechts ist Johannes Propst von Göppingen und Georg Vikar der Metropolitankirche von Konstanz; durch die Großzügigkeit des letzteren konnte das vorliegende Werk erscheinen.

6,11 Multum huic domui debent studiosi virtutis, e qua tot exempla laudum simul accipiunt, sive ipsa familiae lumina, optimos viros, admirantur, sive, quas noster hic Ioannes composuit, omnis memoriae tabulas.

 

12 Certo scio, gratus eris, ni ipsa sis immanitate immanior, si cognoris, si legeris, tantum in eis, puto in Chronicis operibus est frugis, ut plane nemo unquam ad veterum studia sine illis aspirare possit.

6,11 Viel verdanken die Leistungswilligen diesem Hause, aus dem sie so viele Beispiele von Ruhm erhalten, sei es, dass sie gerade die Leuchten der Familie bewundern, beste Männer, oder alle Gedächtnistafeln, die dieser unser Johannes zusammengestellt hat.

12 Ich weiß genau, du wirst dankbar sein, falls du nicht schlimmer bist als die Entsetzlichkeit selbst, wenn du merkst, wenn du liest: Solcher Ertrag steckt in den Werken, ich denke den Chroniken, dass wirklich niemand sich jemals einem Geschichtsstudium ohne jene annähern kann.

6,13 Credo, ob hanc caussam dicendi genus est neglectius, ut in promptu cuiquam sit, quod volet.

14 Nam in historico, praesertim Chronico syngraphe, si sit eloquentia, delectat, modo non affectata, si absit, non requirendam censeo.

 

15 Illa oratorum est, quibus nos tanquam architectis ligna cum ramentis, non cortice, non visco purgata, e denso nemore ad egregiam structuram afferimus.

16 Colenda fides est historico, adeoque ut quam absit ab ambitione longissime, 17 & nostra certe historia, quia proba est ac fida, cognosci vult & laudari,

 

18 scitis esse in veterum Graecorum sententia, Ta arista kallista.

6,13 Ich glaube, deshalb wird die Stilfrage ziemlich vernachlässigt, damit einem jeden bereitsteht, was er will.

14 Denn wenn in einer historischen Schrift, besonders einer Chronik, guter Stil vorhanden ist, macht der Spaß, wenn er nicht affektiert ist, wenn er fehlt, denke ich, muss man ihn nicht suchen.

15 Guter Stil ist Sache der Redner, denen wir wie Baumeistern Holz mit Geäst, nicht von Rinde oder Misteln gereinigt aus dem dichten Wald zu einem hervorragenden Bau liefern.

16 Verlässlichkeit muss ein Historiker pflegen, so sehr, dass er möglichst weit von einem Ehrgeiz entfernt ist, 17 und unsere Geschichtsschreibung will sicherlich gelesen und gelobt werden, weil sie tauglich und zuverlässig ist; 18 ihr wisst ja, es heißt in einem Spruch der alten Griechen: "Das Beste ist das Schönste!"

7,1 Si vero quis est ingenio tam immodesto, ut ne dicam stupido, qui placari nolit hisce, si quid fortassis offenderit stilus, aetati condonet, alioqui de se non male meritae.

 

2 Plane si cum reliquis historicis Naucleri opus conferas, quantum fors excellunt nonnulli, & paucissimi quidem, sermonis cultu, tamen hoc superat notandi artificio.

 

 

3 Ita sunt omnia suis divisa temporibus, ita suis aptata locis commode, digesta in annorum numeros & generationum twn genewn catalogos.

4 Ex his, quae Christi ortum praecedunt, ex evangelio descriptae, quae sequuntur, suis trigenariis confectae sunt.

 

7,1 Wenn aber einer so maßlos, um nicht zu sagen: so dumm ist, sich damit nicht zufrieden zu geben, falls der Stil vielleicht etwas aneckt, soll er es dem Alter zuschreiben, das sich ja sonst um ihn wohl verdient gemacht hat.

2 Kurz und gut: wenn man das Werk des Nauclerus mit anderen historischen Schriften vergleicht, übertrifft dieses sie doch durch seine Kunst der treffenden Formulierung in dem Maße, wie vielleicht einige, d. h. sehr wenige, durch gepflegte Sprache herausragen.

3 So ist alles verteilt in die zutreffende Zeit, so steht alles richtig am passenden Ort, den Jahreszahlen und den Generationslisten zugeordnet.

4 Von den Generationen sind die, die Christi Geburt vorausgehen, nach dem Evangelium beschrieben, die danach kommen, werden in der richtigen 30-Jahr-Gruppe behandelt.

7,5 Nihil his commune cum Alcinoi apologis, nil de Comis, nil de Monocrepide Mercurio leges,

 

6 vitam formant & mores, si recte iudicaris, quae hoc opere conscribuntur.

 

7,5 Nichts hat sein Werk mit den Märchen des Alkinoos gemein, nichts liest man von Comis <?>, nichts vom einschuhigen Merkur;

6 wenn man richtig urteilt, formt das, was in diesem Werk dargestellt ist, Leben und Charakter.

7,7 Id, quod es amaturus miro modo, si videris, quae in eo varietas & diligentia, si quando de aliorum scriptis iudicatur.

 

8 Tum id etiam, quom legentur in ista quasi Naucleri bibliotheca innumera, quae apud scriptores reliquos omnino non sunt,

9 adeo nihil hic erit, quod, si diligens expendas, non elegans aliquid sapiat & eruditum.

7,7 Das ist es, was man auf wunderbare Weise lieben wird, wenn man sieht, welche Vielfalt und Sorgfalt darin enthalten ist, wenn man einmal über die Schriften anderer urteilt.

8 Dann auch das, wenn man unzählige Dinge sozusagen in dieser "Bibliothek" des Nauclerus liest, die bei den übrigen Historikern überhaupt nicht vorhanden sind;

9 dann gibt es hier, wenn man sorgfältig abwägt, praktisch nichts, das nicht eleganten und gebildeten Geschmack aufweist.

7,10 Vide igitur, optime lector,

quantum Ioanni Nauclero, Annalium autori, debeas,

quantum Georgio Nauclero, cuius beneficentia nobis id operis contigit, quantum etiam Thomae Anselmo Typographo, cuius ars, cura, & fides, alioqui spectata, hoc uno in opere est spectatissima, qui tam elegantibus formis, aliorum quoque opibus impensis, historiam Naucleri excudit.

 

7,10 Sieh also, bester Leser,

wie viel du Johannes Nauclerus, dem Verfasser der Annalen, schuldest,

wie viel dem Georg Nauclerus, durch dessen Großzügigkeit uns dieses Werk zuteil wurde, wie viel auch dem Drucker Thomas Anshelm, dessen Kunst, Sorgfalt und Zuverlässigkeit, sonst schon vortrefflich, in diesem einen Werk aber besonders, der mit so eleganten Druckformen, unter Einsatz auch fremder Mittel, die Historia des Nauclerus druckt.

7,11 Probe merentur operae precium, kerdoV de filtaton, ut poeta quidam ait.

 

7,11 Zu Recht verdienen sie Lohn für ihre Mühe, "Profit ist das liebste", wie ein bestimmter Dichter sagt.

7,12 Gloria IOANNI NAUCLERO Georgioque & Anselmo Typographo erit multa.

13 VALETE.

7,12 Viel Ruhm werden Johannes und Georg Nauclerus und der Drucker Anshelm ernten. 13 Lebt wohl!

 

Der lateinische Text, den ich von dieser Quelle bezogen habe:

http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00020132/images/index.html?id=00020132&fip=193.174.98.30&no=&seite=1

wurde überprüft anhand von:

Johannes Reuchlin. Briefwechsel, Band III, 1514-1517.

Bearbeitetet von Matthias Dall'Asta und Gerald Dörner. Stuttgart – Bad Cannstatt 2007

 

Meine deutsche Übersetzung habe ich verglichen mit:

Johannes Reuchlin. Briefwechsel, Band 3, 1514-1517.

Leseausgabe in deutscher Übersetzung von Georg Burkard.

Im Auftrag und mit Unterstützung der Stadt Pforzheim

frommann-holzboog, Stuttgart – Bad Cannstatt 2007

 

Herrn Burkard schulde ich Dank: Er hat mich manche eigenen Übersetzungsfehler bemerken lassen; allerdings gibt es auch bei ihm (noch) fragwürdige Stellen.

 

Melanchthon an Camerarius, Sonnwende 1531: negligentius scriptum

Viro optimo Ioachimo Camerario Bambergensi amico summo, Noribergae,

S. D.

Joachim Camerarius, dem besten Mann, dem Bamberger, seinem wichtigsten Freund, in Nürnberg.

Ich grüße Dich.

1,1 Accepi tuam disputationem de praedictionibus Carionis.

2 Quanquam autem iste vehementer affirmat, se nihil praeter siderum positum in consilium adhibere, tamen multis non satis persuadet hoc.

3 Et ars meo quoque iudicio non potest tam diserte de singularibus eventibus pronunciare, sed vir est, quantum ego quidem cognovi, candidus et Suevicae simplicitatis plurimum referens.

4 Misit huc cronika excudenda, sed ea lege, ut ego emendarem.

 

5 Sunt multa scripta neglegentius.

6 Itaque ego totum opus retexo, et quidem germanice, et constitui complecti praecipuas mutationes maximorum imperiorum.

 

7 Ad eam rem tua mihi opera erit opus.

 

1,1 Deine Erörterung über die Vorhersagen Carions habe ich erhalten.

2 Obwohl dieser aber heftig versichert, er ziehe nur Gestirnspositionen zu Rate, kann er viele damit nicht hinlänglich überzeugen.

3 Und auch nach meinem Dafürhalten kann die <astrologische> Kunst Einzelereignisse nicht so präzis vorhersagen; aber der Mann ist, soweit ich wenigstens ihn kenne, in Ordnung und er zeigt sehr viel von schwäbischer Einfachheit.

4 Er hat seine Chronika hierher geschickt zum Druck; aber mit dem Auftrag, ich solle sie verbessern.

5 Es ist viel recht schlampig Geschriebenes.

6 Deshalb webe ich das ganze Werk von Neuem, und zwar auf Deutsch; und ich habe mir vorgenommen, die wichtigsten Veränderungen in den größten Reichen einzubeziehen.

7 Dazu werde ich Deine Mitarbeit brauchen.

<[1] Veranlaßt durch eine Äußerung des C. kritisiert M. die Prognosen des [Johannes] Carion, den er im übrigen schätzt.
[2] Dieser schickte das überaus nachlässig verfaßte Manuskript einer Chronik, das M. vor der Drucklegung überarbeitet.>

2,1 De Hercule valde oro.

2 Ego enim in ea opinione sum, unum tantum Herculem fuisse. 3 Nec multo aliter sentit Herodotus. 4 Rogo igitur te, ut diligenter perscribas mihi, et cuius fuerit Hercules, et quomodo existimes ab illo Alexandrum Macedonem ortum esse, cuius genus valde cupio nosse.

5 Materno genere Aeacides est, sed paterno Isocrates facit Heracliden.

2,1 Des Herkules wegen bitte ich Dich dringend.

2 Ich nämlich habe folgende Meinung, es habe nur einen Herkules gegeben. 3 Nicht viel anderes meint Herodot. 4 Ich bitte Dich also, schreibe mir genau, wessen Kind Herkules war und wie nach Deiner Meinung der Makedone Alexander von jenem abstammte, dessen Abstammung ich sehr gerne wissen will.

5 Mütterlicherseits ist er Aiakide, aber väterlicherseits macht ihn Isokrates zum Herakliden.

<Hierzu bittet er C. um Auskunft über Herakles und über die Abstammung Alexanders des Großen von diesem.>

3,1 Significavi tibi proxime quid Galli responderint nostris.

 

2 Nunc et ex Anglia allatae sunt literae, quas nondum vidi. 3 Verum audio eodem fere argumento scriptas esse:

4 queri de abusibus Ecclesiasticis, et optare synodum, sed aiunt, duriuscule perstringi ipsum doctrinae genus.

5 Neque sane id mirandum est, postquam ita rex a nostro exceptus est.

 

6 Bene vale. 7 Die Solstitiali.

FilippoV.

3,1 Neulich habe ich Dir mitgeteilt, was die Franzosen den Unsrigen geantwortet haben.

2 Jetzt brachte man einen Brief aus England, den ich noch nicht gesehen habe. 3 Ich höre aber, er sei aus fast demselben Grund geschrieben worden:

4 man beklage den kirchlichen Missbrauch und wünsche eine Synode, aber sie sagen, ein wenig hart werde gerade die Art der Lehre getadelt.

5 Und das ist freilich nicht verwunderlich, nachdem der König so von unserem <Luther> aufgenommen worden ist.

6 Leb wohl! 7 Am Sonnwendtag.

Philipp

<[3] Nach dem neulich referierten Brief des [Kg. Franz I.] von Frankreich kam auch einer aus England, der zwar auch ein Konzil befürwortet, aber gegen die [evangelische] Lehre ablehnender ist, was nach [Luthers] Angriff auf Kg. [Heinrich VIII. von England: WA 10/2, 175-222] nicht verwundert.>

Abschrift aus dem Corpus Reformatorum II, Sp. 505, "No. 987"

 

In der kritischen Ausgabe "Melanchthons Briefwechsel. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. Band T 5. Texte 1110-1394 (1531-1533), Stuttgart-Bad Cannstatt (2003)": MBW 1159

 

Melanchthon an Camerarius, 1531-07-26: Franken

Ioachimo Camerario, amico suo summo, Noribergae,

S. D.

Joachim Camerarius, seinem wichtigsten Freund, in Nürnberg

Ich grüße Dich.

1,1 De illo necessario nostro nescio quomodo oblitus sum ad te scribere, cum quidem id saepe facere constituissem, sed nunc possum certiora perscribere, postquam fuit apud eum Ambrosius civis noster. 2 Is exposuit ei de liberis, quorum ego filium natu maximum apud me habeo, alterum habet Lutherus. 3 Tertium puerum alit hic quaedam honesta mulier. 4 Uxor videtur illum libenter receptura, si redierit, sed ut ex Ambrosio accipio, non cupit redire, et uxorem ad se proficisci mavult; de ea re aget cum muliere Ambrosius. 5 Sed ego vereor, ut sit ex patria discessura, praesertim postquam semel a viro deserta est, et idem periculum alibi metuet.

 

6 Huc accedit, quod propemodum videtur gaudere mulier, quod occasionem nacta sit excutiendi mariti.

7 Nam ego ita statuo, praecipuam causam fuisse domesticam discordiam huius exilii. 8 Quod si adduci tamen mulier poterit, ut ad virum proficiscatur, tota res perfecta erit.

9 Nam de liberis nihil est quod angatur, tractantur enim melius et liberalius apud nos, quam apud patrem tractari possent: 10 sin autem mulier discedere non volet, de qua re postea certiorem te reddam, et scribet ad ipsum Ambrosius, reliquum erit, ut si ad vos ille venerit, auctores ei sitis, ut huc redeat.

 

 

11 Nam cum creditoribus transigere poterimus, sed intelligo omnino eum in hac sententia esse, ne redeat, fortassis pudore prohibetur, quanquam facile consenescunt tales sermones.

12 Illud magis me sollicitum habet, quod homo desidiosus nihil unquam suscepturus videtur, quo possit tolerare quotidianos sumptus.

1,1 Irgendwie habe ich vergessen, dir über jenen Freund von uns zu schreiben, obwohl ich das oft vorhatte, aber jetzt kann ich Genaueres schreiben, nachdem unser Mitbürger Ambrosius bei ihm war. 2 Der machte ihm Mitteilung über die Söhne, deren ältesten ich bei mir habe, den anderen hat Luther. 3 Den dritten Knaben zieht hier eine ehrbare Frau auf. 4 Seine Frau würde jenen anscheinend gerne wieder aufnehmen, wenn er zurückkommt, aber, wie ich von Ambrosius höre, will er das nicht, will lieber, dass seine Frau zu ihm kommt; Ambrosius verhandelt darüber mit der Frau. 5 Ich fürchte aber, sie wird die Heimat nicht verlassen, zumal sie einmal von einem Mann verlassen wurde und sie dieselbe Gefahr anderswo befürchtet.

6 Dazu kommt, dass sich die Frau fast zu freuen scheint, die Gelegenheit erhalten zu haben, den Ehemann hinauszuwerfen.

7 Ich nämlich stelle fest, Hauptgrund für dieses Exil war die Zwietracht im Hause. 8 Wenn man die Frau trotzdem dazu bringen kann, zum Mann zu gehen, ist die ganze Sache perfekt.

9 Um die Kinder muss sie keine Angst haben, sie werden nämlich besser und großzügiger bei uns behandelt, als sie beim Vater behandelt werden könnten: 10 wenn die Frau aber nicht weggehen will, worüber ich dir später noch Bescheid sage und Ambrosius ihm selbst schreiben wird, dann bleibt nur, dass ihr, falls er zu euch kommt, ihn veranlasst, hierher zurückzukommen.

11 Denn mit den Gläubigern können wir einig werden, ich weiß aber, dass er völlig bei dieser Meinung verharrt, nicht zurückzukommen, vielleicht hindert ihn die Scham, obwohl ja solches Geschwätz leicht verstummt. 12 Jener Umstand beunruhigt mich mehr, dass der faule Kerl nie etwas bekommen wird, mit dem er seine täglichen Unkosten bestreiten kann.

 

<[1] Über den Juden Bernhard, der wegen Schulden seine Familie verlassen hat, worauf seine drei Kinder von M., Luther und einer Frau [NN] aufgenommen wurden und Ambrosius [Reuter] zwischen ihm und seiner Frau zu vermitteln suchte.>

2,1 Haec de hac re. 2 Caesar Spirae conventum indicit, qui meo iudicio accendet hos tumultus. 3 Nihil enim expecto pacati, nisi Deus nos respexerit. 4 Ac contra iam accidere quidam putant quam antea, ut Caesarem dehortetur frater a violentis consiliis.

5 Nos tamen nunc etiam speremus sane melius, et sentiamus commodius.

 

6 Mitto tibi Isocratis orationem, quam Georgius exercitii causa vertit, expectat eam typographus, quare te rogo, ut ei quam primum mittas. 7 Eiusmodi opus est, quod sine magno periculo suo ille more corrumpere poterit. 8 In supputationibus illis non asscripseras annos. 9 Itaque diversos annos quaerere Milichius cogebatur.

2,1 Soweit das. 2 Der Kaiser sagt einen Reichstag in Speyer an, der meines Erachtens dieses Chaos fördern wird. 3 Ich erwarte nämlich nur Frieden, wenn Gott auf uns schaut. 4 Und manche meinen, es werde das Gegenteil von früher geschehen, dass nämlich der Bruder dem Kaiser von Gewaltplänen abrät. 5 Hoffen wir jetzt trotzdem noch auf Besseres und denken wir optimistischer!
6 Ich schicke dir die Isokrates-Rede, die Georg übungshalber übersetzt hat; der Drucker erwartet sie, deshalb bitte ich dich, sie ihm baldmöglichst zu schicken. 7 Er braucht so etwas, was er ohne große Gefahr wie üblich verderben kann. 8 Bei jenen Berechnungen hattest du keine Jahre dazugeschrieben. 9 Deshalb musste Milichius verschieden Jahre suchen.

 

<[2] Der Kaiser hat einen Reichstag nach Speyer einberufen. M. hat keine Friedenshoffnung. Anders als [1529] scheint jetzt [Kg. Ferdinand] von Gewalt abzuraten.
[3] Anbei eine von Georg [Sabinus] übersetzte Rede des Isokrates [ad Philippum de concordia ...] zur Weiterleitung an [Johannes] Setzer [in Hagenau], der seine gewohnten Druckfehler hineinbringen kann.
[4] Da C. keine Jahreszahlen angab, mußte [Jakob] Milichius suchen.>

3,1 Gratulor tibi filium esse natum, ac precor Deum, ut et te et uxorem tuam, lectissimam feminam, et filium et filias servet incolumes. 2 Videtur inter has constitutiones, altera esse filii genesis, in qua Mars est in Horoscopo, quem tamen subsequens Saturnus reddit contatiorem, sed de his aliquando coram.

 

3 De valetudine tua sum sane sollicitus, et audio te periculose decubuisse; 4 mihi videtur fluxus non posse sine periculo obstrui, quare etsi hoc quoque molestum est, lenibus remediis velim te eum moderari.

5 Obsecro te de hac re disputes cum medicis istic.

 

 

 

3,1 Ich gratuliere dir zur Geburt deines Sohnes und bitte Gott, dich und deine Gattin, diese Prachtsfrau, deinen Sohn und deine Töchter heil zu bewahren. 2 Bei diesem Zustand scheint die Nativität des Sohnes anders zu sein, in der Mars im Aszendenten steht, den der folgende Saturn trotzdem langsamer macht; aber davon irgendwann unter vier Augen.

3 Über deine Gesundheit bin ich ganz beunruhigt, und ich höre, du seist gefährlich darniedergelegen; 4 ich meine, Fluss kann man nicht ohne Gefahr verstopfen; deshalb linderst du ihn hoffentlich mit leichten Medikamenten, auch wenn auch das lästig ist. 5  Ich beschwöre dich: Sprich darüber dort mit deinen Ärzten!

 

<[5] Glückwunsch zur Geburt des Sohnes [Johannes], Segenswunsch für Frau [Anna] und Töchter [Anna und Magdalena]. Zum Horoskop.
[6] Sorge um des C. krankes Bein.>

4,1 Ego laboribus et curis miserrimis conficior, ut recte responderit vester Astrologus, me morti vicinum esse, quam ego quidem mihi saepius quam vitam opto.

4,1 Mich machen Mühen und ganz schlimme Sorgen fertig, wie wohl euer Astrologe richtig geantwortet hat, ich sei dem Tod nahe, den ich mir allerdings öfters als das Leben wünsche.

 

<[7] M. ist erschöpft und wünscht den von [Johannes Schöner] geweissagten Tod.>

5,1 De monacho qui peperit, vera est fama, fuit in Marchia quidam praepositus Monialium ermafroditoV, cuius continentia mirificam admirationem habuit, alla sofwtatai martureV hmerai ait Pindarus.

 

5,1 Das Gerücht über den Mönch, der geboren hat, stimmt; es gab in der Mark einen Mönchspropst, einen Hermaphroditen, dessen Beherrschung wunderbare Bewunderung fand, "aber die weisesten Zeugen sind die Tage", sagt Pindar.

 

<[8] Ein märkischer Mönch [NN], der geboren hat.>

6,1 Spengleri salutem Christo commendemus, qui utinam servet incolumem Reipublicae vestrae virum optimum et amantem patriae.

2 Scripsit ad me Simon Grynaeus his diebus et opinor eum ad te quoque scripsisse. 3 Iubet enim, ut cum respondero, ad te mittam.

 

4 Fuit in Anglia, inde affert ad me zhthma peri gamou basilewV, magnam profecto, periculosam et difficilem controversiam, de qua cum respondero, mittam ad te meum scriptum, ut tu ad Grynaeum transmittas, tum poteris si voles totam rem cognoscere.

 

 

 

6,1 Spenglers Wohlergehen wollen wir Christus anheimstellen; hoffentlich bewahrt er den besten Mann und Patrioten für euren Staat heil!

2 Dieser Tage hat mir Simon Grynaeus geschrieben, und er hat, glaube ich, auch dir geschrieben. 3 Er trägt mir nämlich auf, sobald ich geantwortet habe, es dir zu schicken.

4 Er war in England, von dort bringt er mir eine Anfrage über die Ehe des Königs, in der Tat eine große, gefährliche und schwierige Streitfrage; wenn ich da Bescheid erteilt habe, schicke ich dir meinen Text; übermittle du ihn an Grynaeus, dann kannst du, wenn du willst, den ganzen Sachverhalt erfahren.

 

<[9] Genesungswunsch für [Lazarus] Spengler.
[10] Simon Grynaeus schrieb an M. um ein Gutachten über die Ehe[scheidung] des Kg. [Heinrich VIII.] von England, das M. dem C. zustellen wird.>

7,1 De Hercule plane mihi satisfactum est, ego unum aliquem et quidem illum Thebanum Amphitryonis extitisse arbitror, qui fama rerum gestarum occasionem fingendi aliis dederit, qui plures Hercules commenti sunt.

2 Neque haec graecis tantum licentia concessa est, fingunt similia nunc quoque nostri homines.

7,1 Über Hercules weiß ich nun genug Bescheid; ich glaube, dass es einen einzigen und zwar jenen thebanischen Sohn des Amphitryon gab, der durch den Ruf seiner Taten anderen die Gelegenheit zum Dichten gab, die mehr "Herculesse" erdichteten. 2 Und das dürfen ja nicht nur die Griechen tun, Ähnliches erdichten auch jetzt unsere Leute.

 

<[11] Über Herakles.>

8,1 De Francis tuis haud dubie falsum est eos a Baltico exortos esse, fuerunt enim vicini Alpibus, sicut Boii Strabonis tempore.

2 Et Livius in Hannibalis transitu mentionem Branci facit, qui bellum gessit cum Allobrogibus. 3 Habeo multa argumenta, quae fidem minime dubiam faciunt, primas sedes Francorum in hac superiore Germania fuisse, fere iisdem locis, quae nunc sunt Francorum.

4 Strabo BregkouV scribit, Vindelicis vicinos, et nescio quibus aliis, non enim vacat inspicere librum. 5 Itaque te non insertum alienae genti, sed vere Francum dici et haberi volo.

 

6 Idque disputabo in cronikoiV in Carolo, quem ornabo quantum potero.

 

8,1 Bezüglich deiner Franken ist es zweifelsohne falsch, dass sie vom Baltikum stammen, sie waren nämlich Nachbarn der Alpen, so wie die Bojer zu Strabons Zeit. 2 Auch Livius erwähnt bei Hannibals Überquerung einen Brancus, der mit den Allobrogern Krieg führte. 3 Ich habe viele ganz verlässliche Argumente dafür, dass die ersten Wohnsitze der Franken in diesem Obergermanien waren, fast an denselben Orten, die jetzt den Franken gehören.

4 Strabo schreibt "Brenkous", Nachbarn der Vindeliker und irgendwelcher anderer; ich kann nämlich nicht im Buch nachschauen. 5 Deshalb will ich dich nicht für einen Einschub in ein fremdes Volk, sondern für einen wahren Franken halten und so nennen.

6 Das erörtere ich in der "Chronik" bei Karl, den ich loben werde, soviel ich nur kann.

 

<[12] Über die Herkunft der Franken, die M. in der Chronik [des Johannes Carion] bei Karl [dem Großen] behandeln wird.>

9,1 Nescio an omnia scripserim, quae volui, cum quidem aliud ex alio sine ordine in mentem venerit inter scribendum, teque oro, ut veniam des huic meae negligentiae, sed nosti meas miserias, quibus condonare te haec quoque existimo.

2 Si quid de EllofoiV illis habes, scribito, etsi eius gentis fides prorsus incerta est.

9,1 Ich weiß nicht, ob ich alles geschrieben habe, was ich wollte, da mir eines nach dem anderen ohne Ordnung in den Sinn gekommen ist beim Schreiben, und ich bitte dich, dass du mir meine Schlampigkeit nachsiehst, aber du kennst ja meine Not, der du auch das, glaube ich, nachsiehst. 2 Wenn du etwas über jene Franzosen hast, schreibe es, auch wenn die Zuverlässigkeit dieses Volks ganz unsicher ist.

<[13] M. entschuldigt die Unordnung dieses Briefes.
[14] Er bittet um Nachrichten über die treulosen Franzosen.>

10,1 Hic ferunt filium Gallici regis Caesari conditiones, quas pater approbavit, renunciare, et alia multa, quae me nihil movent.

 

 

10,1 Hier erzählt man, der Sohn des Königs von Frankreich kündige dem Kaiser die Bedingungen, mit denen der Vater einverstanden war, auf, und noch viel mehr, was mir egal ist.

 

<Kg. [Franz' I.] von Frankreich Sohn [François] soll sich von den mit dem Kaiser geschlossenen Verträgen distanziert haben.>

11,1 Mihi Dei beneficio filia nata est matre incolumi, ac caetera quidem in genesi bene habent, hoc mihi displicet, quod falcigero Venus est non bene iuncta seni, et Mars horribiliter aspicit domum octavam ex tetragono.

 

2 Sed Christus est dominus, cui omnia subiecta sunt, etiam astra.

3 Tu vale felicissime.

4 Postridie Iacobi.

FilippoV.

 

11,1 Mir wurde durch Gottes Wohltat eine Tochter geboren; die Mutter ist wohlauf; und das übrige in der Nativität ist gut, es missfällt mir aber, dass die Venus mit dem sicheltragenden Alten nicht gut verbunden ist und der Mars im Vierschein grässlich aufs achte Haus schaut. 2 Aber Christus ist der Herr, dem alles unterworfen ist, auch die Sterne.

3 Leb wohl und sei ganz glücklich!

4 Am Tag nach Jakobi.

Philipp

 

<[15] M.s Tochter [Magdalena] wurde geboren. Die Mutter ist wohlauf. Doch das Horoskop bereitet Sorgen.>

Corpus Reformatorum II, Sp. 514ff., "No. 995"

Melanchthon an Carion, 1531-08-17: opus tuum

Dieser Brief ist im Corpus Reformatorum nicht enthalten. Er wird bei Warburg, S. 204ff. besprochen und übersetzt, das lateinische Original zitiert Warburg im Anhang S. 269

Über den Fund des Briefes teilt Warburg folgendes mit: "Auf der Suche nach Carions Briefen verwies mich die Sammlung von Johannes Voigt auf das Staatsarchiv zu Königsberg und diesem verdanke ich die Möglichkeit, eine Reihe von seinen Briefen in der Hamburgischen Stadtbibliothek studieren zu können. Dabei fand sich als Beilage ein lateinisches Schreiben, das Melanchthon am 17. August 1531 an ihn richtete. Dank der Freundschaft von Prof. Flemming in Pforta konnte ich den lateinischen Text unter Benutzung der Textverbesserungen von Nikolaus Müller + sicherstellen."

Links der von Warburg zitierte Text, rechts seine "freie Übersetzung", wie er sagt; sie ist aber recht wörtlich.

Viro doctissimo / D. Johanni Carioni / philosopho, amico et / conterreaneo suo / Carissimo. / Zu eigen handen /

Dem hochgelehrten Herrn Johann Carion, dem Philosophen, seinem Freund und lieben Landsmann "zu eigen handen".

... ornare honestissimis laudibus conatus sum. Quid / assecutus sim aliorum sit iudicium.

... Ich habe versucht, [den Text] mit den angesehensten Zitaten auszustatten. Was ich erreicht habe, mögen andere beurteilen.

Dictum Heliae extat non in Biblijs, sed apud / Rabinos, et est celeberrimum. Burgensis <Anm. 135: ausführliche Erklärung der Textquelle> / allegat, et disputat ex eo contra Judaeos / quod Messias apparuerit.

Receptissima apud / Ebraeos sentencia est, et a me posita / in principio tuae historiae [Carions Chronica], vt omnibus / fieret notissima et afferret commendationem / tuo operi. Tales locos multos dein / ceps admiscebo. vides autem prorsus esse / propheticam vocem. Tam concinna temporum / distributio est. /

Der Spruch des Elias kommt nicht in der Bibel vor, sondern bei den Rabbinen und ist sehr berühmt. Burgensis (Paulus) <Anm. 6: Stellennachweis> zitiert ihn und verficht unter Berufung auf ihn gegen die Juden (die Ansicht), daß der Messias schon erschienen sei. Den Hebräern ist dieser Ausspruch sehr geläufig und von mir an den Anfang Deiner Historia [Carions Chronica] gesetzt, um allgemeiner bekannt zu werden und Deinem Werke Empfehlung zu verschaffen. Solche Zitate werde ich später noch viele hinzusetzen. Du siehst (aber), wie die prophetische Stimme vorausweist; so zutreffend (concinna; harmonisch?) ist die Verteilung der Zeitalter.

Historiam, vt spero, hac hyeme absoluemus / Nam hactenus fui impeditus recognitione meae Apologiae <Anm. 136: Textnachweis>, quam in certis locis / feci meliorem. sed vix credas quam / tenui valetudine vtar, consumor enim / curis, et laboribus. /

Die Historia werden wir diesen Winter, wie ich hoffe, vollenden, denn bis jetzt wurde ich durch die Überarbeitung meiner Apologie, die ich an einzelnen Stellen verbesserte, daran verhindert. Du glaubst kaum, wie schwach meine Gesundheit ist; ich werde auch durch Sorge und Arbeit aufgerieben.

Mea vxor, dei beneficio filiam enixa est, / cuius Thema tibi mitto, non vt faciam / tibi negocium, video enim monacham fore ¦

Meine Frau genas mit Gottes Hülfe einer Tochter, deren Geburtszeit (Thema) ich Dir schicke, nicht etwa, um Dir Mühe zu machen. Ich sehe nämlich, dass sie Nonne werden wird <Anm. 7: Nachweis des Melanchthon-Briefs>.

... Cometen vidimus diebus plus octo. Tu / quid iudicas.

videtur supra cancrum / constitisse occidit enim statim post solem, / et paulo ante solem exoritur. /

Quod si ruberet, magis / me terreret. Haud dubie principum / mortem significat.

 

Sed videtur / caudam vertere versus poloniam. / Sed expecto tuum iudicium. Amabo te / significa mihi quid sencias. /

Seit mehr als acht Tagen sehen wir einen Kometen. Wie urteilst Du darüber?

Er scheint über dem Krebs zu stehen, da er gleich nach der Sonne untergeht und kurz vor Sonnenaufgang aufgeht.

Wenn er eine rote Farbe hätte, würde er mich mehr erschrecken. Ohne Zweifel bedeutet er den Tod von Fürsten,

er scheint aber den Schweif nach Polen zu wenden. Aber ich erwarte Dein Urteil. ich wäre Dir von ganzem Herzen dankbar, wenn Du mir mitteiltest, was Du meinst.

Nunc venio ad hodiernas literas. Si / scirem aliquid de nostrorum aduersariorum / conatibus, totum tibi scriberem, / quidquid illud esset. Nihil enim opus / est nos celare aduersariorum <Anm. 137: Kommentar über Carions von Melanchthon angenommene Parteizugehörigkeit> consilia, / magis prodest nobis ea traducere. /

Nun komme ich zu den heutigen Mitteilungen. Wenn ich etwas über die Versuche unserer Gegner wüßte, so würde ich Dir alles schreiben, was daran wäre, denn wir brauchen die Pläne unserer Gegner nicht zu verbergen; für uns ist im Gegenteil nützlicher, sie zu enthüllen.

Nihil itaque certi audiui diu iam de / vllo apparatu, preter suspiciones quas / concipiunt nostri propter illum exiguum numerum / peditum qui sunt in Frisia.

Fortasse / pretextu belli Danici, nos quoque adoriri / cogitant.

At Palatinus et Moguntinus ¦ iam agunt de pacificatione cum nostris, etsi / ego spem pacis nullam habeo,

 

moueor enim non / solum astrologicis predictionibus sed etiam vaticiniis tuis. /

Ich habe nämlich schon lange nichts Sicheres über irgendwelche Vorbereitungen gehört, außer Befürchtungen, die die unsrigen hegen wegen jener [nicht?] kleinen Anzahl von Fußsoldaten, die in Friesland sind. Vielleicht denken sie daran, unter dem Vorwand des dänischen Krieges auch über uns herzufallen. Aber der Pfälzer und der Mainzer verhandeln mit den Unsrigen schon über friedliche Beilegung, obwohl ich keine Friedenhoffnungen habe.

Ich werde nämlich nicht allein durch astrologische Voraussagen beeindruckt, sondern auch durch deine Weissagungen.

Hasfurd predixit Regi chrestierno <Anm. 138: Erklärung zu Haßfurts Berufung zum König Christian> reditum hone / stum, Schepperus negat rediturum esse.

Sed / me non mouet Schepperus. Sepe enim fallitur. / predixit item Hasfurd Landgrauio maximas vi / ctorias. Et quidam ciuis Smalcaldensis / mihi notus habuit mirabile visum, de / his motibus quod vaticinium plurimi / facio.

 

Catastrophen satis mollem habet. / Sed tamen significat perculsos terrore / aduersarios nostros illi Leoni cedere.

Quaedam / mulier in Kizingen de Ferdinando / horribilia predixit, quomodo bellum / contra nos moturus sit, sed ipsi infoelix /

In Belgico quaedam virgo Caesari / eciam vaticinata est, quae tamen non satis / habeo explorata.

 

Omnino puto motum / aliquem fore.

Et deum oro, vt ipse guber / net, et det bonum exitum vtilem Ecclesiae / et reipublicae.

Ego ante annum laborabam / diligenter vt nobiscum pacem facerent.

Quod / si fecissent, minus esset turbarum in Sue / uia, quae magna ex parte iam amplectitur / Helueticam theologiam et licentiam.

Sed Campegius ¦ cupit inuoluere et implicare Caesarem germanico / bello, vt vires eius labefactent, et Campegij / consilium probant nonnulli odio nostri priuato. /

Haßfurt sagte dem König Christian eine ehrenvolle Rückkehr voraus.

 

Schepperus leugnet, daß er zurückkommen würde. Auf mich macht Schepperus keinen Eindruck. Er täuscht sich oft. Haßfurt sagte auch dem Landgrafen die größten Siege voraus und ein Bürger in Schmalkalden, der mir bekannt ist, hatte ein Wundergesicht über diese (politischen) Unruhen, eine Weissagung, auf die ich den größten Wert lege. Sie enthält die Voraussage auf eine glimpflich verlaufende Katastrophe, deutet dabei aber doch an, daß unsere Gegner, von Schrecken gepackt, jenem Löwen [dem hessischen Landgrafen] weichen. Ein Weib in Kitzingen hat Schreckliches über Ferdinand vorausgesagt. Er werde Krieg gegen uns führen, der für ihn aber unglücklicher verlaufen werde.

In Belgien hat eine Jungfrau dem Kaiser auch geweissagt, was ich aber noch nicht genügend nachgeprüft habe.

Im ganzen meine ich, daß irgend eine Bewegung auftreten wird und ich flehe zu Gott, daß er sie zu gutem Ende lenkt und ihr einen der Kirche und dem Staate günstigen Ausgang verleiht.

Ich arbeitete schon vor Jahresfrist eifrig daran, daß sie mit uns Frieden machten. Hätten sie es getan, dann würde es weniger Aufruhr in Schwaben geben, das (jetzt) zum großen Teil der Schweizer Theologie und Vermessenheit (licentia) anhängt. Aber Campeggi will den Kaiser in einen deutschen Krieg hineinreißen und verstricken, um seine Macht zu erschüttern, und die Ratschläge des Campeggi billigen einige aus persönlichem Hass gegen die Unsrigen.

Sed deus habet iustum oculum. Nos enim certe / nihil mali docuimus. et libera / uimus multas bonas mentes a multis / perniciosis erroribus.

Sabinus mittit tibi prefaci / onem <Anm. 139: Vermutung eines Zusammenhangs mit Johannes de Sacro Busto> meam de laudibus astronomiae et Astro / logiae, de qua expecto quid sencias.

Gottes Auge aber ist gerecht. Wir haben sicherlich nichts Schlechtes gelehrt und befreiten viele fromme Seelen von vielen verderblichen Irrlehren.

Sabinus schickt dir meine Vorrede über das Lob der Astronomie und Astrologie, über die ich Dein Urteil erwarte.

Bene vale / donerstag post Assumptionem b. Marie 1531 / Remitto tibi literas Sabini (hierauf folgen 2 bis 3 ausgestrichene Wörter). FilippoV. /

Lebe wohl. Am Donnerstag nach Mariae Himmelfahrt 1531. Ich schicke Dir die Briefe des Sabinus zurück. ... Phílippos.

Darunter gibt Warburg noch einen kritischen Apparat; unter diesem heißt es noch:
"Original, 2 Folioblätter mit erhaltener Siegelabdruckstelle
<Anm. 140>. Bei dem ersten Blatt fehlt das oberste Stück mit etwa 4-5 Zeilen auf jeder Seite.
Königsberg, Herzogliches Briefarchiv A. Z. 3. 35. 125 (II)."

<Rot meine Änderungen nach eigener Lektüre.>

 

Melanchthon an Camerarius, 1531-08-18: Komet

Viro clariss<imo>. Ioachimo Camerario Bambergensi amico suo summo

S. D.

Dem hochberühmten Joachim Camerarius aus Bamberg, seinem wichtigsten Freund

Ich grüße Dich.

1,1 Erfordiensis senatus deliberat de restituenda schola, et iussit magistros, qui ibi reliqui sunt, suam sententiam de ea re dicere. 2 Hi censuerunt hanc fore aptissimam rationem suscipiendae rei, si tu et Eobanus revocaremini.

3 Quanquam autem video quosdam certo consilio dare operam, ut res extrahatur, tamen existimo aliquando processuram esse.

4 Ego sum hortatus nostrum timwna, ut quantum posset, ageret de vobis revocandis, et mihi promisit se hoc sedulo facturum esse. 5 Omnino, si fieri Deus velit, videris mihi libentius futurus Erfordiae, quam in Norico, et huius meae suspicionis habeo plurimas coniecturas.

6 Tu tamen mihi de hac re scribito, quid habeas animi.

 

1,1 Der Rat von Erfurt berät über die Wiederherstellung der Schule und lässt die Lehrer, die dort übrig sind, ihre Meinung darüber äußern. 2 Die stimmten dafür, die beste Art, die Sache zu bewerkstelligen, sei, dich und Eobanus zu berufen. 3 Obwohl ich sehe, dass sich manche in fester Absicht darum bemühen, die Sache in die Länge zu ziehen, glaube ich doch, dass sie vorankommen wird. 4 Ich habe unsern Timon ermahnt, für eure Berufung nach Vermögen einzutreten, und er hat mir versprochen, das fleißig zu tun. 5 Insgesamt scheinst du, wenn Gott es so haben will, lieber in Erfurt als in Noricum zu sein, und für diesen Verdacht habe ich sehr viele Vermutungen. 6 Schreib mir darüber trotzdem, was du denkst.

 

<[1] Der Erfurter Rat will die Universität neu einrichten; C. und Eobanus [Hessus] sollen berufen werden; M. hat [Hieronymus Schurff] gebeten, dies zu fördern.>

2,1 Vidimus cometen, qui per dies amplius decem iam se ostendit in occasu Solstitiali. 2 Videtur autem supra Cancrum aut extremam Geminorum partem positus. 3 Nam occidit post solem horis fere duabus et mane, paulo ante solis ortum in oriente prodit, ita cum coelo circumagitur, proprium motum quem habeat quaerimus.

4 Est autem colore candido, nisi si quando nubes eum pallidiorem reddunt.

5 Caudam vertit versus Orientem. 6 Mihi quidem videtur minari his nostris regionibus, et propemodum ad ortum meridianum vertere caudam. 7 Non vidi antea cometen ullum, et descriptiones hoc non diserte exprimunt.

8 Erigit caudam supra reliquum corpus.

9 Quidam affirmant esse ex illo genere, quos vocat Plinius xifiaV, quia sit acuta cauda.

10 Id ego non potui oculis iudicare.

 

11 Quaeso te ut mihi scribas, an apud vos etiam conspectus sit, quod non opinor, distat enim a terra vix duobus gradibus, si tamen conspectus est, describe diligenter, et quid iudicet Schonerus, significato.

 

12 Bene vale, XIIII. Calend. Septemb.

2,1 Wir haben einen Kometen gesehen, der sich schon mehr als zehn Tage am Sonnwend-Untergang zeigt. 2 Man sieht ihn über dem Krebs oder dem Ende der Zwillinge. 3 Denn er geht etwa zwei Stunden nach der Sonne unter und geht kurz vor der Sonne im Osten auf, er bewegt sich so mit dem Himmel; wir fragen uns, welche Eigenbewegung er hat. 4 Er ist von weißer Farbe, außer wenn Wolken ihn noch blasser machen.

5 Sein Schweif zeigt nach Osten. 6 Mir allerdings scheint er unsere Gegenden zu bedrohen und seinen Schweif fast nach Südosten zu richten. 7 Ich habe bisher keinen Kometen gesehen, und die Beschreibungen äußern sich darüber ungenau. 8 Er reckt seinen Schweif über den restlichen Körper. 9 Manche versichern, er sei von jener Art, die Plinius "schwertförmig" nennt, weil er einen spitzen Schweif hat. 10 Ich konnte das mit meinen Augen nicht beurteilen.

11 Schreib mir bitte, ob man ihn auch bei euch gesehen hat; ich vermute das nicht, er ist nämlich von der Erde kaum zwei Grad entfernt; wenn man ihn trotzdem sehen konnte, dann beschreib ihn sorgfältig, und teile mir mit, was Schonerus darüber denkt.

12 Leb wohl; 19. August.

 

<[2] Bericht über die Beobachtung des [Halley'schen] Kometen; C. soll schreiben, wie [Johannes] Schöner diesen beurteilt.>

3,1 Scripseram hanc epistolam, cum accipio peri basilewV twn danwn tou fugadoV, habere eum exercitum, et facturum irruptionem in Daniam, ea res utinam non commoveat totam Germaniam. 2 Audio et Ferdinandum habere exercitum; si quid scis, scribe.

Philippus.

 

3,1 Gerade habe ich den Brief fertig geschrieben, da erfahre ich vom flüchtigen Dänenkönig, er habe ein Heer und wolle nach Dänemark einfallen; hoffentlich versetzt die Sache nicht ganz Deutschland in Unruhe. 2 Ich höre, auch Ferdinand habe ein Heer; wenn du was weißt, schreib!

Philipp

 

<[3] M. hat soeben Nachrichten über die Kriegsvorbereitungen des vertriebenen Kg. [Christian II.] von Dänemark erhalten; auch [Kg.] Ferdinand soll ein Heer haben.>

Corpus Reformatorum II, Sp. 518f., "No. 998"

<Dickdruck von mir.>

Melanchthon an Corvinus, 1532-01: Farrago

(mense Ian.)

Antonio Corvino, Pastori Ecclesiae Wicenhusianae,

S. D.

Januar

An Anton Corvinus, Pastor der Kirche von Wickenhausen

Ich grüße Dich.

1,1 Valde me delectarunt literae tuae, mi Corvine, non tantum hoc nomine, quod significas, te iam olim meae amicitiae cupidum esse, sed etiam propter genus orationis liberale et perspicuum, quod, quantum amem, nullis verbis consequi possum.

 

2 Et cum ex oratione soleam de ingeniis coniecturam facere, non possum te non amare, etsi esses alienissimus, propter hanc orationis atque ingenii suavitatem.

 

3 Quare velim, ita tibi persuadeas, me tui amantissimum esse.

4 Idque summo studio ac fide, si qua in re potero, declarabo.

 

 

 

1,1 Über Deinen Brief habe ich mich sehr gefreut, mein lieber Corvinus, nicht nur deshalb, weil Du zeigst, dass Du schon lange mit mir befreundet sein wolltest, sondern auch wegen Deiner offenen und deutlichen Art zu reden. Wie sehr ich die mag, kann ich gar nicht sagen.

2 Da ich normalerweise von der Rede auf den Geist einer Person schließe, muss ich Dich lieben, auch wenn Du ganz fremd wärst, wegen dieses Charmes Deiner Rede und Deines Geistes.

3 Sei deshalb davon überzeugt, dass ich Dein innigster Freund bin.

4 Wenn irgend möglich, so versichere ich Dir das mit größtem Eifer und aus ganzem Herzen.

 

<[1] M. bekundet seine Freude über den [ersten] Brief des C. an ihn und versichert C. seiner Freundschaft.>

2,1 Viduae mulieris causam commendavimus Lutherus  et ego Pastori nostro Pomerano. 2 Audio, Legatum pertenuem fuisse, habet tamen mulier a nostris viaticum, et a me et Pomerano hospitaliter tractata est.

2,1 Die Angelegenheit der Witwe haben wir, Luther und ich, unserem Pastor Pomeranus übergeben. 2 Ich höre, das Vermächtnis sei äußerst schmal gewesen; die Frau hat trotzdem von unseren Leuten ein Weggeld erhalten, und sie ist von mir und Pomeranus freundlich behandelt worden.

 

<[2] Die Sache der Witwe [NN], die von M. und Bugenhagen gastfreundlich aufgenommen wurde, haben Luther und M. Bugenhagen anvertraut.>

3,1 Mitto tibi cronikon , in quo etsi sunt mei quidam loci, tamen ipsa operis sylva non est mea.

2 Misit enim Carion ad me farraginem quandam negligentius coacervatam, quae a me disposita est, quantum quidem in compendio fieri potuit.

 

3 In fine adieci tabellam annorum mundi utilem et veram, quam spero tibi et aliis doctis placituram esse.

4 Et si recudent opus nostri calkografoi, addam ex Ptolemaeo testimonia.

 

 

 

 

3,1 Ich schicke Dir das Chronikon; auch wenn manche Hauptstellen von mir stammen, so stammt doch die Substanz des Werkes nicht von mir.

2 Carion hat mir nämlich eine Art Stoffsammlung geschickt, recht schlampig zusammengesammelt, die ich geordnet habe, soweit sich das bei einem Handbuch machen ließ.

3 Am Ende habe ich eine nützliche und stimmende Tabelle der Weltjahre angefügt, die Dir und anderen Fachleuten hoffentlich gefallen wird.

4 Und wenn unsere Drucker das Werk neu auflegen, füge ich noch Zeugnisse aus Ptolemäus hinzu.

 

<[3] M. schickt die Chronik des [Johannes] Carion [Wittenberg, Georg Rhau, 1532], die er selbst geordnet und mit einem Anhang versehen hat und bei einem möglichen Neudruck aus Ptolemaios ergänzen will.>

4,1 Nunc expono ep. ad Rom., in quibus controversiam de iustificatione spero me sic illustraturum esse, ut nihil desiderari in ea causa dilucidius possit. 2 Alia enim ratione utar, quam qua in Apologia usus sum.

4,1 Gerade eben lege ich den Römerbrief aus; dabei hoffe ich die Streitfrage über die Rechtfertigung so klar darzustellen, dass man dabei keine größere Klarheit verlangen kann. 2 Ich will nämlich eine andere Methode als bei meiner Apologie verwenden.

<[4] Gegenwärtig erklärt M. den Römerbrief; er hofft, die Rechtfertigungsfrage — anders als in der Apologie — völlig klären zu können.>

5,1 Te oro propter Christum, ut, quod facis, pergas in docendo Evangelio ea, quae ad aedificationem et communem tranquillitatem faciunt, tradere.

2 Lutherus iussit, ut te amanter resalutem. 3 Nam ipse, etsi meliuscule valet, tamen scribere multa non potest.

4 Iustum Winter meis et Lutheri verbis salutabis. 5 Bene vale. 6 Ignosce  tacista kai kakwV grafonti

FilippoV.

 

5,1 Dich bitte ich um Christi willen, weiterhin bei der Lehre des Evangeliums das, was zur Erbauung und zum allgemeinen Frieden dient, zu vermitteln.

2 Luther hat mir aufgetragen, Dich voller Liebe wieder zu grüßen. 3 Denn er kann selbst, auch wenn es ihm ein wenig besser geht, doch nicht viel schreiben. 4 Grüße den Justus Winter von mir und Luther. 5 Leb wohl! 6 Verzeih dem ganz schnell und schlecht Schreibenden!

Philipp

 

<[5] Ermahnung zu konstruktiver Predigt. Grüße von Luther, dem es etwas besser geht, auch an Justus Winter.>

Corpus Reformatorum II, Sp. 567f., "No. 1032"

 

Carion an Herzog Albrecht, 1535-12-27: Rat an Melanchthon

1,1 Durchleuchtigster Houchgeborner Furst Gnedigster her, 2 mein Arm willig vnd vnuordrosßenn dienst seyhen zu alln Zeyten .e.f.g. zuuoran bereydt.

1,1 Erlauchtester, hochgeborner Furst, gnädigster Herr, 2 mein armer, williger, fleißiger Dienst stehe alle Zeit Eurer fürstlichen Gnade bereit!

2,1 Gnedigster herr.

2 Jch weiß gentzlichs nichtz newes e f g zu schreiben, 3 Dann allein das Jch mich einer emporung mit der Zeyt Jm landt zu würtenberg forchte, wie mir denn Meine freundt Mehrmals geschriben, 4 dann es weicht vil ansehenlichs volks vom adel vnd burgern Auß dem landt, 5 Vnd seyhen vil Zwinglische vnd widertauffer allenthalben Jm landt, 6 got welle sein gnad verleyhen das nicht ein pluotbad darauff werd. 7 Doctor Schnepff vnd doctor plärer predigen hefftig wider sie. 8 Aber es hilfft nicht, wie wol es gelarter menner Zwen seyhen.

2,1 Gnädigster Herr!

2 Ich weiß Eurer fürstlichen Gnade gar nichts Neues zu schreiben, 3 außer dass ich im Laufe der Zeit einen Aufstand im Land Württemberg befürchte, wie mir meine Freunde mehrmals geschrieben haben, 4 denn viele angesehene Leute vom Adel und Bürgertum wandern aus; 5 es gibt auch überall viele Zwinglianer und Wiedertäufer im Land. 6 Gott gebe seine Gnade, dass daraus kein Blutbad entstehe! 7 Doktor Schnepf und Doktor Blarer predigen heftig gegen sie; 8 aber es hilft nichts, obwohl es zwei gelehrte Männer sind.

3,1 Es hat vor acht tagen Magister philip melancton mir geschriben vnd meinen Rat gebeten, wie Jchs vor gut ansehe, 2 Ob ich Jm rathe (dhweil der hertzog Jm geschriben) Ehr soll sich j Jar oder ij hinauß wenden vnd die vniuersitet zu tibingen restituiern, so lang bis sie Jn ein schwanck khomm. 3 Als dann wolle Ehr Jm wider erlauben, gen wittenberg zu Ziehen etc. 4 Aber magister philippus hat kein lust darzu. 5 So will Jme auch der Churfurst von sachßen nicht erleuben.

3,1 Vor acht Tagen hat mir Magister Philipp Melanchthon geschrieben und meinen Rat erbeten, ob es mir gut erscheint, 2 ob ich ihm rate (weil der Herzog ihm geschrieben hat), für ein oder zwei Jahre fortzugehen und die Universität Tübingen zu restituieren, bis sie wieder in die Gänge kommt. 3  Danach wolle er ihm wieder erlauben, nach Wittenberg zu ziehen. 4 Aber Magister Philippus hat keine Lust dazu, 5 außerdem will es ihm der Kurfürst von Sachsen nicht erlauben.

4,1 Ytz aber vor iiij tagen ongefar Jst ehr hinauß zum Lantgraffen gen Zapffenburg gezogen, wurt ongefar vor pureficationis Marie wider khomen.

4,1 Jetzt aber ist er vor etwa vier Tagen zum Landgrafen nach Zapfenburg hinausgezogen; er wird ungefähr vor Mariae Reinigung <2. Februar> zurückkommen.

5,1 Auß holstein haben wyr nicht andere Zeytung, Dan wie die sach vertragen seyhe: 2 vnd ligen vil Knecht Vnd buchßenmeister vnd des gesindes Jn lübeck, 3 Jst die sag, man woll Jn Nur halben sold geben. 4 So macht sich das sel gesinnichen vnutz. 5 Vnd vermeinen Jhr etlich, so widerkomen, es mocht bellum Jntestinum darauß werden. 6 Dann der boefel ist dem Rath vnd andern vornemen nicht seer gut.

5,1 Aus Holstein haben wir nur die Nachricht, wie der Streit entschieden wurde. 2 Es liegen viele Büchsenmeister und Gesinde in Lübeck; 3 man sagt, man wolle ihnen nur den halben Sold geben. 4 So macht sich das sel gesinnichen vnutz. 5 Etliche von denen, die zurückkehren, meinen, daraus entstehe ein Bürgerkrieg. 6 Denn der Pöbel ist dem Rat und den andern Vornehmen schlecht gesonnen.

6,1 Jch handel noch teglichs mit Doctorj Ambrosio des hinein ziehens halben, 2 so enthelt Jn ein megtlin, des apoteken dochter, die will man Jme freyhen. 3 Jch halt aber, ehr soll sich darein begeben vnd Jn Kurtzem hinein Ziehen.

6,1 Ich verhandle noch täglich mit Doktor Ambrosius wegen seines Umzugs. 2 Aber ein Mädchen, die Apotheken-Tochter, hält ihn fest; man will sie mit ihm verheiraten. 3 Ich denke aber, er wird sich fügen und bald umziehen.

7,1 Die Materialien will Jch e f g bestelln, vnd was frischer, 2 Jch hab nicht Eher konnen darzu thun <länger Einfügung am Rand; s. u.> 3 Die Mindelheimer soln auch gefalln. 4 Will es euch fürstlich gnaden Zuschicken.

7,1 Die Materialien will ich Eurer fürstlichen Gnade bestellen, und was frischer. 2 Ich habe es nicht früher erledigen können. <s. u.> 3 Die Mindelheimer sollen auch gefallen. 4 Ich will es Euch, fürstliche Gnade, zuschicken.

8,1 Auch gnedigster furst vnd her bit Jch e f g gantz vnderthoniglich, 2 Dhweil vnd Jch Neben e f g vast der erste bin, der zu diser heyrad geraten vnd vorschleg gethon, e f g wollen m Jungen gnedigen hern schreiben, das mich sein f. g. nicht aufschließ, sonder weiter Jn solchen geschefften brauchen, das Jch es genießen mage.

 

3 Jch will doch alle werbung der maßen latinisch anstellen, das es m g h vnd e f g soll ein Eehr sein etc.

8,1 Außerdem, gnädigster Fürst und Herr, bitte ich untertänigst, 2 weil ich neben Eurer fürstlichen Gnade fast der erste bin, der zu dieser Heirat geraten und dazu Vorschläge gemacht hat, Eure fürstliche Gnade wollen meinem jungen gnädigen Herrn schreiben, dass mich seine fürstliche Gnade nicht ausschließt, sondern weiter in solchen Geschäften brauchen wolle, damit ich auch einen Vorteil davon habe. 3 Ich will die ganze Werbung dermaßen lateinisch anstellen, dass es für meinen gnädigen Herrn und Eure fürstliche Gnade eine Ehre wird.

9,1 Befhil mich e f g als Jren willigen diener.

 

2 Datum Berlin am tag Johanis euangelistes Anno etc xxxv.

 

3 E f G

williger vnd gantz gehorsamer diener

Johan Carion

9,1 Ich empfehle mich Eurer fürstlichen Gnade als willigen Diener.

2 Gegeben zu Berlin am Tag des Evangelisten Johannes <27. Dezember> 1535

3 Eurer fürstlichen Gnade

williger und ganz gehorsamer Diener

Johann Carion

Nachtrag auf dem linken Rand des ersten Blattes:

10,1 Jch besorg, Jch muß sie e f g mit einem eignen boten schicken. 2 Man mag so vil darauff wenden. 3 Jch hab sie heut Dato von Nürnberg bekommen, 4 e f g solln die in iij wochen bekomen.

10,1 Ich fürchte, ich muss sie Eurer fürstlichen Gnade mit einem eigenen Boten schicken. 2 Man kann sich darum bemühen. 3 Ich habe sie heutigen Datums von Nürnberg bekommen, 4 Eure fürstliche Gnade soll sie in drei Wochen bekommen.

Auf einem – anscheinend beigelegten - Zettel über dem rechten unteren Ende steht:

11,1 Die Compaß seyhen noch nicht fertig.

11,1 Die Kompasse sind noch nicht fertig.

Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz:  XX. HA, HBA, A4, K. 191 zu 1534(35)/12/27

Rot: unverständlicher Text

Die buchstaben- und zeilengetreue Abschrift befindet sich in meiner Sammlung der Briefe von und an Carion.

Carion an Herzog Albrecht, 1536-04-26: Reise nach Württemberg

1,1 Durchleuchtigster Hochgeborner furst, gnedigster her.

2 Mein arme dienst seyhen eurer furstlichen gnade zu allen zeyeten voran bereydt etc.

1,1 Durchlauchtester, hochgeborener Fürst, gnädigster Herr!

2 Meine armen Dienste seien Eurer fürstlichen Gnade allzeit ständig bereit.

2,1 Gnedigster furst vnd her.

2 Auff eurer furstlichen gnaden alles bitten vnd begern will ich den selben, so vill mir wissent, jn allen sachen nicht bergen etc.

2,1 Gnädigster Fürst und Herr!

2 Auf alle Bitten und Wünsche Eurer fürstlichen Gnade hin will ich, soweit ich Bescheid weiß, nichts verheimlichen.

3,1 Das geschrey geht, der Keyser laß sich zu Rom kronen, wollen ouch, nach dem vnd sich der frantzosich krieg endert, jn teutschen landen khomen. 2 Mann will sagen, den frantzosen soll der anfang berowehen haben. 3 Aber Thoma Lapj wurt jn khürtz bey eurer furstlichen gnade erscheinen. 4 Dem ich befolhen, muntlich so vil vorfolt, eurer furstlichen gnade anzuzeigen.

3,1 Es geht das Gerücht, der Kaiser lasse sich in Rom krönen und wolle auch, nachdem sich der französische Krieg geändert hat, nach Deutschland kommen. 2 Man möchte sagen, der Franzose habe den Anfang bereut. 3 Aber Thomas Lapi wird in Kürze bei Eurer fürstlichen Gnade vorsprechen. 4 Ihm habe ich befohlen, Eurer fürstlichen Gnade von den Vorfällen mündlich zu berichten.

4,1 Der graff von furstenberg hat etlich M knecht wollen jn franckreich fueren. 2 Hat der pfaltzgraff nicht weit von weisenburg iij c erschlagen, vnd ist der graff entkhomen, also, das der graff vnsicher vom keiser vnd dem frantzosen ist. 3 Der frantzoß, als ehr gemustert hat, hat ehr dem obersten hauptman ein ketten von 500 kronen geschenckt. 4 Darnach ein yden hauptman, feldweibel, doppelsolder etc. ein kheten von achtzig kronen vnd den knechten zu einem tranckgolt 7000 kronen. 5 Ehr hat ouch nicht mehr knecht dann 7000, one die Reysigen.

4,1 Der Graf von Fürstenberg hat einige tausend Knechte nach Frankreich führen wollen. 2 Der Pfalzgraf hat in der Nähe von Weißenburg 300 erschlagen, und der Graf ist entkommen, so dass der Graf vom Kaiser und dem Franzosen bedroht ist. 3 Als der Franzose gemustert hat, hat er dem obersten Hauptmann eine Kette von 500 Kronen geschenkt. 4 Danach <bekam> ein jeder Hauptmann, Feldwebel, Doppelsöldner usw. eine Kette von 80 Kronen und die Knechte ein Trinkgeld von 7000 Kronen. 5 Er hat auch nur mehr 7000 Knechte, ohne die Soldaten.

5,1 Der Lantgraff helt noch still. 2 Ehr ist auff den heutigen tag bey dem hertzog von würtenberg zu aurach. 3 Die sach zwischen beyhern vnd würtenberg ist vertragen, vnd die von Nürnberg haben sie vertragen. 4 Jst one des hertzogen von würtenberg schaden. 5 Die hertzogin von würtenberg ist noch bey dem speten zu pegnitz am bodensehe. 6 Die knecht, so jm ober landt seyhen angenomen worden, hat vast all der kheiser bekhomen.

5,1 Der Landgraf hält noch still. 2 Er ist bis heute beim Herzog von Württemberg in Aurach. 3 Die Sache zwischen Bayern und Württemberg ist geschlichtet, die von Nürnberg haben sie geschlichtet. 4 Das ist für den Herzog von Württemberg kein Schaden. 5 Die Herzogin von Württemberg ist noch bei dem Späth in Bregenz am Bodensee. 6 Fast alle Knechte, die im Oberland angeworben worden waren, hat der Kaiser erhalten.

6,1 Wie aber ich geschriben, das meine gnedige furstin jmerzu noch kranck seyhe, waß war, vnd nach meines gnedigen hern schreiben an eure furstliche gnade fiel sie vil harter ein, warde todlich kranck, 2 khurtz aber vmb Judica hat es sich gebessert, vnd ytz, goth hab lob, hupsch vnd gesunt. 3 Jhre furstliche gnade waren mit meinem gnedigen hern zu hall, da ich dann ouch waß, was jhre furstliche gnade alzeit gesunt.

6,1 Wie ich wieder geschrieben habe, dass meine gnädige Fürstin immer noch krank sei, war wahr, und nach dem Schreiben meines gnädigen Herrn an Eure fürstliche Gnade wurde sie schwerer, sogar tödlich krank. 2 Um Judica herum hat es sich gebessert, und jetzt ist sie, Gott sei gelobt!, hübsch und gesund. 3 Ihre fürstliche Gnade war mit meinem gnädigen Herrn zu Halle, ich war auch dabei, da war ihre fürstliche Gnade immer gesund.

7,1 Wyr ander aber hatten ein solche marter wochen vnd ostern, das kheiner nüchtern zu beth kont gen. 2 Hetten wyr alle tag gefast, wehr vns an seel vnd leib nutzer vnd gesunder gewesen.

7,1 Wir anderen aber hatten eine solche Marterwoche und Ostern, dass keiner nüchtern zu Bett gehen konnte. 2 Hätten wir alle Tage gefastet, wäre das für Seele und Leib nützlicher und gesünder gewesen.

8,1 Mein gnediger her, der Churfurst, hat daz sacrament genomen wie von alters. 2 Mochte noch leiden, das eure furstliche gnade seiner furstlichen gnade ein Corection schriben, doch mich nicht melden. 3 All seiner furstlichen gnaden synn vnd gemiet steen ytz zum newen thum, pfafferey vnd ander Narrenwerck etc., glocken vnd thurmpawhen.

8,1 Mein gnädiger Herr, der Kurfürst, hat wie eh und je das Sakrament genommen. 2 Ich hätte gerne, dass Eure fürstliche Gnade seiner fürstlichen Gnade einen Hinweis gäbe, aber verraten Sie mich nicht. 3 Der ganze Sinn und das Gemüt seiner fürstlichen Gnade richtet sich jetzt auf den neuen Dom, auf Pfafferei und anderes Narrenwerk usw., auf Glocken und Turmbau.

9,1 Mein genieß, der ist die weichsel hinab geflossen, mag wol sein, das jhn ein welscher windt verworffen. 2 Zweifel ouch nicht, das der welsch wint meiner gnedigen furstin hart entgegen seyhe vnd alle wolfart vnd gesuntheit nicht gunnen.

9,1 Mein Profit ist die Weichsel hinabgeschwommen, kann sein, dass ihn ein welscher Wind verweht hat. 2 Ich zweifle auch nicht, dass der welsche Wind meiner gnädigen Fürstin stark ins Gesicht bläst und ihr kein Glück und keine Gesundheit gönnt.

10,1 Konglicher majestat nativitet jn denmarck hab ich dem kong vbersant, vnd khein Exemplar darvon. 2 Aber wie all sach mich ansehen, hat es kheinen mangel. 3 Dann der 12. tag Augustj vnd darvor werden etwas mitbringen.

10,1 Die Nativität der königlichen Majestät von Dänemark habe ich dem König zugesandt, ich habe keine Abschrift davon. 2 Aber wie es ausschaut, geht es in Ordnung. 3 Denn der 12. August und die Tage davor werden etwas mitbringen.

11,1 Die beyde bruder vertragen sich plutvbel. 2 Es hat der Cardinal von Mentz hart wol jn den vj tag darin gehandelt, zwischen jhnen gern ein mittel getroffen, aber margraff [1] hat einen Denischen kopff, vnd jst hart icht [2]. 3 Es mangelt an meinem gnedigen hern dem Churfursten gar nichtz.

[1] + [2]: Im Manuskript ist hier ein Loch im Papier. Dadurch ist bei [1] der Name nicht lesbar; Voigt liest: "Hans". Bei [2] ist nur das Wortende "...icht" lesbar; Voigt liest "erweicht".

11,1 Die beiden Brüder vertragen sich miserabel. 2 Der Kardinal von Mainz hat wohl sechs Tage intensiv mit ihnen verhandelt, hätte gerne einen Kompromiss gefunden, aber der Markgraf hat einen dänischen Kopf und lässt sich nur schwer erweichen. 3 Mein gnädiger Herr, der Kurfürst, lässt es an nichts fehlen.

12,1 Auch, gnedigster herr, will ich eurer furstlichen gnade nicht bergen, das ich ytz auff Jubilate hinauß zeuch Jn das Landt zu würtenberg, jn mein Heymat, vnd willens, alda ein monat oder i ½  zu verharren. 2 Von eurer furstlichen gnade etwas an den hertzogen wolten werben lassen 3 mochten wyr die ein Credentz oder Jnstruction nachsenden, wolt ichs in der aller besten form gehrn ausrichten, wie jch mich zu thun schuldig erkhen. 4 Man findet mich zu büethickheim oder aber zu stugkgart, ligt ij meil voneinander etc.

12,1 Gnädigster Herr, ich will Eurer fürstlichen Gnade auch nicht verheimlichen, dass ich jetzt auf Jubilate in das Land zu Württemberg, in meine Heimat, hinausziehe und vorhabe, dort einen oder zwei Monate zu bleiben. 2 Besteht von Eurer fürstlichen Gnade ein Auftrag an den Herzog? 3 Falls Sie mir eine Beglaubigung oder Anweisung nachschicken wollten, werde ich es in der allerbesten Form gerne ausrichten, bekenne auch, dass das meine Pflicht ist. 4 Man findet mich in Bietigheim oder aber in Stuttgart, das liegt zwei Meilen voneinander.

13,1 Sus ist nichtz newes vorhanden, wolt es sus nicht bergen. 2 Will mich also eurer furstlichen gnade als meinem gnedigsten hernn befolhen haben. 3 Vnd denen zu dienen, finden sie mich gantz willig jn alwegen.

13,1 Ansonsten gibt es keine Neuigkeiten, ich würde es sonst sagen. 2 Ich möchte mich also Eurer fürstlichen Gnade als meinem gnädigsten Herrn empfohlen haben. 3 Und Sie finden mich immer willig, Ihnen zu dienen.

14,1 Datum Berlin Anno 1536, 26 apprilis

2 Eurer Furstlichen Gnade williger vnd gantz vndertheniger Diener

Johann Carion

Doctor

14,1 Gegeben zu Berlin, am 26. April 1536.

2 Eurer fürstlichen Gnade williger und ganz untertäniger Diener,

Johann Carion,

Doktor

Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz:  XX. HA, HBA, A4, K. 194 zu 1536/4/26

Die buchstaben- und zeilengetreue Abschrift befindet sich in meiner Sammlung der Briefe von und an Carion.

 

Melanchthon an Milichius, 1537-03-02: Carions Tod

D. Iacobo Milichio

S. D.

An Herrn Jakob Milichius

Sei gegrüßt!

1,1 De domesticis rebus nemo mihi praeter te quidquam significavit. 2 Quare officium tuum mihi gratissimum est.

3 In conventu nihil fuit, quod homo Philosophus sine gemitu aspicere aut audire posset. 4 Scripsi D. Ionae rerum summas, sed coram exponam copiosius.

5 Petus hic est, hortatus sum ut ad te scribat, et promisit.

6 Sed est admodum tetricus.

7 Fuerunt hic Bomgartnerus, Ebnerus, Osiander, Vitus, horum consuetudine maxime sum usus. 8 Ex Helvetiis nemo adest. 9 Grynaeus literas amanter scriptas ad me dedit.

10 Mihi Herpes fere totas manus ceu cortice circumdedit.

11 Haec colh fuerat mihi arthriticos dolores paritura, ut animadverti ex signis non obscuris, nisi erupisset.

12 Augustana causa, ut metuo, erit classicum belli. 13 Petiverunt a Canonicis Cives, ut Senatui iurarent, aut ex urbe discederent.

14 Ita illi discesserunt.

15 Pellitur e medio sapientia, vi geritur res.

16 Sed haec coram.

17 Bene vale.

18 Postridie Calend. Mar.

1,1 Über die inneren Angelegenheiten hat mir niemand etwas gesagt außer Dir. 2 Deshalb ist mir Dein Dienst hochwillkommen. 3 In der Versammlung gab es nichts, was ein Philosoph ohne Stöhnen hätte sehen oder hören können. 4 Dem Herrn Jonas habe ich das Wichtigste geschrieben, aber mehr werde ich ihm mündlich mitteilen.

5 Petus ist hier; ich habe ihm gesagt, er solle Dir schreiben, er hat's versprochen. 6 Aber er ist ziemlich unzugänglich.

7 Hier waren: Baumgartner, Ebner, Osiander und Vitus, mit ihnen war ich ständig zusammen. 8 Von den Schweizern ist keiner hier. 9 Grynaeus übergab mir einen für mich nett geschriebenen Brief. 10 An beiden Händen habe ich ein Geschwür wie eine Rinde. 11 Diese "Galle" hätte mir arthritische Beschwerden bereitet, wie ich an ganz deutlichen Anzeichen sah, wenn sie nicht aufgegangen wäre.

12 Die Augsburger Sache, fürchte ich, wird Signal zum Krieg. 13 Die Bürger haben von den Kanonikern verlangt, sie sollten auf den Senat schwören oder aus der Stadt verschwinden. 14 So haben sich jene verzogen. 15 Man vertreibt die Vernunft und betreibt das Ding gewalttätig. 16 Darüber aber mündlich. 17 Leb wohl!

18 Am 2. März

<[1] M. dankt für Nachrichten über seine Familie.
[2] Negatives Urteil über die [Schmalkaldische] Versammlung unter Hinweis auf den Bericht an Jonas und auf M.s Erzählung. Petus [Johannes Betz?] ist da; M. ermahnt ihn, an Mil. zu schreiben. M. war hauptsächlich mit [Hieronymus] Baumgartner, [Erasmus] Ebner, Osiander und Veit [Dietrich] zusammen. Kein Schweizer ist anwesend. [Simon] Grynaeus schrieb einen freundlichen Brief an M.
[3] M. wurde von einem Hautausschlag befallen.
[4] Über den Streit zwischen Bürgerschaft und Kanonikern in Augsburg.>

2,1 Saluta D. D. Augustinum et D. Crucigerum.
2 De Carionis morte cito huc allata est fama.

 

2,1 Grüße Herrn Doktor Augustinus und Herrn Cruciger
2 Von Carions Tod kam schnell Nachricht hierher.

 

<[5] Grüße an Augustin [Schurff] und Cruciger. Tod des [Johannes] Carion.>

Corpus Reformatorum III, Sp. 295f., "No. 1536"

 

Melanchthon an Erzbischof Sigismund,1558-04: Widmung der Chronik I

Illustrissimo et Reverendissimo Principi ac domino, Dom. Sigismundo, Archiepiscopo Meideburgensi, Primati Germaniae, Administratori Halberstatensi, Marchioni Brandenburgensi, Duci Pomeraniae etc. et Burggravio Norinbergensi etc. Principi clementissimo
S. D.

Dem erlauchtesten und verehrungswürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Sigismund, Erzbischof von Magdeburg, Primas von Deutschland, Administrator von Halberstadt, Markgraf von Brandenburg, Herzog von Pommern etc. und Burggraf von Nürnberg etc., dem allergnädigsten Fürsten.

Ich grüße Euch!

1,1 Excelluit ingenio, eruditione, consilio et virtute Hermannus Bonnus, qui in inclyta urbe Lubeca et doctrinae studia rexit, et Evangelium docuit.

2 Is ante annos viginti Germanicum Libellum, cui titulus est Chronicon Carionis, ut adolescentia invitaretur ad historiarum lectionem, et illo Compendio nonnihil adiuvaretur, in quo Monarchiarum seriem, et temporum collationem in praecipuis Ecclesiae, veteris Graeciae, et Romae negotiis probavit, latine interpretatus est.

3 Eam interpretationem cum postea viderem non solum in manibus esse adolescentum, sed etiam vagari per exteras nationes, retexendum esse iudicavi, non tam ut augerem, (etsi enim quaedam addidi, tamen compendii modus servandus est), quam ut phrasin Germanicam, quam interpres suo quodam consilio studiosius retinuerat, cum quidem facundus et disertus esset, propter adolescentes et exteros mutarem.

 

4 Nec alia causa fuit, cur hunc laborem susceperim.

5 Ut enim lectio ametur, intelligi orationem oportet.

1,1 An Begabung, Bildung, Rat und Tatkraft ragte hervor Hermann Bonnus, der in der berühmten Stadt Lübeck die Bemühungen um die Lehre leitete und das Evangelium lehrte. 2 Der hat vor zwanzig Jahren ein deutsches Büchlein mit dem Titel "Chronicon Carionis" ins Lateinische übersetzt, damit die Jugend eingeladen werde zur Lektüre der Geschichte und von diesem Handbuch ein wenig unterstützt werde, in dem er die Reihe der Monarchien und den Vergleich der Zeiten bei den zentralen Ereignissen der Kirche, des alten Griechenlands und Roms überprüfte. 3 Als ich später sah, dass diese Übersetzung nicht nur in den Händen der jungen Leute war, sondern sogar im Ausland im Schwange war, da glaubte ich, sie noch einmal durchgehen zu müssen, weniger um sie zu erweitern (auch wenn ich manches hinzugefügt habe, muss doch das Maß eines Handbuchs eingehalten werden), sondern vielmehr um die Germanismen wegen der jungen Leute und der Ausländer zu ändern, die der Übersetzer absichtlich allzu eifrig beibehalten hatte, obwohl er eigentlich wortgewaltig und beredt war.

4 Das war der einzige Grund, diese Mühe auf mich zu nehmen. 5 Damit nämlich das Lesen Anklang findet, muss man den Inhalt verstehen.

 

<[1] Hermann Bonnus übersetzte vor 20 Jahren das Chronicon Carionis ins Lateinische [CR 12, 708]. M.s Neubearbeitung [CR 12, 711-902].>

2,1 Cum autem prima editio Illustrissimo Principi Electori patri tuo dedicata sit, ne transferre munus in aliam familiam viderer, filio dedicare hanc editionem volui, quia patrem ipsum, cui iam historia Ecclesiae et Imperiorum notissima est, scio velle talia iam a filiis legi, et se vivo vos in possessionem doctrinae venire.

 

2 Cum igitur non dubitem, eum pro sua excellenti sapientia hanc nostram inscriptionem probaturum esse, te oro, ut hunc librum accipias, ac non tam meum, quam paternum munus esse cogites, et propter patrem Principem sapientia et virtute excellentem, magis ames, et legas saepius.

 

 

2,1 Da aber die erste Ausgabe dem erlauchtesten Kurfürsten, deinem Vater, gewidmet ist, wollte ich, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich würde die Gabe auf eine andere Familie übertragen, diese Ausgabe dem Sohn widmen, weil ich weiß, dass der Vater selbst, der die Geschichte der Kirche und der Reiche bestens kennt, will, dass solches nun auch von den Söhnen gelesen werde und dass schon zu seinen Lebzeiten ihr in den Besitz der Lehre kommt. 2 Da ich also nicht zweifle, dass er entsprechend seiner hervorragenden Weisheit diese unsere Widmungsinschrift billigen wird, bitte ich dich, dieses Buch anzunehmen und es weniger für ein Geschenk von mir als für eines deines Vaters zu halten und es wegen des fürstlichen Vaters, der an Weisheit und Tugend hervorragt, mehr zu lieben und öfters zu lesen.

 

<[2] Die erste Ausgabe war dem Kf. [Joachim II.] von Brandenburg, diese ist seinem Sohn Sigismund gewidmet.>

3,1 Est omnino necessaria singulis hominibus historiae cognitio, sed maxime gubernatoribus, quae sine temporum serie, sine gentium distinctione, et non monstrato Imperiorum ordine, lucem non habet.

3,1 Jeder einzelne Mensch, aber vor allem die Staatslenker, muss unbedingt die Geschichte kennen; ohne Reihenfolge in der Zeit, ohne Unterscheidung der Völker und ohne Aufklärung über den Ursprung der Reiche bleibt sie aber unterbelichtet.

4,1 Saepe audivi narrare Capnionem, cum apud Philippum Principem Palatinum Electorem essent Dalburgius Episcopus Vangionum, Rudolphus Agricola et ipse, et non solum in familiaribus colloquiis, sed etiam in deliberationibus de re publica saepe narrarent insignia exempla vel Persica, vel Graeca, vel Romana, mirifice accensum esse Principem studio cognoscendae historiae, sed dixisse, se animadvertere, distinctione temporum, gentium et imperiorum opus esse, eamque ob causam petivisse, ut sibi ex tota antiquitate, quantum nota esset, ex Ebraeis fontibus, et ex Graecis ac Latinis scriptoribus ordine contexerent Monarchias, ut mente complecti tempora mundi, et seriem maximarum mutationum posset.

 

2 Nulli tunc extabant scripti lingua Germanica libri de veteribus imperiis. 3 Nec Latina praeter Iustini confusaneam Epitomen, quae tamen distinctione temporum caret, habeantur. <1>

4 Erat ocium tunc illis doctis viris, et hoc labore delectabantur.

5 Ordine igitur ex Ebraeis, Graecis et Latinis monumentis Monarchias recensent, et maxime digna memoria suo loco adhibita temporum et gentium distinctione inserunt.

6 Legit avidissime id Scriptum Princeps ingeniosus, seque laetari dicebat, divinitus conservatam esse temporum seriem, et rerum praecipuarum memoriam.

 

7 Ostenderant enim ei continuatam esse mundi historiam ita, ut Herodotus inchoet suas narrationes paulo ante finem Propheticae historiae.

8 Nam et ante regnum Persicum, de quo narrationes luculentae extant in Daniele, Esdra et Nehemia, Regum Assyriorum et Aegyptiorum aliquot nomina sunt eadem in Prophetis et Herodoto.

9 Apryi praedicit exitium Ieremias, quod describit Herodotus.

10 Postquam Ieremiam interfecit Apryes, postea Amasis captum regem strangulat.

11 Agnoscere etiam se Princeps Palatinus dicebat testimonia praesentiae Dei in constitutione Monarchiarum, quia solis humanis viribus constitui et retineri non potuerint, et eo divinitus constitutae sint, ut essent custodes humanae societatis, coniungerent multas Gentes, restituerent leges, iudicia, pacem, ut doceri homines de Deo possent.

 

12 Saepe igitur repetebat Danielis verba: 13 Deus Imperia transfert et stabilit.

14 In mutationibus etiam et Tyrannorum poenis dicebat conspici iudicium Dei, et moneri totum genus humanum illustribus exemplis, ut agnoscat Deum, sciat ordinasse eum et velle iusta, et vere irasci violantibus ipsius ordinem.

15 Tales erant eius Principis sermones considerantis ordine Imperiorum incrementa et ruinas.

 

 

<1 "habeantur" wohl Druckfehler für "habebantur".>

4,1 Oft hörte ich Reuchlin erzählen: Wenn beim Kurfürsten Philipp von der Pfalz Dalberg, der Bischof von Worms, Rudolf Agricola und er selbst nicht nur bei freundschaftlichem Geplauder, sondern auch bei Diskussionen über Politik oft die ausgezeichneten persischen, griechischen oder römischen Beispiele nannten, da habe sich der Fürst wunderbar dafür begeistert, die Geschichte kennen zu lernen, aber er habe gesagt, er bemerke, man brauche die Unterscheidung der Zeiten, Völker und Reiche, und er habe deshalb darum gebeten, ihm aus der ganzen Antike, soweit bekannt, aus den hebräischen Quellen und den griechischen und lateinischen Autoren die Monarchien ordentlich darzustellen, damit man die Zeiten der Welt und die Abfolge der größten Veränderungen im Geiste erfassen könne.

2 Zu der Zeit gab es keine auf Deutsch geschriebenen Bücher über die alten Reiche. 3 Außer der disparaten Kurzfassung des Justinus, die doch keine Unterscheidung der Zeiten enthält, hatte man auch keine lateinischen.

4 Damals hatten jene Gelehrten Zeit, und diese Arbeit machte ihnen Spaß.

5 Der Reihe nach durchmustern sie in den hebräischen, griechischen und lateinischen Denkmälern die Monarchien, und das Denkwürdigste fügen sie an der richtigen Stelle ein, wobei sie die Unterscheidung von Zeiten und Völkern beachten. 6 Ganz begierig las diese Schrift der kunstsinnige Fürst und sagte, er freue sich darüber, dass die Reihenfolge der Zeiten und die Erinnerung an die wichtigsten Sachverhalte auf göttliche Weise bewahrt seien. 7 Sie hatten ihm nämlich gezeigt, dass die Weltgeschichte so zusammenhänge, dass Herodot seine Erzählungen kurz vor dem Ende der Prophetengeschichte beginne.

8 Denn vor dem Perserreich, über das es bei Daniel, Esdra und Nehemia bedeutende Erzählungen gibt, existieren einige gleiche Namen von assyrischen und ägyptischen Königen bei den Propheten und bei Herodot. 9 Jeremias sagt dem Apryes seinen Untergang voraus, den Herodot beschreibt. 10 Nachdem Apryes den Jeremias umgebracht hat, lässt später Amasis den gefangenen König erdrosseln. 11 Der Fürst der Pfalz sagte, er erkenne auch Anzeichen für die Gegenwart Gottes im Aufbau der Monarchien, weil sie allein mit Menschenkräften weder hätten aufgebaut noch erhalten werden können und deshalb durch göttliche Macht aufgebaut worden seien, um Hüter der Menschheit zu sein, um viele Völker zu verbinden, Gesetze, Urteile und Frieden wieder herzustellen, damit die Menschen von Gott gelehrt werden könnten.

12 Oft wiederholte er also Daniels Worte: 13 "Gott überträgt und festigt die Reiche." 14 Auch in den Veränderungen und Bestrafungen der Tyrannen erblicke man, sagte er, das Urteil Gottes und das ganze Menschengeschlecht werde durch leuchtende Beispiele ermahnt, Gott zu erkennen und zu wissen, dass er Gerechtigkeit eingerichtet habe und sie wolle und dass er wirklich denen zürne, die seine Ordnung verletzen. 15 So lauteten die Worte dieses Fürsten, wenn er der Reihe nach das Wachstum und den Zusammenbruch der Reiche betrachtete.

<[3] Über die deutsche Weltchronik, die auf Anregung des Kf. Philipp von der Pfalz von [Johannes] von Dalberg, Rudolf Agricola und [Johannes] Reuchlin verfaßt wurde.>

5,1 Etsi autem necesse est iunioribus initio proponi talia compendia, tamen cum accedit aetas, legendi sunt fontes, et historiae quae extant sapienter scriptae, cognoscendae sunt integrae, quantum fieri potest. 2 Est omnino excellentis sapientiae et eloquentiae opus historiam recte scribere. 3 Sed sapientia est etiam lectori necessaria considerare, quae commonefactiones ex historiis sumendae sint, de quibus haec regula tenenda est:

 

4 Sit vitae norma Decalogus, id est, lex Dei, sicut scriptum est,

 

5 In praeceptis meis ambulate.

6 Postea historias sciamus legum exempla esse, ac monstrare poenas atrocium scelerum, et liberationes iustorum.

7 Ac in utrisque non tantum eventus intueamur, sed Dei praesentiam cogitemus, qui sui ordinis custos est.

5,1 Zwar ist es notwendig, den jungen Leuten am Anfang solche Handbücher vorzulegen, wenn sie aber älter werden, müssen sie die Quellen lesen und die weise verfassten Geschichtsdarstellungen, soweit möglich, vollständig lesen. 2 Es ist überhaupt das Werk hervorragender Weisheit und Beredsamkeit, Geschichte richtig darzustellen. 3 Aber auch der Leser muss die Weisheit aufbringen zu bedenken, welche Hinweise aus der Geschichte zu entnehmen sind, für die folgende Richtschnur gilt: 4 Norm fürs Leben soll der Dekalog sein, d. h. das Gesetz Gottes, so, wie es geschrieben steht: 5 "Wandelt in meinen Vorschriften!" 6 Danach sollen wir wissen, dass die Geschichte Beispiele für Gesetze und dabei Strafen für grässliche Verbrechen und Befreiungen für die Gerechten bietet. 7 Und in beiden Bereichen wollen wir nicht nur die Ereignisse betrachten, sondern die Gegenwart Gottes bedenken, der Hüter seiner Ordnung ist.

 

<[4] Methodik des Geschichtsstudiums.>

6,1 Historiae Ethnicae magis proponunt exempla secundae Tabulae Decalogi, quorum multa pertinent ad praeceptum, Non occides, ad quod et haec regula pertinet: 2 Omnis qui gladium acceperit, videlicet non datum a legibus, gladio peribit.

 

3 Quam multi Tyranni, quam multae Gentes poenas dederunt, iuxta hanc regulam? 4 Movit Annibal non necessarium et iniustum bellum.

5 Etsi autem utrinque magnae clades acceptae sunt (nam bella communes poenae sunt utriusque partis), tamen Romani vincunt tandem.

6 Plenae sunt historiae talium exemplorum. 7 Et in hoc genere multa errata accidunt. 8 Brutus et Cassius existimant se iustam habere causam interficiendi Iulii. 9 Piso, Marius et multi sapientes contrarium iudicarunt. 10 Et lex divina inquit: 11 Qui potestati resistunt, incident in poenas. 12 Monent igitur historiae, ut recte iudicetur, quod cum in rebus obscuris difficile sit, diligentia adhibenda est, et a Deo consilium petendum est, et non necessaria in magnis rebus non sunt tentanda.

6,1 Die Geschichte der Heiden bietet mehr Beispiele für die zweite Tafel des Dekalogs, von denen sich viele auf das Gebot: "Du sollst nicht töten!" beziehen, zu dem auch folgende Regel gehört: 2 "Jeder, der das Schwert nimmt, natürlich außer wenn es von Gesetzen verliehen ist, wird durchs Schwert umkommen."

3 Wie viele Tyrannen, wie viele Völker haben nach dieser Regel gebüßt? 4 Hannibal brachte einen unnötigen und ungerechten Krieg in Gang. 5 Auch wenn beide Seiten große Niederlagen erfuhren (Kriege sind nämlich allgemeine Strafen für beide Seiten), so siegen die Römer doch am Ende.

6 Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. 7 Und in dem Bereich gibt es viele Irrtümer. 8 Brutus und Cassius meinen, sie hätten einen berechtigten Grund, Cäsar zu töten. 9 Piso, Marius und viele Weise urteilen gegenteilig. 10 Und das göttliche Gesetz sagt: 11 "Wer sich der Macht widersetzt, wird straffällig." 12 Die Geschichte mahnt also, richtig zu urteilen, was besonders in unklaren Sachverhalten schwierig ist: Man muss Sorgfalt anwenden, Gott um Rat bitten und darf nichts Unnötiges in wichtigen Angelegenheiten versuchen.

 

<[5] Geschichtliche Beispiele zur zweiten Tafel des Dekalogs.>

7,1 Multa exempla pertinent ad praeceptum, Non Moechaberis, cui lex addit comminationem: 2 Omnis anima, quae fecerit has abominationes, eradicabitur.

 

3 Saepe igitur propter libidinum confusiones totae Gentes deletae sunt, Sodoma, Thebae, Troia. 4 Contra Davidem horrenda seditio mota est a filio, trucidata multa millia civium, contaminatae sanctae matronae.

5 Est et urbe Roma stirps Regia expulsa. 6 Et in conspectu sunt exempla quotidiana. 7 Vagantur poenae per Regum, Principum et privatorum familias propter adulteria et incestas contaminationes.

7,1 Viele Beispiele beziehen sich auf das Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen!", dem das Gesetz die Drohung anhängt: 2 "Jede Seele, die diese Greuel begeht, wird ausgerottet."

3 Oft also wurden wegen verwirrter Leidenschaften ganze Völker vernichtet, Sodom, Theben, Troja. 4 Gegen David wurde von seinem Sohn ein schauerlicher Aufstand angezettelt, viele Tausende Bürger hingeschlachtet, ehrenwerte Damen geschändet. 5 Auch aus Rom wurde die königliche Nachkommenschaft vertrieben. 6 Und vor Augen stehen auch alltägliche Beispiele. 7 Es wimmelt von Strafen in den Familien von Königen, Fürsten und Privatleuten wegen Ehebruchs und unsittlicher Befleckung.

8,1 Multa exempla pertinent ad praeceptum, Non furtum facies, cui praecepto addita est comminatio: 2 Vae qui spolias, quia spoliaberis.

3 Cresphontes defraudatis orphanis fallaci sortione occupavit Messenen.

4 Postea cives eum interfecerunt, et coniunx Merope furens filios interfecit.

5 Haec poena fuit fraude occupati alii regni deceptis orphanis.

8,1 Viele Beispiele beziehen sich auf das Gebot: "Du sollst nicht stehlen!", dem die Drohung angehängt ist: 2 "Wehe, wenn du raubst, weil du beraubt werden wirst!" 3 Cresphontes besetzte Messina, nachdem er die Waisen mit trügerischem Los betrogen hatte. 4 Danach brachten ihn die Bürger um, und seine Frau Merope tötete im Wahnsinn die Söhne. 5 Das war die Strafe für ein betrügerisch besetztes fremdes Reich nach Täuschung der Waisen.

9,1 Haec eo dixi, ut exempla ad regulas prudenter accomodentur, et cogitemus Legem Dei normam vitae esse oportere, et exempla poenarum ad comminationes divinas congruere.

2 Nihil dubium est, poenas in hac vita mortali comitari atrocia delicta, etiamsi mitigantur iis, qui ad Deum redeunt.

9,1 Das habe ich deshalb gesagt, damit die Beispiele klug an die Regeln angepasst werden und wir denken, dass das Gesetz Gottes Norm des Lebens sein muss und dass die Strafbeispiele mit den göttlichen Drohungen im Einklang stehen.

2 Es besteht kein Zweifel, dass Strafen in diesem sterblichen Leben die grässlichen Vergehen begleiten, auch wenn sie für die gemildert werden, die zu Gott zurückkehren.

10,1 Deinde quantus usus est Chronicorum et Historiae in doctrina primae tabulae Decalogi? 2 Necesse est scire seriem patefactionum divinarum, Legis et Promissionis gratiae. 3 Necesse est considerari, quae et ubi semper vera Ecclesia Dei fuerit, quae fuerit vox verae doctrinae, quam horrendae tenebrae fuerint et sint in maxima multitudine hominum, qui discesserunt a vero Deo et a vera doctrina, et furenter excogitarunt commenticia numina.

10,1 Wie groß ist dann der Nutzen von Chroniken und Geschichte im Hinblick auf die Lehre der ersten Tafel des Dekalogs? 2 Man muss die Reihe göttlicher Offenbarungen, des Gesetzes und des Gnadenversprechens kennen. 3 Man muss betrachten, was und wo die ewig wahre Kirche Gottes war, was die Stimme der wahren Lehre war, wie schauerlich die Finsternis war und ist in der riesigen Menge der Menschen, die sich vom wahren Gott und von der wahren Lehre entfernt haben und im Wahnsinn erlogene Götzen sich ausgedacht haben.

 

<[6] Nutzanwendung der Geschichte auf die erste Tafel des Dekalogs.>

11,1 Ostendunt etiam Historiae aerumnas Ecclesiae, et testimonia praesentiae Dei in liberationibus. 2 Ac sapienter accommodanda sunt exempla ad primam tabulam, quomodo tolerandae sint aerumnae, et quomodo petenda et expectanda sit liberatio. 3 Semper certa sit spes salutis aeternae, etiamsi in hac vita mortali magnis calamitatibus opprimimur. 4 Mitigantur tamen hae quoque recte invocantibus, ut Davidi, Iosaphat, Ezechiae, Manassae, et aliis innumerabilibus, quorum exempla congruunt ad regulas:

5 Invoca me in die tribulationis, et eripiam te.

6 Item: Convertimini ad me, et ego convertar ad vos.

7 Si fuerint peccata vestra ut coccinum, et ut vermiculus, eritis candidi ut nix.

 

8 Ut enim exemplis recte uti possimus, simul et regulas oportet notas esse.

11,1 Die Geschichte zeigt auch die Mühen der Kirche und Anzeichen für die Gegenwart Gottes in den Befreiungsaktionen. 2 Und man muss die Beispiele weise der ersten Tafel anpassen, wie man die Mühen ertragen und wie man die Befreiung erstreben und erwarten muss. 3 Immer soll die Hoffnung auf ewiges Heil verlässlich sein, auch wenn wir in diesem sterblichen Leben von großem Unglück bedrängt werden. 4 Doch auch dies wird gemildert für die, die in rechter Weise anrufen, wie für David, Josaphat, Ezechias, Manasse und für unzählige andere, deren Beispiele mit den Regeln übereinstimmen: 5 "Rufe mich an am Tag der Drangsal, und ich werde dich entreißen!" 6 Ebenso: "Wendet euch mir zu, und ich werde mich euch zuwenden!

7 Wenn eure Sünden waren wie ein rotes Tuch und wie ein Scharlachwurm, werdet ihr weiß wie Schnee."

8 Um nämlich die Beispiele richtig nutzen zu können, müssen wir zugleich auch die Regeln kennen.

12,1 Iam de controversiis Ecclesiae quantum refert scire veteres diiudicationes, qui fuerint testes verae sententiae, quae fuerint hostium agmina.
 

2 Quam dulce est videre consensum Irenaei, Gregorii Neocaesariensis et similium veterum peri Logou, qui antecesserunt Synodum Nicenam, sicut et Ignatius scribit, saepe repetens haec verba:

3 qeoV logoV et logoV ousiwdhV, non sonus evanescens.

4 Et Alexander Episcopus Alexandrinus, qui refutationem Arii scripsit ante Nicenam Synodum, testimonia superiorum temporum recenset, et inter caetera inquit: 5 h enagcoV epanastasa th ekklhsiastikh eusebeia, didaskalia, ebiwnoV esti
kai artema, kai zhloV tou kata antioceian paulou tou samosatewV sunodw
kai krisei twn apantacou episkopwn apokhrucqentoV thV ekklhsiaV
.

 

 

 

6 Haec omnia, si non extarent historiae, prorsus ignota essent, ac ne hoc quidem sciretur, quae prior quae posterior sit doctrina, quod considerari necesse est, quia non contemnendum est Tertulliani dictum: 7 Primum quodque verissimum est.

12,1 Wie wichtig ist es nun, bezüglich der Streitfragen der Kirche die alten Entscheidungen zu kennen, zu wissen, wer die Zeugen der wahren Meinung, was die Scharen der Feinde waren.

2 Wie erhebend ist es, den Einklang von Irenaeus, Gregor von Neocaesarea und ähnlicher Alter über den Logos zu sehen, die dem Konzil von Nikaia vorausgingen, wie auch Ignatius schreibt, der oft folgende Worte wiederholte:

3 "Gott ist Logos" und "wirklicher Logos", nicht verklingender Klang.

4 Und Alexander, der Bischof von Alexandria, der die Widerlegung des Arius schrieb vor dem Konzil von Nikaia, prüft die Zeugnisse der früheren Zeiten und sagt unter anderem: 5 "<Ihr seid ja selbst von Gott belehrt und wisset wohl, daß> die vor kurzem gegen den wahren und frommen Glauben der Kirche aufgetretene Lehre die des Ebion und des Artemas ist und eine Nachahmung der Lehre des Paul von Samosata zu Antiochia, der durch eine Synode und durch den Richterspruch von Bischöfen, die von allen Seiten her zusammengekommen waren, aus der Kirche ausgeschlossen wurde." <2>

6 Wenn es keine Geschichte gäbe, wäre all das völlig unbekannt, und man wüsste nicht einmal das, welche Lehre früher, welche später ist, was man doch beachten muss, weil man jenes Wort Tertullians nicht missachten darf: 7 "Jedes erste ist das Wahrste."

 

<[7] Die Kenntnis der Kirchen- und Dogmengeschichte schärft den Blick für neue Irrlehren und die Unterdrückung der Wahrheit.>

<2> < Theodoret Historia  Ecclesiastica I. 4.; Übersetzung von "Bibliothek der Kirchenväter": http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2086.htm

Dazu dort Anmerkung 39: "Theodoret hält, wie verschiedene andere Kirchenväter, Ebion für eine historische Persönlichkeit und für den Stifter der Ebioniten. Allein die Ebioniten, richtiger Ebionäer, haben ihre Bezeichnung höchst wahrscheinlich nicht von einem Stifter dieses Namens, sondern von dem hebräischen Worte Ebionim, d. h. die Armen. Ursprünglich wurden nämlich alle Christen so genannt, weil sie meist arm waren; später ging die Bezeichnung auf die Judenchristen über und schließlich verblieb sie den häretischen Judenchristen, welche nicht nur die absolute Verbindlichkeit des mosaischen Gesetzes lehrten, sondern auch Christus für einen bloßen Menschen hielten, für den Sohn Josephs und Maria. — Artemas oderArtemon lebte im 3. Jahrhundert [noch um 270]; er behauptete ebenfalls, daß Christus ein bloßer Mensch gewesen sei. — Das gleiche lehrte auch Paul von Samosata, Bischof von Antiochien und Statthalter der Königin Zenobia von Palmyra, zu deren Reich Syrien [mit Antiochien] damals gehörte. Nach ihm wohnte der Logos in dem Menschen Jesus nicht als göttliche Person, sondern als göttliche Eigenschaft oder Kraft.">

13,1 Cum Meletius seditionem in Ecclesia Alexandrina moveret, de lapsis non recipiendis, qui supplices ad Ecclesiam redire volebant, Petrus Episcopus exempla vetustatis opposuit, et vera consolatione erexit eos, qui ad veram invocationem redituri erant.

2 Eius iudicii memoriam gratam esse piis contra Novati rabiem manifestum est.

3 Extant et vera testimonia contra Martionem, Manichaeos et Pelagianos edita, in quibus multum ab Historia adiuvamur.

13,1 Als Meletius einen Aufruhr in der Kirche von Alexandria anzettelte wegen der Nichtwiederaufnahme der Sünder, die demütig zur Kirche zurückkehren wollten, hielt ihm Bischof Petrus die Beispiele der alten Zeit entgegen und richtete mit wahrem Trost diejenigen auf, die zur wahren Anrufung zurückkehren wollten.

2 Es ist offensichtlich, dass die Erinnerung an sein Urteil den Frommen willkommen ist gegen die Raserei des Novatus. 3 Es gibt auch wahre Zeugnisse gegen Markion, die Manichäer und Pelagianer, in denen wir stark von der Geschichte unterstützt werden.

14,1 Nec tantum prodest videre, ubi recte iudicatum sit, sed etiam ubi veritas Hypocritarum factionibus oppressa sit. 2 Quia interdum hoc quoque accidit, ut, cum falsa decreta facta sunt, quae Romano Pontifici tribuunt summam auctoritatem, non solum in Ecclesia, sed etiam in transferendis imperiis mundi.

3 Item de adoratione hominum mortuorum, de circumgestatione panis in pompa Persica, de Sacrificio venali, de Coelibatu.

 

4 Haec decreta etsi aliquot seculorum spaciis confirmata sunt, (ut propter temporis longitudinem fit illud Simonideum, doxa biazetai thn alhqeian), tamen deprehenditur vanitas non solum ex scriptis Propheticis et Apostolicis, sed etiam ex consensu purioris antiquitatis, quem historiae dignae fide ostendunt ab hac recenti turba Pontificum et Monachorum dissentire.

5 Semper autem in exemplis anteferenda sunt ea, quae cum Norma iudicii congruunt, videlicet, cum scriptis Propheticis et Apostolicis, iuxta dictum:

6 Si quis alium Evangelium docet, anathema sit.

14,1 Es ist nicht nur nützlich zu sehen, wo richtig geurteilt wurde, sondern auch, wo die Wahrheit von Parteien der Heuchler unterdrückt wurde, 2 weil manchmal auch das geschah, dass, wenn es zu falschen Beschlüssen kam, die dem Papst in Rom höchste Autorität zubilligen, nicht nur in der Kirche, sondern auch bei der Übertragung der Weltreiche. 3 Ebenso wegen der Anbetung toter Menschen, wegen des Herumtragens des Brotes in einer persischen Prozession, wegen des käuflichen Opfers, wegen des Zölibats.

4 Auch wenn diese Beschlüsse durch die Spanne einiger Jahrhunderte bekräftigt sind (wie wegen der Länge der Zeit es zu jenem Spruch des Simonides kommt: "Die Lehre tut der Wahrheit Gewalt an."), entdeckt man ihre Hohlheit nicht nur aufgrund prophetischer und apostolischer Schriften, sondern auch durch den Einklang des reineren Altertums, der – wie glaubwürdige Geschichtsschreibung zeigt – von dieser neuzeitlichen Menge der Päpste und Mönche abweicht. 5 Immer muss man aber bei den Beispielen die bevorzugen, die mit der Urteilsnorm übereinstimmen, d. h. mit den Schriften der Propheten und Apostel, gemäß dem Spruch: 6 "Wenn jemand ein anderes Evangelium lehrt, soll er dem Bann verfallen!"

15,1 Considerentur autem praecipue in historia Ecclesiae, semina utriusque Imperii huius senectae mundi, Mahometici et Pontificii.

2 Utrunque ortum est ex dissidiis de doctrina. 3 Cum in Oriente dilaceratae essent Ecclesiae non tantum Ariana peste, sed etiam Manichaeis et aliis furoribus, et haec varietas in multorum animis dubitationes et odium religionis Christianae et nominis Christiani accenderet, et disciplina laxata esset, facile impelli homines potuerunt, ut novum dogma, quod obscuras disputationes tollebat, et tantum plausibilia humanis iudiciis proponebat, amplecterentur, praesertim cum et Imperium Romanum multae gentes iam et odissent et contemnerent,

4 avide arripuerunt illae gentes alioqui et curiosae et leves, Aegyptia, Arabica, Syriaca, opiniones populares, et autorem Mahometum armaverunt.

15,1 Besonders soll man aber in der Kirchengeschichte die Keimzellen der beiden Reiche dieses Greisenalters der Welt bedenken, des mohammedanischen und des päpstlichen. 2 Beide entstanden aus Streitigkeiten über die Lehre. 3 Als im Orient die Kirchen zerfleischt worden waren, nicht nur von der Seuche des Arius, sondern auch von den Manichäern und anderem Wahnsinn, und diese Vielfältigkeit in den Herzen vieler Zweifel und Hass auf die christliche Religion und den christlichen Namen hervorrief und die Zucht gelockert war, konnten die Menschen leicht dazu getrieben werden, ein neues Dogma, das die dunklen Diskussionen aufhob und dem menschlichen Urteil nur Akzeptables vorsetzte, zu begrüßen, zumal da auch das Römische Reich viele Völker schon hassten und verachteten; 4 gierig ergriffen jene Völker, die auch sonst neugierig und leichtfertig sind: das ägyptische, arabische, syrische, die populären Lehrmeinungen und statteten ihren Urheber Mohammed mit Waffen aus.

16,1 Praecipue vero potentia Romani Pontificis crevit, cum attracti sunt Franci in Italiam, quod fiebat Graecorum odio, non quidem iniusto.

2 Nam et iniusta eorum Imperia erant, et vires non erant pares iis Gentibus, quae Italiam vastabant. 3 Sed tamen alia causa praetexebatur, accusabantur Graeci, quod delerent picturas et statuas templorum.

4 Sciebant autem Romani Pontifices, valde abhorrere Gallorum et Germanorum animos ab eikonomacia, quare facile persuadebant nostris, ut Graecos tanquam Religionis hostes procul ex Italia depellerent.

5 Postea propter Regum discordias crevit Pontificum auctoritas, qui Italiam inclinabant ad quos volebant. 6 In his confusionibus tandem nati sunt Monachi, quorum avaricia cumulavit Idola et errores.

16,1 Vor allem aber wuchs die Macht des römischen Papstes, als die Franken nach Italien hereingezogen wurden, was aus Hass auf die Griechen geschah, und nicht zu Unrecht. 2 Denn ihre Herrschaften waren ungerecht, und ihre Kräfte waren den Völkern nicht gewachsen, die Italien gerade verwüsteten. 3 Aber trotzdem wurde ein anderer Grund vorgeschoben, die Griechen wurden beschuldigt, Bilder und Statuen in Kirchen zu zerstören. 4 Die römischen Päpste wussten aber, dass Franzosen und Deutsche dem Bilderkampf völlig abgeneigt sind, weil sie leicht die Unsrigen dazu brachten, die Griechen gleichsam als Religionsfeinde weit aus Italien zu vertreiben. 5 Wegen der Zwietracht der Könige wuchs später die Autorität der Päpste, die Italien in Richtung der Leute brachten, die sie wollten. 6 In diesem Durcheinander entstanden schließlich die Mönche, deren Habsucht Götzenbilder und Irrtümer anhäufte.

17,1 Harum rerum series cum in Historia conspicitur, accendatur in nobis cura recte discendi, et tuendae coniunctionis in vera Ecclesia.

2 Quam ad rem etiam opus est candore et moderatione disputationum et adfectuum. 3 Quia non sine gravi causa Platonicum illud celebratum est: 4 ta megala kaka ouk allwV h ek filoneikeiaV sunistatai.

17,1 Wenn man in der Geschichte die Reihe dieser Ereignisse sieht, wird in uns die Sorge, richtig zu lernen und die Verbindung mit der wahren Kirche zu schützen, geweckt. 2 Dazu braucht es auch Lauterkeit und Mäßigung in leidenschaftlichen Diskussionen. 3 Deshalb ist nicht ohne gewichtigen Grund jener Satz Platons berühmt: 4 "Die großen Übel entstehen nicht anders als aus Streitsucht."

18,1 Oro autem filium Dei, Dominum nostrum Iesum Christum, crucifixum pro nobis et resuscitatum, ut semper Ecclesiam sibi inter nos colligat. 2 Horribilis mutatio omnium Regnorum generi humano impendet, qua barbaricam vastitatem fieri in his regionibus filius Dei prohibeat.

3 Nos etiam pietate morum et invocatione Dei studeamus impetrare poenarum mitigationem. 4 Et diligentiam in studiis doctrinae et in fovendis Ecclesiis adhibeamus, ne tristissima poena obruamur, de qua scriptum est:

5 Quia scientiam repulisti, repellam te.

6 Crescit feritas in moribus, negliguntur doctrinae studia, et ducitur esse virtus laxare disciplinam.

7 His publicis malis omnes gubernatores summi et infimi repugnare debent.

8 Cumque nos, quibus doctrinae propagatio commendata est, iuventuti hortatores esse debeamus ad recte discendum et ad omnia honesta officia auxiliis gubernatorum indigeamus, oro, ut boni principes et alii gubernatores considerent singulorum labores, et recte docentes et amantes communem salutem et concordiam adiuvent.

9 Ego quidem hac voce Paulina et me et alios in his docendi laboribus saepe confirmo: 10 Non erit inanis labor vester in Domino.

11 Non dubito Deum gubernatorem et brabeuthn esse nostrorum laborum, et eum assiduis gemitibus et votis oro, ut faciat me skeuoV eleouV, et organum utile discentibus.

 

12 Et huius meae voluntatis conscientiam oppono Sycophantarum crudelitati, et spero sapientum et bonorum iudicia de me esse mitiora, quam sunt inimicorum.

13 Laetabor enim, si tibi et aliis iunioribus huius libri lectionem gratam fuisse intellexero.

14 Filius Dei Dominus noster Iesus Christus te protegat et gubernet.

15 Anno 1558.

Philippus Melanthon.

18,1 Ich bitte aber Gottes Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, für uns gekreuzigt und wieder erweckt, dass er sich seine Kirche immer unter uns sammelt. 2 Eine grässliche Veränderung aller Reiche droht dem Menschengeschlecht; Gottes Sohn möge verhindern, dass es dadurch zu einer barbarischen Verheerung in diesen Gegenden kommt. 3 Wir wollen uns auch durch Erfüllung der sittlichen Pflicht und die Anrufung Gottes darum bemühen, Milderung unserer Strafen zu erreichen! 4 Wir wollen uns auch sorgfältig um die Lehre und die Pflege der Kirchen bemühen, damit wir nicht von traurigster Strafe erfasst werden, über die geschrieben steht: 5 "Weil du das Wissen verstoßen hast, verstoße ich dich." 6 Es wächst die Wildheit in den Sitten, man vernachlässigt die Bemühungen um die Lehre, man meint, Tugend sei, die Disziplin zu lockern. 7 Diesen Übeln des Volkes müssen alle Staatsmänner, ganz oben und ganz unten, Widerstand leisten. 8 Und da wir, denen die Ausbreitung der Lehre anvertraut ist, die Jugend zum rechten Lernen ermahnen müssen und wir zu allen ehrenwerten Pflichten die Hilfe der Staatslenker brauchen, bete ich dafür, dass gute Fürsten und andere Staatslenker die Mühen der einzelnen beachten und die, die richtig lehren und Gemeinwohl und die Eintracht lieben, unterstützen. 9 Ich nun stärke durch folgendes Paulus-Wort mich und andere oft bei diesen Mühen des Lehrens: 10 "Eure Mühe wird im Herrn nicht nutzlos sein!" 11 Ich zweifle nicht, dass Gott Lenker und Richter unserer Mühen ist, und ich bete in beständigen Seufzern und Gebeten zu ihm, er mache mich zu einem Werkzeug seines Erbarmens und zu einem nützlichen Werkzeug für die Lernenden. 12 Und das Bewusstsein dieser meiner Absicht stelle ich der Grausamkeit der Intriganten entgegen und hoffe, die Urteile der Weisen und Tüchtigen über mich seien milder als die der Gegner.

13 Ich werde mich nämlich freuen, wenn ich weiß, dass dir und anderen jungen Leuten die Lektüre dieses Buches angenehm war. 14 Gottes Sohn, unser Herr Jesus Christus schütze und leite dich!

15 Im Jahre 1558.

Philipp Melanchthon

 

<[8] Die Verantwortung der Fürsten und Lehrer für die Jugend.>

Corpus Reformatorum IX, Sp. 531 - 538, "No. 6513"

Fassungsvergleich "Karl der Große"

Rot markiert sind die Unterschiede in den beiden Fassungen.

Erstfassung

Zweitfassung

7 Von Deudschen Keisarn.

7,1 Carolus Magnus.

<311> Von Deudschen Keisarn.

Carolus Magnus.

7,1,1 Anno Christi. 801
Anno Mundi. 4843
Anno Romae. 1551